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Geschichte, Religion und Gesellschaft

Das zweitgrößte islamische Land der Erde


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Auf dem Subkontinent leben 450 Millionen Muslime, über ein Drittel davon in Indien
Dietrich Reetz
Wenn man von Indien spricht, denkt man sicher auch heute noch in Bezug auf die Religion in erster Linie an die Hindus. Sie bestimmen mit ihren Traditionen
Muslime in einer Moschee in Bhopal
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Muslime in einer Moschee in Bhopal (Madhya Pradesh)
Foto: Rainer Hörig

und Riten in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend die Vorstellung über das Land. Dabei wird vergessen, dass Indien und der gesamte südasiatische Subkontinent zu den Regionen gehören, in denen die meisten Muslime in der Welt leben. Nach Indonesien weist Indien die zweitgrößte Zahl von Muslimen auf – etwa 150 bis 170 Millionen, die einem Bevölkerungsanteil von 13,4 Prozent (Zensus 2001) entsprechen. Damit liegt Indien etwa gleichauf mit Pakistan und Bangladesch. Zusammen leben hier über 450 Millionen Muslime – etwa zwei bis drei Mal mehr als in der arabischsprachigen Welt.

Zur Person
Dietrich Reetz ist Privatdozent für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Moderner Orient Berlin (ZMO). Er unterrichtet Kurse zur Globalisierung, Nuklearpolitik und der Verbindung von Politik und Religion in Südasien. Sein neuestes Buch ist 2006 bei Oxford University Press erschienen: "Islam in the Public Sphere: Religious Groups in India 1900-1947". Seit Juli 2006 leitet er ein Verbundprojekt zu "Muslimen in Europa und ihren Herkunftsgesellschaften in Asien und Afrika".

Einflüsse des Islam sind nicht nur unter den verschiedenen muslimischen Gemeinschaften Indiens zu finden, die ungleich über das ganze Land verteilt leben – vor allem in Kaschmir, Uttar Pradesh, Bihar, Westbengalen, Assam, Andhra Pradesh sowie an der West- und Ostküste des Landes, darunter dem Inselarchipel Lakshadweep. Der Islam prägte auch viele Gebiete der Kultur wie Literatur und Sprachen oder Architektur, selbst die Kino-Industrie in Mumbai (Bombay). Bis heute spielt die mit Hindi eng verwandte nordindische Sprache Urdu eine zentrale Rolle in der Kommunikation unter den Muslimen Indiens und Südasiens. Muslime gelten heute im Durchschnitt sozialökonomisch als benachteiligt und sind in den Wachstumsbranchen der Wirtschaft unterrepräsentiert. Trotz einheitlicher Rechtsverhältnisse in Indien haben Muslime die Möglichkeit, Personenstandsfragen nach dem Scharia-Zivilrechtsgesetz von 1937 gesondert zu regeln.

Zusammenleben der Religionsgruppen überwiegend friedlich

Die muslimische Minderheit ist ein Faktor in der Innenpolitik wie auch in den internationalen Beziehungen Indiens geblieben.
Taj Mahal in Agra
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Taj Mahal in Agra
Foto: Stefan Mentschel

Zwar gibt es in Indien keine gesamtnationale muslimische Partei, aber auf lokaler und regionaler Ebene haben sich in Kaschmir, Kerala, Andhra Pradesh, Karnataka, Tamil Nadu, Assam und Westbengalen kleinere Parteien etabliert, die zum Teil auch als Koalitionspartner in den Bundesstaaten regiert haben. Bei gesamtnationalen Wahlen bemühen sich die großen Parteien um die Stimmen der Muslime, die in zehn Wahlkreisen die Mehrheit bilden und in weiteren zehn Wahlkreisen mit 30 bis 40 Prozent Stimmenanteil als wahlentscheidend gelten können.

Neben dem Unionsterritorium Lakshadweep ist der Bundesstaat Jammu und Kaschmir der einzige mit einer Muslim-Mehrheit. Seit den Kriegen mit Pakistan von 1948/49 kontrollieren Pakistan ein und Indien zwei Drittel von Kaschmir. In dem Konflikt spielen auch separatistische Muslim-Gruppen eine Rolle, darunter die örtliche Islamische Partei (Jama’at-i Islami). Die aktivsten militanten Gruppen wie Lashkar-e Taiba (Heilige Armee) und Jaish-e Muhammadi (Armee Muhammads) erhalten offenbar auch aus Pakistan Unterstützung. Mehrere Gruppen haben sich 1993 in Kaschmir in dem oppositionellen Parteienbündnis der All Parties Hurriyat Conference zusammengeschlossen, von denen einige eine pro-pakistanische Position vertreten.

Muslime sind auch regelmäßig Opfer inter-religiöser Gewalt, zuletzt 2002 bei den Pogromen im Bundesstaat Gujarat, denen nach offiziellen Angaben 800 Muslime und 250 Hindus erlagen, Nichtregierungsorganisationen sprechen sogar von über 2000 Todesopfern. Doch obwohl Muslime häufig von radikalen Hindu-Nationalisten zu "Feinden der Nation" deklariert werden, verläuft das Zusammenleben zwischen den Religionsgruppen auf ganz Indien bezogen überwiegend friedlich.

Außenpolitisch muss sich Indien vor allem mit den Ansprüchen einzelner politischer Kräfte in Pakistan auseinandersetzen. Diese verlangen eine Mitsprache beim Umgang mit den Muslimen in Indien. Zugleich hat Pakistan häufig versucht, Indiens Beziehungen zu muslimischen Staaten zu behindern. Das richtete sich auch gegen Indiens frühere Versuche, der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) beizutreten. Dennoch unterhält es, nicht zuletzt aus diesen Gründen, enge Beziehungen zu einer Reihe islamischer Länder wie Iran, Saudi-Arabien und Indonesien. Im Nahost-Konflikt steht Indien traditionell auf der Seite der Palästinenser, obwohl es seit einigen Jahren auch graduell seine Beziehungen zu Israel entwickelt.

Um die Rolle des Islam in Indien und Südasien richtig zu verstehen, muss man das Land auch im Zusammenhang mit seinen Nachbarn Pakistan und Bangladesch sehen. Alle drei waren bis 1947 Teil der Kolonie Britisch-Indien. Damals hatten sich die mehrheitlich von Muslimen bewohnten Gebiete als selbständiger Staat Pakistan abgespalten. Dessen Ostteil erlangte wiederum 1971 als eigener Staat Bangladesch die Unabhängigkeit. In diesem Teilungsprozess verblieb allerdings eine erhebliche Zahl von Muslimen in Indien.

Islamische Einflüsse prägen Indien sein Jahrhunderten

Die Mehrheit der indischen Muslime ist stark säkularisiert. Dennoch haben die religiösen Institutionen eine große Ausdifferenzierung erfahren und in den letzten Jahrzehnten wieder stärkeren Zuspruch erhalten. Der Islam kam schon zu Lebzeiten des Propheten nach Indien, offenbar durch arabische Händler, vor allem an der Westküste Indiens und später durch muslimische Truppen aus Richtung Afghanistan im Gebiet der heutigen Provinz Sindh in Pakistan (711) und im Punjab (10./11. Jahrhundert). Auch Missionare in der Tradition des Sufismus trugen erheblich zur Ausbreitung des Islam bei. Nicht selten traten ganze Bevölkerungsgruppen unter der Führung ihres Kasten-, Klan- oder Stammeschefs geschlossen über. So bildeten sich Gebiete heraus, in denen der Islam dominierte. In anderen Gebieten vertraten Muslime bestimmte Berufsstände, wie die Textilarbeiter und einige Händlergruppen in Gujarat, sowie Bauern oder auch Grundbesitzer in anderen Gegenden.

Über 600 Jahre regierten muslimische Dynastien Indien, zunächst als Herrscher des Sultanats von Delhi (1211-1315), später als Kaiser des Mogul-Reiches (ab 1526). Mit dem Beginn der britischen Vorherrschaft (1756) wurde der letzte Mogul-Kaiser Bahadur Schah II. verdrängt. Er wurde formal nach dem indischen Aufstand 1857/58 abgesetzt, bevor die britische Königin Viktoria 1877 auch zur Kaiserin von Indien proklamiert wurde. Während zeitweilig die muslimische Herrschaft neben Hindu-Reichen bestand, vereinte sie in den Zeiten ihrer größten Ausdehnung fast den gesamten Subkontinent. Besonders die Regierungszeit der Mogul-Kaiser Akbar (1556-1605) und Aurangzeb (1658-1707) wird als Höhepunkt angesehen. Vor allem unter Akbar erreichten auch die Künste eine Blütezeit, für die unter anderem die bekannte Miniaturmalerei steht. Berühmte Architekturdenkmäler wie das Taj Mahal in Agra, ein Grabmal für eine Mogul-Prinzessin, sind islamisch geprägt.


18. Januar 2007

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