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Schwarze Häftlinge und Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern


30.7.2004
Über die Geschichte schwarzer Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern ist nur wenig bekannt. Viele von ihnen wurden ausgenutzt, misshandelt oder umgebracht. Wie haben sich diese Menschen ihren Lebensalltag hinter Gittern und Stacheldrahtzaun gestaltet?

Mohamed Husen, Schauspieler, wurde ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er 1944 starb.Mohamed Husen, Schauspieler, wurde ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er 1944 starb. (© Privatarchiv Paulette Reed-Anderson)

Einführung



Es gibt derzeit nur wenig Literatur in Deutschland, die sich mit dem Thema schwarzer Häftlinge und Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern befasst. Diese Arbeiten behandeln hauptsächlich die schwarzen zivilen Häftlinge, nicht die schwarzen Kriegshäftlinge. Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick speziell über die schwarzen Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern.

Zu Beginn der Recherche wurde eine schriftliche Anfrage an alle bekannten deutschsprachigen Gedenkstätten des Nationalsozialismus gesandt, um einen möglichst umfassenden Nachweis zu schwarzen Häftlingen zu erhalten. Hierzu wurden zwischen 1998 und 2001 insgesamt 55 Gedenkstätten angeschrieben. Zehn Gedenkstätten haben auf die schriftliche Anfrage nicht geantwortet. Die Adressen wurden dem Internet entnommen.[1]

Die Schwierigkeiten bei dieser Form der Recherche bestanden unter anderem darin, dass nur in einigen Häftlingszugangsakten die Nationalität dokumentiert bzw. die Häftlinge unter "asozial" und nicht unter ihrer Hautfarbe aufgeführt wurden. Auch haben sich die Städtenamen speziell der Gedenkstätten für die Kriegsgefangenenlager geändert. Weitere Daten wurden bei der Recherche im Archiv des Holocaust Memorial Museums in Washington gefunden. Ein Mitarbeiter dieser Gedenkstätte befasste sich speziell mit dem Thema der schwarzen Menschen im Nationalsozialismus und stellte eine Liste von Quellen zur Verfügung. [2] Des Weiteren wurde die Ausstellung "Kennzeichen Neger" im NS-Dokumentationszentrum in Köln besucht.[3] Als weitere Quellen dienten die Veröffentlichungen der drei Autorinnen, Marianne Bechhaus-Gerst [4], Katharina Oguntoye [5] und Paulette Reed-Anderson. [6]

Zivile Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern



Ein "Stolperstein", gesetzt vom Künstler Gunter Demnig, erinnert an Bayume Mohamed Husen.Ein "Stolperstein", gesetzt vom Künstler Gunter Demnig, erinnert an Bayume Mohamed Husen. (© Public Domain)
Die Auswertung der Recherche ergab den Nachweis von 34 schwarzen zivilen Häftlingen, wobei 30 namentlich aufgeführt wurden. Diese schwarzen zivilen Häftlinge waren in den Konzentrationslagern Auschwitz, Bergen-Belsen, Bromberg, Buchenwald, Dachau, Mauthausen, Mittelbau-Dora, Neuengamme, Oranienburg, Ravensbrück, Sachsenhausen und Sandbostel inhaftiert. Zwei Häftlinge waren im Jugendschutzlager Moringen, ein Häftling im Jugendschutzlager Uckermark, ein Häftling im Kinder-Konzentrationslager Lodz, ein Häftling im Internierungslager Kreuzburg und ein Häftling in den Internierungslagern Laufen und Tittmoning inhaftiert, wobei fünf Häftlinge in mehr als einem Lager waren. Die unterschiedlichen Haftgründe waren z.B. "politische Gefangene", "Mischling/Negermischling", "Schutzhaft"; in einem Fall ein Schuhkauf ohne Bezugsschein. Außerhalb von Deutschland gibt es im Holocaust Memorial Museum in Washington beispielsweise über das Konzentrationslager Mauthausen detaillierte Häftlingszugangslisten mit Namen, Vornamen, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, Haftnummer und Haftgrund "Sch. Franz." (Anm. der Autorin: wahrscheinlich "Schutzhaft Franzose") auf Mikrofilm. 1943 waren einige Häftlinge aus Tunesien und Algerien in diesem Konzentrationslager inhaftiert. Es geht aus den Akten nicht hervor, ob es sich hierbei wirklich um zivile Häftlinge und nicht um ehemalige Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene handelte. Auch die Hautfarbe ist nicht dokumentiert. [7] Es gibt auch einen kurzen Bericht über eine schwarze Aufseherin im Konzentrationslager Auschwitz. [8] Über einige schwarze Häftlinge gibt es Lebensberichte, z.B. über Johnny Nicholas [9], Josef Nassy [10] und Mohammed Husen.[11]


Fußnoten

1.
http://www.dhm.de/ausstellungen/ns_gedenk/name.htm (seit September 2000: http://www.topographie.de/gedenkstatettenforum/uebersicht: 27.10.03).
2.
Aaron Kornblum: Preliminary Bibliography relating to People of Color and the Holocaust: Persönliche elektronische Mitteilung vom 9. Januar 1998 an Frau Julia Okpara, United States Holocaust Memorial Museum, Washington. Internet-Adresse: http://www.ushmm.org.
3.
"Besondere Kennzeichen: Neger": Schwarze im NS-Staat: Ein Ausstellungsprojekt des NS-Dokumentationszentrums Köln: Ausstellung vom 08.11.2002 bis 23.02.2003 [ 09.11. 2003].
4.
Marianne Bechhaus-Gerst: "Afrikaner in Deutschland 1933-1945", in: 1999-Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 12. Jahrgang, Okt. 1997, Heft 4. (5) Katharina Oguntoye: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950, Berlin 1997.
5.
Katharina Oguntoye: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950, Berlin 1997.
6.
Paulette Reed-Anderson: Eine Geschichte von mehr als 100 Jahren: Die Ausländerbeauftragte des Senats März 1995. Letzte überarbeitete Auflage: Rewriting the Footnotes – Berlin and the African Diaspora: Die Ausländerbeauftragte des Senats, Berlin 2000.
7.
RG-04.006: M, Nazi concentration camps, 1939-1945, Reels 9-10, United States Holocaust Memorial Museum, Washington. Internet-Adresse: http://www.ushmm.org.
8.
1996. A. 351: Renee Schich memoir, page 143 ff., United States Holocaust Memorial Museum Washington.
9.
McCann, Hugh Wray u.a.: The Search for Johnny Nicholas, London 1982.
10.
Rothshild-Boros, Monica C.: In the Shadow of the Tower: The works of Josef Nassy, 1942-1945.
11.
Siehe M. Bechhaus-Gerst; K. Oguntoye; P. Reed-Anderson.

 

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