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Aktuelle Situation

Das trotzkistische Spektrum im Linksextremismus


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Rudolf van Hüllen
Im Folgenden werden die in Deutschland wichtigsten trotzkistischen Formationen mit ihren internationalen Anbindungen, ihren politischen Spezifika und ihren bevorzugten Aktionsfeldern vorgestellt.

IV.Internationale / Secrétariat Unifié: RSB und isl

Der traditionsreichste und älteste trotzkistische Dachverband ist die "IV.Internationale / Secrétariat Unifié" mit Sitz in Paris. Beim "Vereinigten Sekretariat" handelt es sich um den verbliebenen Kern der 1938 gegründeten Internationalen. Nach eigenen Angaben verfügt es über Sektionen und Resonanzgruppen in 35 Ländern, davon 16 in Europa. In Deutschland existieren zwei trotzkistische Gruppen, die sich positiv auf das "Vereinigte Sekretariat" beziehen. Beide sind Abkömmlinge einer früheren nationalen Sektion, der "Gruppe Internationale Marxisten" (GIM, 1969 -1986). Der "Revolutionär-Sozialistische Bund/IV.Internationale" (RSB, Zeitschrift "Avanti") mit Sitz in Mannheim und rund 90 Mitgliedern bevorzugt traditionalistische Agitation. Er ruft zur Revolution und zum "Sturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung" auf. Voraussetzung für eine klassenlose Gesellschaft sei der Aufbau einer internationalen Organisation, die das Ziel der Weltrevolution auf ihre Fahnen geschrieben habe. Die "internationale sozialistische linke" (isl)sieht ihre rund 60 Mitglieder eher in der Tradition eines undogmatischen und offenen Marxismus. Auch sie fordert eine weltweite revolutionäre Umwälzung und bezieht sich dabei besonders auf die globalisierungskritische Bewegung, an deren Organisation in Europa der Dachverband "Vereinigtes Sekretariat" erheblichen Anteil hatte. Die von der isl getragene "Sozialistische Zeitung" (SoZ) ragt unter den trotzkistischen Blättern durch ihr beachtliches Niveau heraus.

Committee for a Workers International: SAV

Das 1974 gegründete "Committee for a Workers International" (CWI, rund zwei Dutzend Sektionen, Internet: www.socialistworld.net) mit Sitz in London war als "Militant Tendency" berüchtigt für seinen Entrismus in der Jugendorganisation der britischen Labour Party gewesen. Seine deutsche Sektion unternahm als "VORAN zur sozialistischen Demokratie" zwischen 1973 und 1994 vergleichbare, aber weit weniger erfolgreiche Versuche gegenüber den Jungsozialisten in der SPD. Größeren Zulauf hatte die Gruppe mit ihrer Vorfeldorganisation "Jugend gegen Rassismus in Europa" (JRE, seit 1992). Seit 2005 bemüht sich die deutsche Sektion des CWI unter dem 1994 angenommenen Namen "Sozialistische Alternative Voran" (SAV) um Entrismus bei der "Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit" (WASG). Sie steht jedoch nach der Fusion der WASG mit der "Linkspartei.PDS" zur Partei "Die Linke" deren Regierungsbeteiligungen auf Landes- und Kommunalebene in den neuen Bundesländern ablehnend gegenüber. Ihre Bundeskonferenz beschloss im März 2008, sich SAV-Kader sollten sich nur in den alten Bundesländern in dieser Partei und ihrer Jugendorganisation engagieren: Die SAV stehe für die "Ablehnung jeglicher Regierungsbeteiligungen mit prokapitalistischen Parteien" . SAV hat seit Jahren stabil um die 400 Mitglieder; ihre Zeitschrift heißt "Solidarität".

International Socialist Tendency: Linksruck / Marx 21

Auch die lange Zeit größte Formation des deutschen Trotzkismus hat britische Wurzeln: Die bis vor kurzem als "Linksruck" bekannten Trotzkisten gehören zur "International Socialist Tendency" (IST) aus London. Ihr vor einigen Jahren verstorbener Kopf, Tony Cliff (1917-2000) hatte sich schon 1950 vom Mainstream der Trotzkisten abgespalten. IST reklamiert heute im Internet 31 Sektionen, davon 18 in Europa. Die Sektionen des Dachverbandes werden straff und autoritär angeleitet; sie haben keine nennenswerten eigenen Entscheidungsbefugnis.

Ihre deutsche Sektion wechselte häufig das Erscheinungsbild. Zwischen 1963 und Anfang der 90er Jahre nannte sie sich "Sozialistische Arbeitergruppe" (SAG). Bei ihrer Beteiligung an "antifaschistischen", auch militanten, Aktionen kam die SAG indessen über Gebühr mit anarchistischem Gedankengut in Berührung. Die Zentrale in London ordnete eine "Säuberung" und einen Strategiewechsel an: Künftig hatten die jüngeren SAG-Mitglieder als "Linksruck-Netzwerk" Entrismus bei den Jungsozialisten zu betreiben. Später entdeckte sie in der aufkommenden globalisierungskritischen Bewegung den Keim einer "neuen Linken"; "Linksruck" wandte sich - inzwischen mehr als 1.000 Mitglieder stark - diesem Themenfeld zu und schickte seine Kader in das globalisierungskritische Netzwerk "Attac". 2003 wandten sich IST und "Linksruck" mit einer die Kampagne gegen die Irak-Intervention; dabei wurden - wie in Großbritannien - auch islamistische Kräfte als Bündnispartner nicht verschmäht. Seit 2005 glaubt die IST, in der WASG ein geeignetes Aktionsfeld zu erblicken. Nach der Fusion mit der "Linkspartei.PDS" traten "Linksruck"-Kader unbeanstandet der Partei "Die Linke" bei. Ihre eigene Organsiation von zuletzt rund 400 Mitgliedern hatten sie im September 2007 angeblich aufgelöst, tatsächlich aber nur in ein "neues" Netzwerk "Marx 21" umgewandelt.

Bei vielen konkurrierenden Linksextremisten, besonders im autonomen Spektrum, sind die deutschen IST-Anhänger wegen ihres rücksichtslosen Machtgehabes denkbar unbeliebt: Sie vereinnahmen durch massiertes Auftreten fremde Initiativen, bringen Protestbündnisse unter ihre Kontrolle, dominieren durch einheitliche Plakatparolen optisch Demonstrationen und verbreiten holzschnittartige Agitation auf dem Niveau von Boulevardblättern. Auch intern herrschen autoritäre Prinzipien: Abweichungen von der in London vorgegebenen Linie werden nicht geduldet, die meist in jugendlichem Alter beigetretenen Mitglieder finanziell stark in Anspruch genommen und mit - oft bürokratischen - Aufgaben überhäuft, über die sie nicht mit entscheiden können.

Würdigung

Der implizit erhobene Anspruch von Trotzkisten, einen authentischen, unverbrauchten und "besseren" Marxismus zu vertreten, ist schon deshalb unberechtigt, weil sich alle als Leninisten verstehen und damit auf ein Gewalt- und Unrechtsregime als Vorbild festgelegt haben. Zwar ragt Trotzki unter den marxistischen Theoretikern intellektuell heraus, die Mehrzahl seiner Schriften diente aber der Kritik an späteren "Fehlentwicklungen" des leninistischen Modells, die er selber aktiv mit in Lauf gesetzt hat. Zu einem erheblichen Teil handelt es sich um Rechtfertigungen für eigene Verbrechen: Als Kriegskommissar während des Bürgerkrieges 1918-20 befürwortete Trotzki den "revolutionären Massenterror" und war er für zahllose Kriegsverbrechen verantwortlich. Später betrieb er die "Militarisierung der Arbeit", bei der die Gewerkschaften zu Instrumenten der Kontrolle der Arbeiterschaft umgeformt und die Betroffenen einem weit schlimmeren Regime als im "Kapitalismus" ausgesetzt wurden; schon mehrfach verspätetes Erscheinen am Arbeitsplatz konnte zu Todesurteilen führen.

Heutige Trotzkisten sind, selbst wenn sie sich "undogmatisch" geben, buchstabengläubige Exegeten einer Doktrin, die für die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gedacht war. Die zentralen Schriften Trotzkis gelten ihnen als unanfechtbar, um so erbitterter verläuft der Streit um ihre "richtige" Auslegung. Endlose Fraktionierungen, Spaltungen und "Umgruppierungen" sind die Folge. Dabei bringen die trotzkistischen Sekten, wie einer ihrer führenden Funktionäre zutreffend anführt, typische "Pathologien von Kleingruppen" hervor. Ihre Stalinismus-Kritik hat Trotzkisten gerade nicht zu einem Eintreten für den demokratischen Verfassungsstaat geführt. Nicht zufällig haben sie deshalb nach dem Bankrott des realen Sozialismus mit dessen verbliebenen, nicht reformierten Anhängern zu einer fast selbstverständlichen Zusammenarbeit gefunden.


10. April 2008

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