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Dossier

Der Filmkanon

Auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung kamen im Juli 2003 Filmschaffende, Filmhistoriker, Filmkritiker und Filmpädagogen zusammen, um einen Filmkanon von 35 Filmen zu diskutieren und zu beschließen. Ziel war es, bedeutenden Werken der Filmgeschichte auch im Schulunterricht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und so der filmschulischen Bildung in Deutschland neuen Auftrieb zu geben. Der Kanon erhebt dabei nicht den Anspruch, einen vollständigen Überblick über das umfangreiche Schaffen der schon über 100-jährigen Filmgeschichte zu geben. Vielmehr will er sensibilisieren für die Vielfältigkeit dieser Kunstform, für die Geschichte des bedeutendsten Mediums des 20. Jahrhunderts und für das Verstehen des Films der Gegenwart.

1922


Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens

Eine hagere Gestalt mit Glatze, buschigen Augenbrauen und hervorstehenden Nagezähnen - neben der grauseligen Hauptfigur des Films schuf Friedrich Wilhelm Murnau auch einen der einflussreichsten Horrorfilme der Filmgeschichte.

1925


Panzerkreuzer Potemkin

Vielleicht hat kein Werk den Film als Kunstform so nachhaltig beeinflusst wie "Panzerkreuzer Potemkin". Die parabelhafte Geschichte der sozialistischen Revolution begründete einen ästhetischen Umbruch der Erzählweise.

1931


M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Ein Seiltanz zwischen selbstverliebter Virtuosität und gekonnter Reduktion, Genrecollage und präzisem Blick auf gesellschaftliche Strömungen: Georg Seeßlen über Fritz Langs Meisterwerk.

1939


Stagecoach

Das amerikanische Kino ist Genrekino, das amerikanischste Genre der Western. Über einen Klassiker, der das Genre neu belebte und trotz seines Anachronismus in den Kanon gehört.

1941


Citizen Kane

Dieser Film revolutionierte die Filmsprache, sezierte die Medienlandschaft und dekonstruierte den amerikanischen Traum. Zunächst verkannt, zählt er heute zu den größten Werken der Filmgeschichte.

1948


Deutschland im Jahre Null

Vor den Ruinen des zerbombten Berlin erzählt Roberto Rossellini mit Laiendarstellern die parabelhafte Geschichte eines vermeintlichen Neuanfangs. Ein berühmtes Beispiel des italienischen Neorealismus.

1954


La Strada

Vor der kargen Kulisse eines verarmten Italiens wird die Geschichte eines großäugigen Mädchens und eines groben Artisten zu einer universellen Parabel um Liebe und Aufopferung.

1958


Vertigo

In Alfred Hitchocks klassischem Thriller wird die obszessive Liebe eines Mannes zugleich zum filmtheoretischen Diskurs über den Widerstreit von Illusion und Realität. Eine Analyse.

1960


Außer Atem

Das filmgewordene Manifest einer kinematographischen Bewegung: Jean-Luc Godards Regiedebüt – ein nahezu klassischer Gangsterfilm – ist einer der Wendepunkte der Filmgeschichte.

1967


Das Dschungelbuch

Aus der Geschichte Joseph Rudyard Kiplings machten 70 Zeichner einen Trickfilm: Auch ohne computergenerierten Photorealismus ist "Das Dschungelbuch" bis heute ein zeitloser Klassiker des Animationfilms.
Redaktion

1964


Dr. Seltsam

Stanley Kubrick verwandelt die Bedrohung durch einen atomaren Vernichtungskrieg in den 1960er Jahren in eine groteske Komödie. Erst in der humoresken Überspitzung wird der Schrecken dieses Szenarios augenscheinlich.

1970


Der Wolfsjunge

Zur Zeit der Studentenunruhen in Frankreich erforscht Truffaut die zeitlosen Fragen nach Erziehung und Moral; verpackt in der Geschichte eines Wolfsjungen in der Begegnung mit der Zivilisation.

1976


Taxi Driver

Was es zum Klassiker braucht: Die Geschichte des Taxifahrers, der zur Selbstjustiz greift, ist zu schmutzig fürs Museum und viel zu modern, um jemals aus der Mode kommen.

1979


Stalker

In einer radikalen Ästhetik erzählt Andrei Tarkovsky von einer Expedition, an deren Ende die Erfüllung des innigsten Wunsches steht. Eine philosophische Parabel in der Tradition der Artussage.

1982


Sans Soleil

Die raffinierte Annäherung an den Prozess des Verstehens und des Erinnerns als kinematographischer Essay - Chris Markers "Sans Soleil" gilt bis heute als innovatives Beispiel dieser Gattung.

1988


Wo ist das Haus meines Freundes?

Der Aufbruch des 8-jährigen Ahmed in Ungehorsam und Selbstverantwortung wird zur Parabel über die Konflikte zwischen jung und alt, Dorf und Stadt, Tradition und Moderne im Iran.

1997


Der Eissturm

In Ang Lees Film wird die Geschichte zweier Familien an der Ostküste der USA zur Abrechnung mit der Elterngeneration der 1970er Jahre - ein erschütterndes Drama und pointiertes Generationenportrait.

1999


Alles über meine Mutter

In Almodovars "Screwball Drama" hagelt es Schicksalsschläge, Geburten, Krankheiten und Todesfälle, ohne dass der Regisseur die einfühlsam überdrehte Leichtigkeit seiner Handschrift aus dem Auge verliert.


1925


Goldrausch

Chaplins legendäre Figur des Tramps auf Goldsuche in Alaska. "Das ist der Film, mit dem ich meinen Namen für immer verknüpft sehen möchte", sagte der Regisseur später.

1928


You’re Darn Tootin’

Ob als "Dick und Doof", "Flip und Flap" oder "Crick und Crock": Stan Laurel und Oliver Hardy haben das Genre der Slapstick-Komödie revolutioniert und die Menschen damit zum Lachen gebracht.

1931


Emil und die Detektive

Gerhard Lamprecht war der erste, der Erich Kästners Kinderbuch verfilmte, Billy Wilder schrieb das Drehbuch dazu. Kästner schuf mit seiner unterhaltsamen Geschichte damals auch ein gänzlich neues Kinderbild.

1939


Der Zauberer von Oz

Zwischen Märchen und Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft finden sich Spuren von "Der Zauberer von Oz" bis heute in Filmen wieder. Ein kurzes Essay von Christian Petzold.

1942


Sein oder Nichtsein

Der Nationalsozialismus als lächerliche Inszenierung mit tödlichem Potential. Ein satirischer Blick Ernst Lubitschs aus seinem amerikanischen Exil auf seine Heimat Deutschland unter der NS-Diktatur.

1950


Rashomon

Der erste japanische Film, der die Aufmerksamkeit eines breiten westlichen Publikums auf sich zog, war zudem das bis dato radikalste Experiment mit dem unzuverlässigen Erzähler: Akira Kurosawas "Rashomon".

1955


Nacht und Nebel

1955 dreht Alain Resnais einen Film über die Lager der Nationalsozialisten. Sein bis dato ungewöhnlicher Einsatz der filmischen Mittel erzeugt Distanz, die erst ein Begreifen möglich macht.

1959


Die Brücke

Eine Gruppe Jugendlicher verteidigt am Ende des 2. Weltkriegs eine bedeutungslose Brücke: Bernhard Wicki findet darin ein überdeutliches Bild für die Absurdität kriegerischer Ideologie.

1960


Das Appartement

Indem er seine Wohnung für Affären seiner Vorgesetzten zur Verfügung stellt, hofft Jack Lemmon auf den beruflichen Aufstieg: Billy Wilders zynischer Blick auf eine kafkaeske Arbeitswelt.

1966


Blow Up

Die Swinging 60s aus Sicht eines Photographen: Das Portrait einer Generation und eine philosophische Reflexion über das Verhältnis von Realität und und ihrer Reproduktion in Bildern.

1968


Ich war neunzehn

Im Stil fragmentierter Tagebucheinträge verfilmte Konrad Wolf 1968 seine Erfahrungen in der Roten Armee am Ende des II. Weltkriegs: Ein jugendlicher Blick auf ein historisches Ereignis.

1974


Alice in den Städten

Der Roadtrip eines Fotografen und eines Mädchens: Ein Film über die Sehnsucht nach Freiheit und einer Zukunft, in der dem Filme- und Bildermacher alle Wege offen stehen.

1979


Die Ehe der Maria Braun

Die Geschichte einer Frau, die sich zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders alleine durchschlagen muss, wurde Fassbinders internationaler Durchbruch und Auftakt einer Trilogie über die BRD-Vergangenheit.

1982


Blade Runner

Die postapokalyptische Welt "Blade Runners" spiegelt die Geisteshaltung der 80er Jahre. Zugleich widmet sich der Film universelleren Fragen und ist in jeglicher Hinsicht ein Klassiker des Genres.

1985


Shoah

An der Grenze zum Erträglichen befragt Claude Lanzmann in seinem 9-stündigen Film Opfer und Täter des Holocaust - und beschwört so die Gegenwärtigkeit des Vergangenen.

1988


Ein kurzer Film über das Töten

Ein Film über das Töten statt ein Film, in dem getötet wird - Kieslowski nähert sich seinem Thema mit radikaler Härte und hinterfragt eines der 10 Gebote bar jedes religiösen Überbaus.

1997


Das süße Jenseits

Der Unfall eines Schulbusses kostet die Mitglieder einer kleinen Gemeinde das Leben all ihrer Kinder. Die stille Variante eines Katastrophenfilms, der nach den Abgründen des Prinzips Familie sucht.
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