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Geschichte, Religion und Gesellschaft

Neues Selbstbewusstsein und anhaltende Unterdrückung

Frauen in Indien
Urvashi Butalia
Indien ist ein Land voller Widersprüche und nirgends trifft dies mehr zu als bei der Frage nach den Frauenrechten.
Polizistinnen in Neu Delhi
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Polizistinnen in Neu Delhi
Foto: Stefan Mentschel

Zumindest auf dem Papier stehen Indiens Frauen besser da als ihre Geschlechtsgenossinnen in vielen anderen Ländern. Die Verfassung garantiert ihnen Gleichheit. Abtreibung ist legal. Zudem gibt es Gesetze, die ihre Rechte schützen – erst im Oktober 2006 trat mit dem Protection of Women from Domestic Violence Act ein Gesetz in Kraft, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt. Vor rund zehn Jahren wurde die indische Verfassung sogar um einen Zusatz erweitert, wonach bei Kommunalwahlen eine 33-Prozent-Quote für Frauen gilt. Über eine Million wichtige Positionen in Stadt- und Gemeindeverwaltungen konnten dadurch bereits von Frauen besetzt werden.

Zur Person
Urvashi Butalia, geboren 1952, ist Schriftstellerin und Verlegerin. Sie lebt in Delhi und engagiert sich seit langem für die Rechte von Frauen in Indien. Sie ist Mitgründerin von Kali For Women, Indiens erstem feministischen Verlagshaus, aus dem ihr eigener Verlag Zubaan (www.zubaanbooks.com) hervorging.

In den Metropolen lässt sich ein weiterer Trend beobachten. Tausende junge und weniger junge Frauen arbeiten heute in den indischen Zweigstellen multinationaler Konzerne. Sie profitieren von neu geschaffenen Jobs – etwa in den zahlreichen Call Centers, die erst in den letzten Jahren entstanden – und entwickeln durch ihre so gewonnene finanzielle Unabhängigkeit ein neues Selbstbewusstsein. Nicht wenige Frauen haben einflussreiche Posten in der Geschäftswelt inne. Indien ist außerdem eines der Länder, in denen mit Indira Gandhi lange eine Frau die politischen Geschicke bestimmt. Andere Politikerinnen haben ebenfalls bewiesen, dass sie scharfsinnig und klug sind. Darüber hinaus werden bedeutende Protestbewegungen der letzten Jahre – wie die Bewegung gegen die Staudämme im zentralindischen Narmada-Tal (Medha Patkar) und die Bewegung für die Durchsetzung des Rechts auf Information (Aruna Roy) – nicht nur von Frauen geführt, sondern bestehen zu einem großen Teil aus Aktivistinnen.

Schlimmste Diskriminierungen und Gewalt

Es gibt jedoch auch eine Kehrseite dieses durchaus positiven Bildes. Obwohl sich Indiens Frauen den Männern in Wirtschaft und Politik nicht nur als ebenbürtig, sondern oftmals sogar als überlegen erwiesen haben, sind Vorurteile noch immer tief in der Gesellschaft verwurzelt. Mehr noch: Frauen müssen weiterhin schlimmste Diskriminierungen und Gewalt über sich ergehen lassen. Obwohl sich der indische Staat als säkular und demokratisch definiert,wird die weibliche Bevölkerung zum Teil noch immer als zweitklassig angesehen, deren bürgerliche Rechte durch Familie (vor allem Väter) oder Ehemänner definiert werden. Ob im Ehe- und Sorgerecht, bei Erbschaften und sogar am Arbeitsplatz – die Gesetzgebung bewertet Frauen nicht als unabhängig, sondern als Personen, die der Familien oder dem Mann unterstehen. So sprachen bis vor kurzem praktisch alle Ehegesetze Männern mehr Rechte zu als Frauen.

Indiens Statistik bei Gewalttaten gegen Frauen ist erschreckend. Obwohl Indien die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, CEDAW) unterzeichnet hat und trotz der Bemühungen, die Gesetzgebung entsprechend anzupassen, sind Verbrechen gegen Frauen weiterhin an der Tagesordnung. Alle drei Minuten wird in Indien eine Straftat an einer Frau begangen. Alle neun Minuten wird eine Frau von ihrem Ehemann oder Verwandten gequält, und die Zahl von Vergewaltigungen ist in den vergangenen Jahren massiv in die Höhe geschnellt.

Zudem ist seit Jahren ein anderer Besorgnis erregender Trend zu beobachten – das Geschlechterverhältnis verschiebt sich zu Ungunsten der Frauen. Das heißt, es gibt in Indien immer mehr Männer und immer weniger Frauen. In Unionsstaaten wie Haryana und Punjab im Nordwesten des Landes liegt das Verhältnis schon heute bei 927 Frauen zu 1000 Männern. Auch im Bildungswesen wird die Diskriminierung deutlich. Von einem im letzten Jahrzehnt landesweit um etwa zehn Prozent gestiegen Alphabetisierungsgrad haben Mädchen und Frauen kaum profitiert. Und wenn Frauen in der Gesellschaft insgesamt marginalisiert werden, dann umso mehr, wenn sie Gruppen wie den Adivasi, Indiens Ursprungsbevölkerung,oder den Dalits (Kastenlose) angehören, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen und stark diskriminiert werden.

Gleichzeitig gibt es eine starke und dynamische Frauenbewegung, die als Gewissen des Staates fungiert. Vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten (die als Jahre der neuen Frauenbewegung gelten)
Frauen während einer Dorfversammlung
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Frauen während einer Dorfversammlung in Maharashtra
Foto: Rainer Hörig

kämpften indische Frauen für ihre Bürger- und Menschenrechte sowie gegen Vorurteile, überholte Traditionen, die Apathie des Staates sowie individuelle und kollektive Machtinteressen. Obwohl dieser Kampf kein leichter war, sind die Ergebnisse beachtlich. In keinem politischen Rahmenprogramm, in keinem Gesetz dürfen Frauen heute übergangen werden. So gibt es in den wirtschaftspolitischen Fünf-Jahres-Plänen der Regierung seit inzwischen 30 Jahren spezielle Kapitel zur Rolle von Frauen. Zudem unterhält Indien ein eigenes Frauen-Ministerium (Ministry of Women and Child Development) sowie Kommissionen auf zentral- und unionsstaatlicher Ebene, die sich um die Rechte und Bedürfnisse von Frauen kümmern. Und selbst die politischen Parteien sind sich heute der Bedeutung von Frauen und des Potenzials von Politikerinnen bewusst.

Modern und zukunftsorientiert, altertümlich und traditionell

Wie können all diese Realitäten nebeneinander existieren? Diese nicht leicht zu beantwortende Frage beschäftigt in Expertinnen und Experten Indien aber auch im Ausland. Ein Klischee lautet, dass Indien ein Gebilde ist, in dem gleichzeitig mehrere Länder in mehreren Jahrhunderten existieren – auf der einen Seite modern und zukunftsorientiert, auf der anderen altertümlich und traditionell. Wie bei allen Klischees steckt darin mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit.

Tradition – als etwas Statisches gesehen, das sich nur auf Religion oder Werte bezieht, obwohl es viel mehr ist als das – spielt im Leben indischer Frauen eine wichtige Rolle. In Indien ist es daher nicht ungewöhnlich, wenn Frauen selbstbewusst, artikuliert und unabhängig sind, eigene Jobs und Interessen haben, sich aber bei der Wahl des Ehepartners an Eltern und Verwandte wenden. Die Familie, eine Institution, die stark kritisiert wird, sich aber in den vergangenen Jahrzehnten auch verändert hat, ist für indische Frauen noch immer ein Ort der Unterdrückung und Unterstützung zugleich.

Dieses komplexe Bild wird noch komplizierter, wenn man versucht, die "Indien" beschreibenden groben Pinselstriche mit all den Details der unterschiedlichen Landesteile zu füllen. Jeder einzelne Unionsstaat verfügt über ein eigenes Maß an Bildungund Wohlstand. So mögen Frauen in einem Teil des Landes eine bessere Ausbildung und eine bessere Gesundheitsversorgung genießen, gleichzeitig können sie jedoch bei der Versorgung mit Lebensmitteln benachteiligt sein. Frauen in großen Städten haben Möglichkeiten, die Frauen im ländlichen Indien versagt bleiben. Diese Unterschiede in einem Land, das so riesig und mannigfaltig wie ein ganzer Kontinent ist, machen es schwer, allgemein verbindliche Aussagen zu treffen. Denn die Unterschiede sind nicht nur geographisch und sozial, sondern beziehen sich auch auf Religion, Kaste, Klasse und die unterschiedlichen Stufen wirtschaftlicher Entwicklung.

Diese Unterschiede mögen zwar verwirrend sein, in gewisser Weise helfen sie aber auch, den oftmals ganz unterschiedlichen Status von Frauen im Land zu erklären. Wobei eine Erklärung mit Sicherheit nicht ausreicht, um alle Realitäten Indiens einzuschließen. Indien – Heimstatt vieler Religionen – ist eine stark hierarchisch strukturierte Gesellschaft. Zum Teil liegt das an der Existenz des hinduistischen Kastenwesens, zum Teil daran, dass das Land bis zur Unabhängigkeit vor 60 Jahren aus mehreren kleinen Fürstentümern und Königreichen bestand. Aber in keiner Religion der Welt werden Frauen die gleichen Rechte eingeräumt. Hinzu kommt, dass 200 Jahre Kolonialherrschaft dem Selbstbewusstsein indischer Männer – vor allem der Elite – schwer zugesetzt haben. Auch das hat dazu geführt, dass Frauen immer stärker Heim und Herd gedrängt wurden.

Veränderungen werden sichtbar – wenn auch langsam

Das unabhängige Indien erklärte sich selbst zu einem säkularen, demokratischen und egalitärem Staat und versuchte, die Lage zu bessern. Doch wie bei allen Ungleichheiten, die tief in einer Gesellschaft verwurzelt sind, ist deren Beseitigung keine leichte Aufgabe – egal, wie viele kleine Veränderungen bislang durchgesetzt werden konnten. Besonders schwer ist es, die sozialen Überzeugungen und Verhaltensweisen zu hinterfragen.

In der funktionierenden indischen Demokratie haben Frauen heute die Möglichkeit, ihre Lebensbedingungen nachhaltig zu verändern. Aber nicht für alle öffnet sich dieser Zugang. Für gut ausgebildete Frauen aus den städtischen Mittelschichten bietet Indien vieles, was es nirgendwo sonst auf der Welt gibt: demokratische Entfaltungsmöglichkeiten, eine stetig wachsende Wirtschaft, erstklassige Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie die Möglichkeit, es bis an die Spitze zu schaffen. Für ärmere Frauen indes liegen diese Chancen in weiter Ferne.

Gleichwohl gibt es immer wieder Beispiele, bei denen Frauen sich bietende Gelegenheiten zur Emanzipation ohne Zögern nutzen und bereit sind, all ihre Energie zu investieren und das Beste daraus zu machen. Die angesprochenen Frauen, die aufgrund der Quotenregelung in einflussreiche Positionen in Kommunalverwaltungen gelangt sind, geben dem ländlichen Indien allmählich ein anderes Gesicht. Sie sichern die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, garantieren funktionierende Schulen und lassen Geschäfte öffnen, in denen Lebensmittel zu fairen Preisen verkauft werden. Initiativen wie die in Ahmedabad (Unionsstaat Gujarat) ansässige Organisation beruflich selbständiger Frauen (Self Employed Women's Association, SEWA) unterstützen mit Hilfe einer eigenen Bank und der Vergabe von Mikro-Krediten Frauen beim Aufbau einer Existenz. Überall werden Veränderungen sichtbar – wenn auch langsam.

Wirklichen Wandel wird es allerdings nur dann geben, wenn sich das Land dem schwierigen Prozess stellt, Denkweise und Sozialverhalten der Gesellschaft zu verändern. Indien will im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen. Doch der Eintritt in die moderne und globalisierte Welt muss von der Verpflichtung begleitet sein, für die weibliche Hälfte der Bevölkerung nicht nur auf dem Papier Gleichberechtigung zu schaffen, sondern ihr auch im Alltag die notwendige Substanz zu verleihen.


26. Januar 2007


 
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Informativ und leidenschaftlich stellt Shashi Tharoor in seinem Buch Indien als Subkontinent der Gegensätze dar. Er analysiert und argumentiert, statt zu deuten und zu schwärmen.
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