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Geschichte, Religion und Gesellschaft
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Die Teilung Britisch-Indiens 1947 |  |
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Blutiger Weg in die Unabhängigkeit |
| Michael Mann |
Seit Ende des Ersten Weltkrieges glaubten die indischen Nationalisten, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Britisch-Indien in die Unabhängigkeit entlassen werden würde.
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Flüchtlinge nach der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan 1947
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Seitens der Briten dachte man jedoch zu keiner Zeit an eine Unabhängigkeit. Bestenfalls würde der künftige Status Britisch-Indiens verändert und dem eines Dominion gleichen, wie Australien oder Kanada.
Mit dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges spitzten sich die Positionen weiter zu. Auf das Debakel der mit mangelhaften Kompetenzen ausgestatteten "Cripps-Mission", die Fragen der Unabhängigkeit nach dem Krieg erörtern sollte, reagierten die Mitglieder des Indischen Nationalkongresses (Indian National Congress, INC) am 8. August 1942 mit der so genannten Quit-India-Resolution (sinngemäß: Raus aus Indien).
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Zur Person |
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Dr. Michael Mann, Jahrgang 1959, promovierte am Südasien-Institut der Universität Heidelberg zur Agrar- und Umweltgeschichte Südasiens. Seine Habilitationsschrift verfasste er zum Thema "Bengalen im Umbruch. Die Herausbildung des britischen Kolonialstaates 1754-1793". Seine gegenwärtige Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Stadt- und Urbanisierungsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung sozialer, ökonomischer und ökologischer Faktoren sowie Geschichte der Historiografie in Südasien. |  |
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 |  | Unter dem Motto Do or Die
(sinngemäß: Jetzt oder Nie) brachen landesweit und durch alle Schichten der Bevölkerung gehend Unruhen aus, die die Briten nur mit massivem Militäreinsatz niederschlagen konnten.
Die Lage geriet für die Briten immer weiter außer Kontrolle. Als nach dem Krieg eine Interimsregierung gebildet wurde, die bis zur endgültigen Regelung der Unabhängigkeit amtieren sollte, weigerte sich der Führer der Muslim-Liga, Mohammed Ali Jinnah, ihr anzugehören. Da sie nun nur aus Mitgliedern des INC bestand, rief er für den 16. August 1946 zu einem nicht näher bezeichneten "Tag der direkten Aktion" auf. In Kalkutta (heute Kolkata) brachen daraufhin massive Unruhen zwischen Hindus und Muslimen aus, bei denen nach offiziellen Angaben 4000 Menschen – überwiegend Hindus – getötet wurden.
Dass es überhaupt zu einer solchen Eskalation zwischen zwei Religionsgruppen kommen konnte, hing mit der britischen Wahrnehmung der südasiatischen Gesellschaft zusammen. Die Kolonialbürokratie hatte sie in den vorausgegangenen Jahrzehnten auf Religionsgruppen reduziert. Unter Hindus subsumierten die Briten alles, was nicht Christ, Jude, Buddhist oder Muslim war. So entstand allmählich ein mehr oder weniger homogener Hinduismus, der sich auch politisch instrumentalisieren ließ, als es darum ging, eine indische Nation zu formieren.
Redeten zunächst Hindu-Schriftsteller wie Bankim Chattopadhyay und Reformer des Hinduismus wie Dayanand Saraswati am Ende des 19. Jahrhunderts einer Hindu-Nation das Wort, die die Muslims nicht erwähnte oder gar offen ausgrenzte, bot das Jinnah 1940 schließlich die Möglichkeit, von einer Zwei-Nationen-Theorie zu sprechen. Weil Muslime und Hindus kulturell zwei völlig verschiedenen Nationen angehörten, drängte sich seiner Ansicht nach ein Ausweg aus dem Dilemma in zwei separaten Staaten geradezu auf.
Ein weltweit nie da gewesener Bevölkerungsaustausch
Noch 1946 entsandte die britische Regierung Lord Louis Mountbatten nach Indien, wo er als letzter Vizekönig
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Gandhi und Mohammed Ali Jinnah in Bombay, September 1944
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die Unabhängigkeit des Landes zu Wege bringen sollte. Um die Verhandlungspartner unter Druck zu setzen, verlegte er den anvisierten Zeitpunkt des britischen Abzugs um ein Jahr vor – auf den 15. August 1947. Eine Einigung zwischen der Muslim-Liga und dem INC brachte auch Mountbatten nicht mehr zu Stande. Nachdem die führenden Mitglieder des INC schließlich resigniert der Teilung zugestimmt hatten, setzte Mountbatten das Verfahren fest.
In den Provinzen Punjab und Bengalen sollte Britisch-Indien entlang religiöser Mehrheiten auf der Ebene von Verwaltungsdistrikten geteilt werden. Der künftige muslimische Staat bestand also aus zwei Landeshälften: West- und Ost-Pakistan. Den über 500 indischen Monarchen, Maharajas, Rajas, Sultanen und den vielen "Duodezfürsten" (Herrscher eines Zwergstaates) stand es frei, welchem Staat sie sich anschließen oder ob sie unabhängig bleiben wollten. Ohne um die Einzelheiten der Teilung zu wissen, kam es in den besagten Gebieten schon seit Monaten zu Unruhen. Vor allem den Sikhs im Punjab war allmählich klar geworden, dass sie bei einer Teilung der Provinz am ärgsten betroffen sein würden.
Erst einen Tag nach der offiziellen Unabhängigkeit wurde der künftige Grenzverlauf bekannt gegeben. Juristisch hatten sich die Briten damit der Verantwortung entzogen, moralisch freilich nicht, als Dorfgemeinschaften und Familien auseinander gerissen wurden, als sich im neuen West-Pakistan Hindus und Sikhs auf den Weg in die Indische Union machten und Muslime nach West-Pakistan auswanderten. In Bengalen verlor Kalkutta sein agrarisches Hinterland und Ost-Pakistan seine ehemalige Kultur- und Handelsmetropole. Auch die Metropole Amritsar im Punjab, wo der Goldene Tempel der Sikhs steht, verlor ihr fruchtbares Hinterland und die ganze Provinz mit Lahore ein weiteres wichtiges urbanes Zentrum.
"Auf dem Weg in ein Land, in das niemand wollte"
Insgesamt, so die Schätzungen, dürften mehr als 10 Millionen Menschen allein zwischen 1947 und 1950 über die neuen Grenzen gewandert sein – ein weltweit nie da gewesener Bevölkerungsaustausch.
Politisch geschürter Hass entlud sich jetzt an den religiösen Trennlinien, dem in den ersten Monaten mehr als eine Million Menschen zum Opfer fiel. Die Folgen dieses Risses durch den südasiatischen Subkontinent sind bis heute in vielen Bereichen der Gesellschaft, vor allem aber der Politik zwischen der Indischen Union und der Islamischen Republik Pakistan zu spüren.
Literarisch wird ungebrochen versucht, das Trauma der Teilung aufzuarbeiten, was nur schwer gelingt. In wohl einzigartiger Weise hat die politische, kulturelle und gesellschaftliche Katastrophe Kushwant Singh in seinem Roman "Train to Pakistan" (Zug nach Pakistan) widergegeben. In beeindruckender Weise hat Singh eingefangen, was sich an Unfasslichem und an Gräueln in Dorfgemeinschaften, die bislang friedlich zusammen lebten, und unter Menschen auf dem Weg in ein Land, in das niemand wollte, abspielte.
Die Folgen der Teilung waren im Punjab zweifelsohne besonders tragisch. Vor allem bewahrheiteten sich hier die Befürchtungen der Sikhs, die bei dem Teilungsplan nicht berücksichtigt worden waren. Bei ihrem Abgang von der kolonialen Bühne reduzierten die Briten ein letztes Mal die indische Gesellschaft auf zwei Religionsgruppen. Nahezu alle Sikhs verließen daraufhin den pakistanischen Teil des Punjab, denn sie wollten nicht in einem muslimisch definierten Staat leben. Obendrein bot die säkulare Verfassung der Indischen Union eine gute Alternative.
Im indischen Punjab litt Delhi, das an der Ostgrenze der Provinz lag, unter dem Exodus von 330.000 muslimischen Einwohnern – nur wenige Tausend Muslims blieben in der Stadt. Gleichzeitg strömten über 500.000 Sikhs und Hindus aus dem pakistanischen Punjab in die Metropole. Noch weit bis in die 50er Jahre befanden sich Flüchlingslager im Zentrum der indischen Hauptstadt. Angesichts der dramatischen Zuwandererzahlen im Großraum Delhi meisterte die Regierung die Probleme recht gut, indem sie unkompliziert Wohnsiedlungen errichten ließ. Diese prägen heute noch die städtische Geografie Delhis und erinnern an die Teilung.
In Pakistan werden bis in die Gegenwart die insgesamt 7,5 Millionen muslimischen Flüchtlinge, die seit der Teilung aus den nordindischen Städten geflohen oder abgewandert sind, als eine eigene Gruppe wahrgenommen und als Muhajirs
(Migranten) bezeichnet. Sie ließen sich meist in den Städten der Provinz Sindh am Unterlauf des Indus nieder. Im Unterschied zu Indien, wo überwiegend Flüchtlinge aus dem ländlichen Raum in die urbanen Zentren Nordindiens wanderten, fanden in Pakistan städtische Auswanderer in einer strukturell eher vertrauten Umgebung Zuflucht. In begrenztem Rahmen existierten Optionen, die sich aus dem Umstand individueller oder kollektiver Vorgeschichten ergaben – vielen Flüchtlingen eröffneten sich solche Chancen freilich nicht.
Wunden der Teilung bis heute sichtbar
Die fehlende territoriale Einheit versprach nichts Gutes für den neuen Staat Pakistan, zu heterogen waren seine Landesteile. Ohnehin betrachtete sich Bengalen als eine kulturell und wirtschaftlich eigenständige Region. Die politische Führung, die sich aus den Eliten West-Pakistans rekrutierte, sah das freilich ganz anders. An der Frage nach kultureller und sprachlicher Identität – die Mehrheitssprache war im gesamten Staat Bengali, Amtssprache aber nur das von einer kleinen Minderheit gesprochene Urdu West-Pakistans – sollte sich der Konflikt 1951 erstmals entzünden.
1971 eskalierte der Konflikt und mündete in der Teilung Pakistans. Im Jahr zuvor hatte das pakistanische Militär geputscht und die vorausgegangenen Wahlen annulliert, bei denen eine bengalische Regionalpartei die absolute Mehrheit der Parlamentssitze errungen hatte. Als daraufhin in Ost-Pakistan Unruhen ausbrachen, entsandte West-Pakistan Truppen, um den Widerstand zu brechen. Innerhalb eines knappen Jahres fanden mehr als drei Millionen Menschen den Tod. Erst als Indien in den Konflikt eingriff, war der Weg frei für die Gründung des Staates Bangladesch.
In Kaschmir sind die politischen Folgen der Teilung Britisch-Indiens bis in die Gegenwart zu verspüren. Das Königreich Kashmir, dessen Bevölkerung überwiegend muslimisch ist, dessen Maharaja jedoch dem Hindu-Glauben anhing, erklärte erst nach langem Zögern seinen Beitritt zur Indischen Union. Lange hatte der Maharaja mit dem Gedanken eines unabhängigen Himalaya-Staates gespielt, mit Grenzen zur Afghanistan, Pakistan, Indien und China. Wegen der demografischen Konstellation erhob jedoch auch Pakistan Anspruch auf das Territorium Kaschmirs. Von beiden Seiten nahm daher der Druck zu, sich zu entscheiden.
In nicht zu unterschätzendem Maße definiert sich über Kaschmir das nationale Selbstverständnis der beiden großen südasiatischen Staaten. Ein einseitiger Verzicht auf die Region käme einem politischen Selbstmord gleich – oder der tatsächlichen Ermordung. Die Terrorangriffe auf New York und Washington am 11. September 2001 haben dem Konflikt nun eine internationale Dimension gegeben. Terroranschläge auf das indische Parlamentsgebäude im Dezember 2001 und auf einen Pendlerzug in Mumbai (Bombay) im Juli 2006 sind traurige Höhepunkte solch terroristischer Aktionen mit mutmaßlich pakistanisch-islamistischem Hintergrund.
Das Atomwaffenarsenal, über das beide Staaten mittlerweile verfügen, birgt zudem die Gefahr, dass der Kriensenherd sich je nach Weltlage auch zu einem überregionalen Konflikt ausweiten könnte. Andererseits ist es ermutigend, dass trotz anhaltender politischer Divergenzen und militärischer Drohungen die politischen Führer beider Staaten sich treffen, wie erst im November 2006 geschehen, um ihre grundsätzliche Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren. Bei jedem dieser Treffen wird jedoch die Wunde, die die Teilung Britisch-Indiens 1947 geschlagen hat, wieder sichtbar.
18. Januar 2007 |  |
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Schriftenreihe |
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Eine kleine Geschichte Indiens
Informativ und leidenschaftlich stellt Shashi Tharoor in seinem Buch Indien als Subkontinent der Gegensätze dar. Er analysiert und argumentiert, statt zu deuten und zu schwärmen. |
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Informationen zur politischen Bildung |
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Indien
Indien ist mit Blick auf Bevölkerung, Ausdehnung und gesellschaftliche Vielfalt ein Land der Superlative. Doch auch die Herausforderungen, vor denen das Land steht, sind gewaltig. |
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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Indien
Indiens wirtschafliche Entwicklung ist beeindruckend: In den vergangen vier Jahren betrug das Wachstum durchschnittlich über acht Prozent. Dennoch hat das Land schwerwiegende Probleme. Drei Viertel der Bevölkerung leben in Armut. Wachsender Energiebedarf und Klimawandel stellen Indien vor neue Herausforderungen. |
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