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Was heißt Antisemitismus?

Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert


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Wolfgang Benz
Judenfeindliche Parteien und Verbände bereiteten den ideologischen Nährboden für die Nazis. Der industriell betriebene Völkermord war die furchtbare Konsequenz ihrer Ideologie.

Mahnmal
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Foto: Ulf Hinze / sxc.hu

Das 19. Jahrhundert

Feindschaft gegen Juden war bis ins 19. Jahrhundert religiös begründet worden. Der "Rassen- antisemitismus" oder "Moderne Antisemitismus" bezeichnet seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine neue Form von Judenhass, die "wissenschaftlich" argumentierte (unter Berufung auf Gobineau) und Erkenntnisse der Naturwissenschaft (Darwin) in den Dienst der Judenfeindschaft stellte. Hatte der ältere religiöse Antijudaismus die "Bekehrung" der Juden und deren Taufe zum Ziel, so war der moderne Antisemitismus, der Juden, nur weil sie Juden waren, stigmatisierte, nur auf Ausgrenzung, Vertreibung und in letzter Konsequenz auf die Vernichtung der jüdischen Minderheit fixiert.

Zur Person
Prof. Dr. Wolfgang Benz
Geb. 1941, Studium der Geschichte, Politischen Wissenschaft und Kunstgeschichte. Seit 1990 Professor an der Technischen Universität Berlin und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung. Vorsitzender der Gesellschaft für Exilforschung. Mitherausgeber der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.

Der Begriff Antisemitismus ist wörtlich genommen ("Semitengegnerschaft") eine Missbildung, weil er, um Judenfeindschaft mit wissenschaftlichem Anspruch zu verbrämen, die Sprachfamilie der Semiten (Araber, Äthiopier, Akkader, Kanaanäer, Aramäer) als Rasse verstand, dabei jedoch nur die Juden meinte. Der Begriff Antisemitismus entstand 1879 im Umkreis des Publizisten Wilhelm Marr, den Hintergrund bildete die damals öffentlich diskutierte "Judenfrage". Diese Debatte über die Emanzipation der Juden wurde, seit die rechtliche Gleichstellung durch die Revolution in Frankreich erreicht war, in vielen europäischen Ländern geführt, sie war weitgehend von sozial und kulturell determinierter Ablehnung bestimmt. 1879/80 war "die Judenfrage" in Deutschland einerseits Gegenstand eines Gelehrtenstreites, den der Historiker Heinrich von Treitschke mit Überfremdungsängsten ausgelöst hatte, andererseits wurde sie instrumentalisiert durch den Berliner Hofprediger Adolf Stoecker in dessen christlich-sozial argumentierender Kampagne gegen die Arbeiterbewegung. In Österreich vertrat der Wiener Bürgermeister Karl Lueger ähnliche Positionen.

Die fanatischen Judenfeinde organisierten sich in Parteien und Verbänden. In Dresden existierte seit 1881 die "Deutsche Reformpartei"; in Kassel wurde 1886 die "Deutsche Antisemitische Vereinigung" ins Leben gerufen, deren Protagonist der Bibliothekar Otto Böckel (1859—1923) war. Von 1887 bis 1903 saß er im Reichstag, er war Herausgeber völkischer Zeitschriften und betätigte sich maßgeblich im "Deutschen Volks-Bund", der ab 1900 versuchte, "national gesinnte Männer" gegen "die erdrückende Übermacht des Judentums" zusammen zu schließen. Auf dem Antisemitentag in Bochum einigten sich Anfang Juni 1889 die verschiedenen judenfeindlichen Strömungen (mit Ausnahme der christlich-sozialen Partei Adolf Stoeckers) auf gemeinsame Grundsätze und Forderungen, aber schon über der Bezeichnung des Zusammenschlusses entzweiten sich die Antisemiten wieder. Es gab nun eine "Antisemitische Deutschsoziale Partei" und eine "Deutschsoziale Partei" und ab Juli 1890 die von Böckel in Erfurt gegründete "Antisemitische Volkspartei", die ab 1893 "Deutsche Reformpartei" hieß. Im Reichstag errangen Vertreter antisemitischer Gruppierungen 1890 fünf und 1893 sechzehn Mandate. Ernst Henrici war zusammen mit dem Reichstagsabgeordneten Wilhelm Pickenbach 1894 Gründer des "Deutschen Antisemitenbunds".

Am meisten Aufsehen im Parlament erregte der Demagoge Hermann Ahlwardt (1846—1914), der ab 1892 als Parteiloser im Reichstag saß und sich als Radau-Antisemit besonders hervortat. Durch hemmungslosen Populismus war Ahlwardt, den man "den stärksten Demagogen vor Hitler in Deutschland" genannt hatte, vorübergehend erfolgreich. Wegen Verleumdung und Erpressung gerichtsnotorisch und vielfach bestraft, als Volksschulrektor nach Unterschlagungen entlassen, verbreitet Ahlwardt als Verfasser zahlreicher Pamphlete in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts rastlos und wirkungsvoll antisemitische Propaganda. Politischen Einfluss erlangten die Antisemiten im Kaiserreich nicht. Aber ihre Propaganda entfaltete Wirkung: Juden wurden mit allen nur denkbaren schlechten Eigenschaften belegt, deren Grund, so erklärten die Antisemiten, liege in der "Rasse".


27. November 2006

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Auf der Webseite www.chotzen.de wird die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis heute erzählt. Mit vielen Filmen, Bildern und Dokumenten.
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Antisemitismus von links: Beitrag von Toralf Staud in der ZEIT

Muslimischer Antisemitismus: Beitrag von Bassam Tibi in der ZEIT

Neuer Antisemitismus: Beitrag von Leon de Winter in der ZEIT

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