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Politische und kulturelle Bildung

Kulturelle und politische Bildung


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Max Fuchs
Von der Theateraufführung bis zum Solidaritätskonzert: Es gibt viele Projekte der kulturellen Bildung, die auch politisch sind. Sie behandeln Themen wie Armut, Gewalt oder Umweltzerstörung. Dieser Gedanke ist freilich nicht neu, sondern leitet sich historisch vom Bildungsbegriff der modernen Kunst ab, so der Präsident des deutschen Kulturrats Max Fuchs.

Kanzleramt
Geglückte Verbindung von politischer und kultureller Bildung? Jugendliche im Bundeskanzleramt. (c) Jose Giribas

Sähe man im Bundestag Politiker/-innen, die gemeinsam ein Lied einstudieren, wäre man recht irritiert. Auch einen Bericht über die Bundesregierung, die gerade ein Theaterstück probt, könnte man sich bestenfalls am ersten April vorstellen: Politiker/-innen sollen sich um die Gestaltung der Gesellschaft bemühen, sie sollen die Wirtschaftskrise in den Griff bekommen, Krisenherde entschärfen, die Gesundheitsversorgung und die Rente sichern. Dass sie sich mit Musik, Tanz, Theater oder Bildender Kunst praktisch befassen, ist dabei weniger erwünscht.

Zur Person
Prof. Dr. Max Fuchs
Direktor der Akademie Remscheid; Präsident des Deutschen Kulturrates, Vorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und des Instituts für Bildung und Kultur; lehrt Kulturarbeit an den Universitäten Duisburg-Essen, Hamburg und Basel.

Diese Vorstellung einer sorgfältigen Trennung der einzelnen Bereiche in unserer Gesellschaft wird von einigen soziologischen Theorien unterstützt: Politik hat mit Macht zu tun, Kultur dagegen mit der Kommunikation von Sinnfragen. Politik sollte recht schnell zu Entscheidungen kommen, die Teilbereiche des Kultursystems wie Kunst, Wissenschaft oder Religion brauchen dagegen Zeit, um Argumente immer wieder von neuem zu überprüfen. Daher scheinen auch kulturelle Bildung und politische Bildung eher getrennte Bereiche zu sein, die wenig miteinander zu tun haben. Gerade im Umgang mit den Künsten fällt dabei immer wieder der Begriff der Autonomie, mit dem man sich gegen jede gesellschaftliche (und damit auch politische) Nutzung wehren will. Man pflegt vielmehr die Angst vor einer "Instrumentalisierung".

Doch stimmt diese säuberliche Aufteilung überhaupt? Wer sich in der Praxis umschaut, kann leicht feststellen, dass die skizzierte Grenzziehung ständig überwunden wird. So befassen sich Jugendliche oder Erwachsene in Theaterprojekten natürlich mit existenziellen Problemen, die etwas mit dem Zustand unserer Gesellschaft zu tun haben: Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Gewalt, Einsamkeit, Armut. Oder es erkunden Kinder in einer spielpädagogischen Aktion die Angebote für Kinder in der Stadt, entwickeln eigene Gestaltungsvorschläge und präsentieren sie dem Stadtrat. Oder es finden Solidaritätskonzerte für unterdrückte Menschengruppen oder inhaftierte politische Aktivisten statt. Natürlich werden in solchen Kulturprojekten keine Gesetze formuliert oder verabschiedet, doch mischt man sich – oft mit erstaunlicher Resonanz – in die Debatte um Fragen ein, die entschieden etwas mit der Gestaltung unseres Gemeinwesens zu tun haben. Versteht man "Politik" in einem solch weiten Sinn, dann fällt es schwer, Projekte der kulturellen Bildung zu finden, die nicht politisch sind. Und diese letzte Sichtweise ist auch diejenige, die sich aus der Geschichte der modernen Kunst und des verwendeten Bildungsbegriffs bestätigen lässt.

Geistesgeschichtlicher Exkurs zur kulturellen Bildung

Man kann die Zeit zwischen 1770 und 1830 in ihrer politischen und geistesgeschichtlichen Bedeutung kaum überschätzen. Politisch sind es die Französische Revolution und ihre Folgen, welche die Gemüter bewegen. Dass das "ancien régime" abgewirtschaftet und der Adel seine frühere Führungsfunktion verloren hat, war allerorten zu spüren. Das Bürgertum, der "Dritte Stand", drängte zumindest auf eine Mitbeteiligung an der Gestaltung der Gesellschaft. Die Vorläufer der industriellen Revolution waren nach der Erfindung der Dampfmaschine in den am weitesten fortgeschrittenen Ländern schon zu spüren. Alle – auch in Deutschland – waren fasziniert. Im Tübinger Stift, einer theologisch-philosophischen Ausbildungsstätte, blickten drei befreundete junge Männer voller Enthusiasmus ins Nachbarland. Ihre Namen waren Hegel, Schelling und Hölderlin. Der junge Wilhelm von Humboldt besuchte auf einer seiner Auslandsreisen das revolutionäre Paris. Doch dann kam der Schock, nämlich Schreckensnachrichten über die Terrorherrschaft von Robespierre, und dies auch noch unter dem Leitbegriff der Zeit: der Vernunft. Viele Sympathisanten der Revolution zogen sich zurück, überlegten sich unblutigere Alternativen einer Gesellschaftsveränderung. So auch der junge Freiheitsdichter Friedrich Schiller, immerhin später Ehrenbürger der Französischen Republik.


30. September 2009

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