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Aktuelle Situation

Die Autonomen zwischen Anarchie und Bewegung, Gewaltfixiertheit und Lebensgefühl


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Zu den Besonderheiten einer linksextremistischen Subkultur
Armin Pfahl-Traughber
Durch ihr gewalttätiges Auftreten sind die Autonomen wohl die bekannteste Subkultur im Linksextremismus. Sie formulieren aber kaum politische Inhalte.

Autonome
Autonome am Montag, 28.Mai 2007, in Hamburg: Mehrere tausend Menschen beteiligten sich im Zusammenhang mit dem ASEM-Treffen und dem bevorstehenden G8 Gipfel an Protestaktionen. Foto: AP
Einleitung und Fragestellung

Die Autonomen werden über die Medien- berichterstattung meist nur als "schwarzer Block" bei Demonstrationen wahrgenommen. Aggressive Parolen, martialisches Gehabe und schwarze Kleidung prägen ihr Bild. Doch worum handelt es sich hier? Bilden die Autonomen nur eine Gruppe gewaltfixierter Jugendlicher, geht es in erster Linie um das Ausleben von persönlichem Unmut, handelt es sich um eine von vielen Subkulturen dieser Altersgruppe, stehen sie für eine politische Bewegung mit konkreten Zielen? All diese Fragen lassen sich nur schwer beantworten, geht es hier doch nicht um eine politische Organisation mit klaren Strukturen und politischen Zielsetzungen. Selbst die eindeutige Identifikation einer Gruppe oder Person als den Autonomen zugehörig ist schwierig. Insofern kann die folgende Darstellung und Einschätzung dieses Teils des Linksextremismus hinsichtlich seiner Verallgemeinerung nur vorbehaltlich gelten. Immer wieder lassen sich von den allgemeinen Merkmalen abweichende Besonderheiten oder Unterphänomene ausmachen.

Herkunft der Bezeichnung aus der Autonomia Operaia

Bereits über die genaue Herkunft der Selbstbezeichnung "Autonome" - was für so viel wie Eigenständigkeit steht - lässt sich keine genaue und zweifelsfreie Aussage treffen. Allgemein wird angenommen, dass man hier an die "Autonomia Operaia" (Arbeiterautonomie) im Italien Ende der 1960er Jahre anknüpfte. Dabei handelte es sich um eine Gruppe von jungen Fabrikarbeitern und Studenten, die sich mit ihren Aktionen bewusst gegen die etablierten Gewerkschaften und die Kommunistische Partei stellten. Ihnen warf man Anpassung und Verbürgerlichung vor. Statt dessen setzten die Anhänger der Autonomia Operaia auf Sabotageaktionen und Streiks. Bei den heftigen Auseinandersetzungen in den Fabriken, wie etwa 1969 bei Fiat in Turin, spielten sie eine bedeutende Rolle. Im Unterschied zur Situation in Deutschland gelang hier teil- und zeitweise ein Bündnis von Arbeitern und Studenten. Es zerbrach allerdings im Laufe der 1970er Jahre wieder. Gleichzeitig lösten sich viele Gruppen der Arbeiterautonomie aufgrund von internen Konflikten und Widersprechen wieder auf.

Die Spontis der 1970er Jahre als Vorläufer der Autonomen

Weitaus bedeutsamer für die deutschen Autonomen sollten die Spontis der 1970er Jahre werden, können sie doch hinsichtlich Aktion, Einstellung, Motivation und Organisation als direkte Vorläufer gelten. Bei den Spontis handelte es sich um ein spätes Überbleibsel der zerfallenen Achtundsechziger Bewegung und zwar von jenen Teilen, die sich weder in Richtung der sowjetmarxistischen DKP noch der maoistischen K-Gruppen orientieren wollten. Die Spontis traten für organisatorische Autonomie ein und legitimierten sich durch ihr Betroffenheitsgefühl. Statt einer entwickelten Ideologie verfügten sie primär über einen subjektiven Voluntarismus. Insbesondere an den Universitäten entstanden zahlreiche studentische Hochschulgruppen, die von Emotionalität und Lustprinzip geprägt mit humorvollen und unkonventionellen Aktionen auf sich aufmerksam machten. Die damalige Bedeutung der Sponti-Bewegung veranschaulicht ein 1978 in Berlin durchgeführter "Nationaler Widerstandskongress: Reise nach TUNIX" mit 6.000 Teilnehmern.

Zur Person
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber
Geb. 1963, studierte Politikwissenschaft und Soziologie. Von 1994 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referatsleiter in der Abteilung Rechtsextremismus des Bundesamtes für Verfassungsschutz, seit 2004 Prof. an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Brühl und Heimerzheim.

Ideologische Besonderheiten und Politik der ersten Person

Seit Beginn der 1980er Jahre kann von dem Bestehen der Autonomen als einer eigenständigen Subkultur gesprochen werden. Über ihr politisches Selbstverständnis geben folgende Auszüge aus einem Thesenpapier von 1981 Auskunft: "1. wir kämpfen für uns und führen keine stellvertreterkriege, alles läuft über eigene teilnahme, politik der ersten person, wir kämpfen nicht für ideologien, nicht fürs proletariat, nicht fürs volk, sondern für ein selbstbestimmtes leben in allen bereichen. ... 5. wir haben alle einen ‚diffusen anarchismus’ im kopf, sind aber keine traditionellen anarchisten. Die begriffe marxismus, sozialismus und kommunismus beinhalten für uns nach allen ihren theorien und praktiken den staat und können somit von uns auch als ‚zwischenstufe’ nicht akzeptiert werden" (Radikal, Nr. 98/1981). Hier fällt auf, dass bei der positiven Beschreibung des eigenen Wollens kaum politische Inhalte formuliert werden. Identitätsstiftend wirkt primär eine Einstellung, welche Emotionalität und Subjektivität zum zentralen Maßstab des Denkens erhebt.

Die selbstgewählte Isolation von der Mehrheitsgesellschaft

Unmittelbar aus dieser subjektiven Prägung folgt das durch gewollte Abgrenzung und selbstgewählte Isolation bestimmte Verhältnis zur Welt außerhalb der Subkultur. Offenbar befürchten Autonome mit dem Dialog mit oder dem Einwirken der Gesellschaft oder des Staates den Verlust von eigener Identität oder das Wegbrechen von Anhängern. Dies erklärt auch die unter ihnen immer wieder beschworene Notwendigkeit, sich nicht in das normale Arbeitsleben durch Berufstätigkeit integrieren zu lassen. Für die gesamtgesellschaftliche Umsetzung ihrer Auffassung können sie ebenso wenig Mittel, Strategie und Wege angeben. Vielmehr erschöpft sich die Haltung der Autonomen in der Verweigerung, die im politischen Engagement per se eine verwerfliche Handlungsweise sieht. Statt dessen strebt man die Eroberung und Verteidigung von Feiräumen an, welche in Form von besetzten Häusern oder dominierten Einrichtungen (z.B. Jugendclubs) gesehen werden. Darüber hinaus gehende positive Benennungen politischer Inhalte und Ziele sucht man bei den Autonomen vergebens.

Die politischen Betätigungsfelder in Protestbewegungen ab der 1980er Jahre

Die politischen Betätigungsfelder der Autonomen sind für diese Frühzeit au folgenden Gebieten zu sehen: Mit der Forderung nach eigenen Freiräumen kam es zu massenhaften Hausbesetzungen in größeren Städten, begleitet von gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Großdemonstrationen gegen Atomkraftwerke nutzten Autonome, um aus der überwiegend friedlichen Gruppe der Teilnehmer heraus Angriffe gegen Polizeiangehörige und Beschädigungen von Einrichtungen durchzuführen. Darüber hinaus kam es zu Angriffen auf Banken, Baufirmen und Militäreinrichtungen, was letztendlich auch die durch Differenzen zur Militanzfrage ausgelöste Abspaltung der Autonomen von der Friedensbewegung bedingte. Andere friedliche Proteste gegen regionale Vorhaben wie die Startbahn West in Frankfurt/M. oder die bundesweit durchgeführte Volkszählung nutzten Aktivisten der Szene ebenfalls für ihr gewalttätiges Vorgehen. In diesen Fällen mangelte es häufig an einer kritischen Auseinandersetzung der friedlichen Demonstrationsteilnehmer mit den Autonomen.


17. März 2008

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