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"Ich bin ein Taliban..."

Islamismus und Jugendkultur


5.7.2007
Pop-Islam oder Jihad-Islamismus: Welche Rolle spielen Islam und Islamismus in Jugendkultur und Schule? Und wie können Lehrerinnen und Lehrer islamistische Einstellungen erkennen? Jochen Müller mit einem Überblick.

Der Rapper Bushido.Der Rapper Bushido. (© AP)

Schülerinnen, die eines Morgens mit Kopftuch zum Unterricht erscheinen. Junge Muslime, die auf Koran, Scharia oder muslimische Gelehrte als ihre wichtigsten Autoritäten verweisen. Sympathiebekundungen für Osama bin Laden und Al-Qaida, Leugnungen des Holocaust oder die Hervorhebung des Islam als beste aller Religionen, die bald die ganze Welt beherrschen wird – all das sind Verhaltensweisen und Positionen von Jugendlichen muslimischer Herkunft, die in Schule oder Jugendclubs zu beobachten sind. Und nicht zuletzt unter dem Eindruck der aktuellen Debatten um Islam, Islamismus und Integration werfen sie bei Pädagogen eine Reihe von Fragen auf. Darunter steht eine häufig im Vordergrund: Handelt es sich hier um Ausdrucksformen islamistischer Ideologie? Eine Antwort auf diese Frage muss erst einmal unbefriedigend ausfallen. Sie lautet in jedem der genannten und in einer Vielzahl anderer Fälle: Kann sein, muss aber nicht.

Ohnehin müssten Pädagogen, um die Frage nach den charakteristischen Merkmalen des Islamismus befriedigend beantworten zu können, in der Lage sein, einen eher säkularen Islam von Traditionen und Volksislam sowie konservativen Strömungen, Islamismus und Jihadismus zu unterscheiden. Dazu fehlt es ihnen in der Regel an Wissen - Wissen über den Islam und seine Geschichte zum Beispiel, Wissen über die unterschiedlichen Ausdrucksformen islamistischer Ideologien, Wissen über die Bedeutung des Nahostkonflikts für viele Muslime. Dazu gehört auch Wissen darüber, dass bestimmte demokratiefeindliche, antipluralistische Überzeugungen unter Migranten muslimischer, türkischer und arabischer Herkunft vorkommen mögen, nichts mit Islam oder Islamismus zu tun haben müssen. Zu denken wäre dabei etwa an Antisemitismus, Homophobie, traditionalistische Ehrbegriffe und Wertvorstellungen etwa zur Rolle von Frauen sowie gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen. Alles dies sind Einstellungen, die in der Region des Nahen und Mittleren Ostens sowie unter Migranten aus diesen Regionen durchaus verbreitet sind – allerdings weit über die Anhänger islamistischer Ideologien hinaus.

Kurz gesagt: Das zum Erkennen und Einordnen solcher Einstellungen erforderliche Wissen lässt sich so schnell nicht generieren. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, zunächst einige allgemeine Charakteristika des Islamismus zu bedenken, um Schlüsse für den pädagogischen Umgang mit Jugendlichen zu ziehen, die aus muslimisch geprägten Milieus kommen und möglicherweise islamistische Überzeugungen vertreten.

Zentrale Bedeutung für das Verständnis des Islamismus und die pädagogische Praxis hat der häufig vernachlässigte Umstand, dass es sich beim Islamismus zuallererst um eine Gemeinschaftsideologie handelt: Über den Bezug auf das Kollektiv der umma - verstanden als Gemeinschaft der Muslime - verspricht sie dem Einzelnen Orientierung, Identität und ein Gefühl von Sicherheit und Stärke. Zugehörigkeit, Identität und Stärke sind aber gerade für Jugendliche zentrale Themen. Das gilt insbesondere für Jugendliche mit Migrationshintergrund : Zum einen, weil sie in Schule und Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft und Religion ohnehin häufig marginalisiert oder diskriminiert werden. Zum anderen aber auch, weil vielen Jugendlichen der zweiten oder dritten Generation traditionelle Glaubenspraktiken und Wertvorstellungen ihrer Eltern in der deutschen Umgebung unpassend und inhaltsleer erscheinen. Viele Jugendliche aus islamisch geprägten Milieus sehen sich zwischen Baum und Borke und suchen nach Lebensentwürfen, mit denen sich "alte" und "neue" Identitäten verbinden lassen. Solche Jugendlichen sind es, denen islamistisches Weltbild und islamistische Lebenspraxis attraktiv erscheinen können.


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