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Dossier - Die graue Spielzeit

Das Ausnahmeteam: Fortuna Dortmund 1955-1965


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Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza
Das Ausnahmeteam Fortuna Dortmund
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Das Ausnahmeteam Fortuna Dortmund
1955 gründet sich um Anne Droste und Renate Bress (geb. Müller) der Dortmunder Damenfußball-Verein "Fortuna Dortmund". Viele der Spielerinnen betreiben zu diesem Zeitpunkt bereits andere Sportarten wie Handball oder Leichtathletik. Trainer ist lange Zeit Anne Drostes Bruder Karl-Heinz. Trainiert wird möglichst zweimal die Woche. Nach Feierabend versteht sich, denn fast alle Fortuna-Spielerinnen sind berufstätig.

Dribbeln, kleines Mannschaftsspiel, Schusstraining, gymnastische Übungen stehen auf dem Trainingsplan. Die Anreise zum Trainingsplatz ist für die meisten Kickerinnen ein langer, teils beschwerlicher Weg. Es dauert oft mehr als eine Stunde, bis die Fortuna-Damen nach Dienstschluss per Straßenbahn, Moped, Fahrrad oder zu Fuß am Trainingsplatz eintreffen. Ein richtiges Fußball-Equipment, bestehend aus Fußballschuhen, Trikots und Stutzen, ist seinerzeit eine kostspielige Angelegenheit - aber für einen Fußballverein unbedingte Pflicht. Da sich keine der Kickerinnen eine solch teure Kluft leisten kann, vereinbaren sie mit dem Sporthaus Wiethoff den Kauf auf Ratenzahlung: Mit zwei D-Mark monatlich stottern die Fortuna-Damen ihre Fußball-Ausrüstung ab.

Trainingsplätze

Das Trainingsgelände müssen die Kickerinnen jedoch häufig wechseln: Hösch-Park, Stahlwerkplatz, Ascheplatz an der Bornstraße, städtische Vereinsanlagen, private Gärten. Oder es wird monatelang auf der Kuhwiese eines dem Damenfußball gewogenen Bauern trainiert. Damenfußball ist in der Öffentlichkeit noch sehr umstritten, weshalb die Kickerinnen nicht selten von ihren "Trainingsplätzen" vertrieben werden. Nach dem DFB-Verbot im Juli 1955 spielen die Fortunen unbeirrt weiter. Gegen 10% Einnahmebeteiligung werden Spiele gegen andere Teams auf kommunalen Plätzen ausgetragen.

Trotz DFB-Verbot zum Länderspiel

Mitgliedsausweis von Fortuna Dortmund
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Mitgliedsausweis von Fortuna Dortmund
Die Fortuna-Damen zeigen sich unbeeindruckt von all den Widerständen, ihre Fußballbegeisterung kennt keine Grenzen. Bald kommen mit Grete Eisleben, Brunhilde Bittner (geb. Zawatzky), Waltraud Christian und Marlis Marohn neue Spielerinnen dazu. Vom "Damenfußball-Konkurrenten" Grün-Weiß Dortmund werden Ingeborg Kwast und Christa Kleinhans abgeworben. Gespielt wird gegen Damenteams z.B. aus Essen, Oberhausen oder Mönchengladbach, die Spielzeit beträgt 2x30 Minuten. Die Spiele sind meist gut besucht, 1.000 Besucher sind keine Seltenheit. Die (männlichen) Vorurteile, gegen die die Spielerinnen anfangs noch antreten müssen, werden Spiel für Spiel abgebaut, denn der Kick der Dortmunderinnen überzeugt durch Technik, Taktik, Einsatz und großes Spielverständnis. Als es 1956 in Essen vor 18.000 Zuschauern zum ersten Damenfußball-Länderspiel Deutschland gegen Holland (2:1) kommt, sind auch Anne Droste und Renate Bress dabei. Im März 1957, beim zweiten Länderspiel Deutschland gegen Holland (4:2) vor 14.000 Zuschauern in München, spielen neben Anne Droste und Renate Bress auch Christa Kleinhans, Grete Eisleben, Brunhilde Zawatzky und Ingeborg Kwast im weißen Trikot mit dem Adler auf der Brust.

Länderspiele

In den ersten Jahren gehört Fortuna Dortmund dem Westdeutschen Damenfußball-Verband an. Später schließt man sich der Deutschen Damenfußball-Vereinigung unter dem Vorsitz des Müncheners Josef Floritz, Ex-Trainer von Borussia Neunkirchen, an. Zusammen mit Spielerinnen aus Essen, München und Nürnberg organisiert Josef Floritz von 1958-1965 vor allem im süddeutschen Raum (aber auch im Ausland) zahlreiche Damenfußball-Länderspiele. Diese internationalen Begegnungen begeistern die Zuschauer. Wegen der weiten Anreise wird meist zweimal an einem Wochenende in benachbarten Städten oder Gemeinden gespielt, samstags und sonntags. Die Fußball-Touren führen vornehmlich in den süddeutschen Raum, aber auch nach Holland, Österreich, Italien und Frankreich. Zwischen 3.000 und 14.000 Zuschauer sehen diese Partien, und stets stellt Fortuna Dortmund einen Großteil der Spielerinnen. Bis Ende 1965 finden – trotz DFB-Verbotes - rund 150 solcher Länderspiele statt. Das Rückgrat dieser Länderelf bildet das Team von Fortuna Dortmund.

Italien-Reise

Zum Höhepunkt der zahlreichen Auslandsreisen der Fortuna-Damen zählt zweifellos die Italien-Tournee 1962. Für die seinerzeit geradezu sensationelle und abenteuerliche Tour wird ein eigener Bus gemietet. Zehn Tage sind die Damen unterwegs. "Calci al femminile" heißt es. Es wird in Brescia und Mailand gespielt, und natürlich nutzen die Damen die Zeit auch für ausgiebiges Sightseeing. So geht es an den Gardasee und nach Bozen. Von der italienischen Männerwelt werden die Kickerinnen zunächst jedoch skeptisch begrüßt; "mann" macht sich sogar über sie lustig: Damenfußball ist im tief katholischen Italien unbekannt und gilt vielen als anstößig. Und so verwundert es nicht, dass die deutschen Damen dort ihre zwei Partien gegen eine holländische Auswahl bestreiten. Nach den Spielen allerdings herrscht – wie so oft - helle Begeisterung unter den Zuschauern. Unvergessen bleibt die Partie im San-Siro-Stadion, der Spielstätte des AC Mailand. Tausende Zuschauer jubeln den Kickerinnen zu und verlangen nach Spielende Autogramme. Manager Floritz ermahnt die Damen, sich nach dem Abpfiff so langsam wie möglich umzuziehen: die italienischen Männer seien völlig aus dem Häuschen! Als die Spielerinnen nach zwei Stunden endlich per Bus das Stadiongelände verlassen, stehen tatsächlich noch einige Hundert Zuschauer vor den Stadiontoren und schütteln das Gefährt mit südländischer Begeisterung.

Das letzte Spiel

"Große Begeisterung auf dem Schützenhof" titelt die Presse am Montag, den 30. August 1965. Die Welle der Begeisterung haben die Fußball-Frauen von Fortuna Dortmund auf dem altbekannten Schwerter Sportplatz ausgelöst. 1.800 Zuschauer erleben einen 5:3 Sieg der Fortuna gegen die Holländische Nationalelf.

Es sollte allerdings das letzte Spiel der eingeschworenen Truppe um Anne Droste, Renate Bress (geb. Müller), Grete Eisleben, Christa Kleinhans, Marlis Marohn gewesen sein. Einige der Spielerinnen hören altersbedingt auf, andere heiraten, und eine neue Generation junger Frauenfußballerinnen ist noch nicht nachgewachsen. Man bekommt keine Elf mehr zusammen, und so löst sich 1965 der Damenfußball-Verein DSV Fortuna Dortmund auf.

Erinnerungen ehemaliger Spielerinnen von Fortuna Dortmund:

Waltraud Christian: "Mein erstes Spiel war im Freischütz in Schwerte. Als wir dort aufgetreten sind, war da natürlich großes Gelächter. Das hab ich heute noch in den Ohren: "Guck´se dir mal an, wie se aussehn, wat für ne Figur". Also, es war grausam."

Ingeborg Kwast: "Ich glaub, wir sind da sofort hingegangen, weil uns das ganze Umfeld gefiel und weil die Kameradschaft in Ordnung war, und aus dem Grund sind wir bei Fortuna gelandet.

Renate Bress (geb. Müller): "In Kleve, Anfang 1956, bekamen wir einen städtischen Platz für unser Spiel. Aber die Umkleidekabinen, die gehörten dem Westdeutschen Fußballverband, die durften wir nicht benutzen. Wir mussten uns erst mal woanders umziehen, und nach dem Spiel hatte man uns das Wasser abgedreht. Da kam dann die Feuerwehr mit Schüsseln und füllte sie mit Wasser. Da durften wir uns dann notdürftig waschen."

Christa Kleinhans: "Ich kann mich noch gut an die Quälereien vom DFB erinnern. Das war dermaßen schäbig, gemein, wie man uns behandelt hat. Das ist zwar schon 50 Jahre her, aber so was bleibt einem in Erinnerung."

Anne Droste: "In Bremen hatten wir gespielt zur Einweihung der Flutlichtanlage. Da hatte man geglaubt, wir Frauen würden mit Fußball unser Geld verdienen. Da hat der Trainer gesagt, nimm mal deine Lohnbescheinigung mit. Die hab ich dann mitgenommen und dann hat man gesehen, dass wir arbeiten gehen."

Anne Droste: "Ich wollte nicht, dass in der Firma bekannt wurde, dass ich Fußball spiele. Ja, und da hab ich beim ersten Länderspiel unter falschem Namen gespielt."

Grete Eisleben: "Das Länderspiel im Münchener Dante-Stadion 1957 war Wahnsinn, ein echtes Gänsehaut-Feeling. Es kamen rund 14.000 Zuschauer. Als wir ins Stadion einliefen und die Menschenmenge sahen: Wir konnten es kaum glauben! Und als wir die Nationalhymne hörten, wurden wir noch ein Stück größer. Nach dem Spiel waren die Zuschauer begeistert. Wir mussten Autogramme geben. Und bei der Abfahrt hingen die Zuschauer wie Trauben an unserem Bus, wie man das heute so sieht, wenn Bayern München spielt!"

Ursula Kleff: "Ich war Bürokauffrau. Da wurde samstags nicht gearbeitet und ich konnte dann immer spielen. Schwierig war es nur manchmal, wenn wir sonntags von Spielen in Süddeutschland nach Hause kamen. Dann sind wir erst morgens früh angekommen, so dass ich manchmal direkt zur Arbeit gegangen bin. Das war schon knapp, weil ich dann auch mal zu spät gekommen bin. Aber das ließ sich schon regeln."

Brunhilde Bittner (geb. Zawatzky): "Ich hab auch Fanpost bekommen. Ein junger Mann hat mir geschrieben und hat gefragt, ob er von mir mal ein Foto haben könnte. Dann hat er über die Spiele positiv berichtet, und dass das alles schön war.

Hannelore Müller (geb. Sievers): "Freitag abends ging’s los, und dann samstags ein Spiel, sonntags ein Spiel, und dann Sonntag abends wieder nach Hause. Das war zwar sehr hart, aber wir waren ja jung, da haben wir das noch verkraftet. Das war schon sehr schön, muss ich ehrlich sagen."

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04. September 2007

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