Brennpunkte des Temperaturanstiegs – die Betroffenen des Klimawandels
Die Klimaveränderungen werden weit reichende Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Siedlungsstrukturen mit sich bringen. Dies ist bereits sicher. Schon heute bekommen insbesondere die Einwohner von Entwicklungsländern die klimatischen Veränderungen deutlich zu spüren. Sie werden in Zukunft zunehmend und am stärksten betroffen sein.Einführung
Die Klimaveränderungen werden weit reichende Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Siedlungsstrukturen mit sich bringen. Dies ist bereits sicher. Schon heute bekommen insbesondere die Einwohner von Entwicklungsländern die klimatischen Veränderungen deutlich zu spüren. Sie werden in Zukunft zunehmend und am stärksten betroffen sein. Doch auch in den Industrieländern wird die Vulnerabilität, d.h. Verwundbarkeit der Menschen gegenüber den sich ändernden klimatischen Bedingungen ansteigen. Die Verwundbarkeit nimmt dabei nicht wegen der höheren Durchschnittstemperaturen zu, sondern insbesondere aufgrund der häufigeren und stärkeren Extremwetterereignisse.
Der Wandel zeigt Wirkung
Nicolas Stern ist Berater der Britischen Regierung und ehemaliger Chefökonom der Weltbank. In seiner Ende 2006 erschienenen "Stern Review" sorgte er für Aufsehen, weil darin Sätze zu lesen sind, die unweigerlich aufschrecken lassen. Beispielsweise sagte er, dass "durch unser Handeln jetzt und über die nächsten Jahrzehnte das wirtschaftliche und soziale Leben in einem Ausmaß ähnlich dem während der Weltkriege und der Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestört werden könnte." Er weist darauf hin, dass alle Länder von den Veränderungen betroffen sein werden, jedoch die ärmsten Länder und Bevölkerungen die verwundbarsten sind und am ehesten und meisten leiden, obwohl sie am wenigsten zu den Ursachen der Erderwärmung beigetragen haben. Die Prognosen sind Anlass genug, einen Blick in die Zukunft auf die Folgen des globalen Wandels für die Menschen zu werfen.
Die Klimaforschung hat den Begriff der "Verwundbarkeit" definiert, um darauf zu schließen, wer von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sein wird. Verwundbarkeit ist das Ausmaß der Gefährdung, den negativen Folgen des Klimawandels ausgesetzt zu sein, bzw. der Unfähigkeit, sich dem Charakter und der Intensität des Wandels anzupassen. Folgende drei Faktoren sind dabei maßgeblich:
- Die Exposition gibt an, wie sehr eine bestimmte Region, bzw. ihr soziales oder Ökosystem den klimatisch bedingten Risiken ausgesetzt ist. Diese sind regional deutlich unterschiedlich ausgeprägt.
- Die Sensibilität eines Systems zeigt an, wie stark es auf klimatische Veränderungen reagiert. Beispielsweise könnten sich die Struktur einer Volkswirtschaft oder eines Ökosystems verändern oder deren Funktionsweise beeinträchtigt oder gar zerstört werden.
- Die Anpassungsfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit einer Gesellschaft oder eines Wirtschaftssektors, so mit den Folgen des Klimawandels umzugehen, dass mögliche Schäden auf ein verträgliches Maß reduziert werden. Demnach können sich diejenigen Regionen besser schützen, die wissen, wo Bedarf an Anpassung besteht, die entsprechende finanzielle Mittel bereitstellen und Maßnahmen ergreifen können.
Wasser: Vom Mangel und vom Überfluss
Wasser ist nicht nur das wichtigste Lebensmittel, sondern auch ein entscheidender Faktor für Entwicklung und Wirtschaft. Die Auswirkungen des Klimawandels werden in den nächsten Jahrzehnten Milliarden von Menschen vom Zugang zu sauberem Trinkwasser abschneiden. Nach Schätzungen der Umweltorganisation Greenpeace könnten wegen Dürreperioden und Überschwemmungen als Folge der Erderwärmung im Jahr 2025 weltweit mehr als fünf Milliarden Menschen in armen Ländern ohne ausreichende Wasserversorgung sein.
Quelle: Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel - Sicherheitsrisiko Klimawandel, Berlin 2007.Die Einwohner der Sahelzone wiederum sind unterschiedlich stark betroffen. Beispielsweise sind Frauen in den ländlichen Regionen der Sahelzone oft in der Verantwortung, den Lebensunterhalt und die Versorgung mit Nahrung und Energie zu sichern. Erschwerter Zugang zu und Knappheit von Ressourcen, insbesondere Feuerholz und Wasser, erhöhen ihren Arbeitsaufwand. Bei Überschwemmungen sind besonders Kinder betroffen, da nach Überflutungen Durchfallerkrankungen und Masern die größten gesundheitlichen Risiken darstellen. Außerdem müssen sie häufig nicht nur für die Zeit der Überschwemmungen auf Schulunterricht verzichten, sondern werden auch nach den Überschwemmungen bei der Beseitigung der Schäden einbezogen.
Naturkatastrophen wie der Hurrikan Katrina, der den Süden der USA 2005 verwüstete, oder die Überschwemmungen in Deutschland 2002 erinnern daran, dass Extremereignisse nicht nur für Entwicklungsländer, sondern auch für entwickelte Länder eine Bedrohung darstellen. Allerdings können die Industrienationen ihre Verwundbarkeit eher senken, weil sie, wie beispielsweise durch Frühwarnsysteme und Deichnetzwerke, auf die veränderten Wetterbedingungen zu reagieren in der Lage sind.
Wirtschaft: Die große Transformation
Für alle Wirtschaftsbereiche und Sektoren ist eine Transformation erforderlich, um einerseits den anthropogenen Klimawandel abzuschwächen und sich andererseits an seine Folgen anzupassen. Während Vermeidungsmaßnahmen z.B. im Energiebereich noch vergleichsweise gut in Szenarien abgeschätzt werden können, gestaltet es sich schwieriger, die Schäden des Klimawandels und die Kosten für eine notwendige Anpassung abzuschätzen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet bei einer Temperaturänderung um global nur einen Grad Celsius mit klimabedingten volkswirtschaftlichen Schäden in Höhe von bis zu zwei Billionen US-Dollar im Jahr 2050. Nicolas Stern rechnet mit "zig Milliarden Dollar" pro Jahr allein in den Entwicklungsländern für Anpassungsmaßnahmen.
Hurrikan Katrina auf dem Weg nach Florida. Er kostete etlichen Bewohnern das Leben und zerstörte die Lebensgrundlage vieler. Bis heute. Foto: AP (© AP
)Die Landwirtschaft ist in Zeiten sich wandelnden Klimas der Wirtschaftssektor mit den deutlichsten unmittelbaren Veränderungen. In welchem Maße landwirtschaftliche Erträge zukünftig durch den Klimawandel beeinflusst werden, ist stark von der Fruchtart und der Wasserversorgung abhängig. Die Möglichkeiten zur Anpassung sind im Vergleich zu anderen Bereichen im Prinzip recht vielfältig. Es gibt bereits erste Überlegungen, wie sich die globale Nahrungsmittelproduktion umzustellen hat, um in Zukunft Ernährungssicherheit auf globalem Maßstab zu gewährleisten. So könnten die skandinavischen Länder oder Russland zu neuen "Kornkammern" der Welt werden.
Mit Blick auf den Agrarsektor ergeben sich wiederum für Länder, Regionen und Bevölkerungsgruppen mit hoher Exposition und Sensibilität existentielle Probleme: Denn die zunehmenden, teils extremen Wetterschwankungen bedrohen die Ertragssicherheit. Ernteausfälle, die aufgrund von Dürrekatastrophen oder Überschwemmungen auftreten, führen zu steigenden Weltmarktpreisen und treffen damit in erster Linie die ärmeren Teile der Weltbevölkerung. Außerdem drohen vielen landwirtschaftlich genutzten Gebieten in Entwicklungsländern zukünftig unfruchtbare Böden. Damit wiederum droht den vielen Menschen, die in Entwicklungsländern in der Landwirtschaft tätig sind, der Entzug ihrer Lebensgrundlage. In vielen dieser Länder werden einer angemessenen Anpassung finanzielle Grenzen gesetzt sein.
Auch die Energieversorgung ist als sehr verwundbar einzustufen. Energieproduktion auf Grundlage fossiler Energieträger ist nämlich nicht nur maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich, sondern auch anfällig gegenüber seinen Folgen. Konventionelle Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerke haben einen immensen Wasserverbrauch, da sie Wasser zur Kühlung benötigen. In den USA stehen diese Kraftwerke für 39 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs. In Frankreich mussten im heißen Sommer 2003 einige AKW gedrosselt oder gar abgeschaltet werden, da ihnen das nötige Kühlwasser fehlte. In zukünftig wasserarmen Regionen können solche Kraftwerke deshalb gar nicht erst gebaut werden.
Nicht zuletzt stellen die zunehmenden Wetterextreme ein großes strategisches Risiko für Immobilien- und Haftpflichtversicherer dar. Rund ein Drittel aller Versicherungsschäden werden durch wetterbedingte Naturkatastrophen ausgelöst. Schon jetzt hat der Klimawandel die Mathematik der Versicherer durcheinander gewirbelt. Noch in den neunziger Jahren kosteten die Katastrophen die Versicherer im Schnitt gut neun Milliarden Dollar pro Jahr. Im Jahr 2005 mussten allein für den Wirbelsturm "Katrina" rund 60 Milliarden Dollar bezahlt werden. Es steht zu befürchten, dass in Zukunft nicht alle Schäden versicherbar sind.
Migration: Aus Krisen werden Konflikte
In 15 bis 20 Jahren werden die ersten Atolle der Südseestaaten Papua Neuguinea und Tuvalu komplett verschwunden sein. Deren Regierungen haben bereits angefangen, einige Inseln zu evakuieren. Insgesamt leben rund sieben Millionen Einwohner von 22 Pazifik-Nationen auf vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Inseln. Für die meisten unter ihnen ist Migration die einzige Möglichkeit der Anpassung.
Es ist kaum möglich, die Gesamtzahl von Klimaflüchtlingen mit Sicherheit zu erfassen, denn zu komplex sind die Ursache-Wirkungsbeziehungen von Migration. So haben einige Studien die starke wechselseitige Abhängigkeit zwischen der Häufigkeit von Überschwemmungen und Migrationsbewegungen in Bangladesch aufgezeigt. Aber diese Wanderungsbewegungen sind auch vor dem Hintergrund der sich wandelnden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Bangladesch und Indien zu betrachten. Schätzungen über die Zahl von globalen Umweltflüchtlingen sind daher im besten Falle Mutmaßungen. Fest steht, dass der Klimawandel bestehende Konfliktkonstellationen verstärkt und damit die internationale Stabilität und Sicherheit zusätzlich gefährdet. Umweltmigration ist nur eine weitere Folge von Verteilungskonflikten, die durch den Anstieg des Meeresspiegels, durch klimabedingte Degradation von Süßwasserressourcen und durch den regionalen Rückgang der Nahrungsmittelproduktion entstehen.
Resümee
Die Vermeidung von Treibhausgasen (mitigation) ist nach wie vor die erfolgversprechendste Politik, um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen. Überlegungen, wie die globale Verwundbarkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels abgeschwächt werden kann, befinden sich noch im Anfangsstadium, gewinnen jedoch mit zunehmender Exposition gerade in den Entwicklungsländern immer mehr an Bedeutung. Immerhin gibt es erste Finanzierungsmechanismen, die eine Beteiligung an den Kosten zur Anpassung an den Klimawandel durch die Industrienationen als Hauptverursacher andeuten.
Ob es zu einer verursachergerechteren Umverteilung der Kosten kommt, ist heute noch offen, aber nach den Erfahrungen mit Verpflichtungen zur Bereitstellung von Entwicklungshilfe durch die großen Industrienationen und auch im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen in den internationalen Klimaverhandlungen für die nähere Zukunft eher zweifelhaft.
Wichtige Ansätze zur Verringerung der Sensibilität bieten auch das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung sowie die Erfahrungen mit daraus entwickelten konkreten Projekten. Gefordert wird dort von der internationalen Staatengemeinschaft eine Entwicklung, die den Bedürfnissen aller Menschen entspricht, ohne dabei die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ein Ziel, das auch im Hinblick auf die Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel leitend sein sollte und für die Betroffenen des anthropogenen Klimawandels zentral ist.
Literatur
IPCC 2007: Fourth Assessment Report: Climate Change 2007: Working Group II Report "Impacts, Adaptation and Vulnerability".
Jakobeit, Cord; Methmann, Chris 2007: Klimaflüchtlinge. Die verleugnete Katastrophe. Studie im Auftrag von Greenpeace.
Stern, Nicolas 2007: The Economics of Climate Change: The Stern Review. Camebridge University Press.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2007: Welt im Wandel – Sicherheitsrisiko Klimawandel. Berlin, Heidelberg
weitere Inhalte:
- Die Bedeutung der Meere im Klimawandel
- Grenzübergreifende Gewässerpolitik für saubere Flüsse
- Krankheiten und Gefährdung des Waldes
- Luft
- Mexiko-Stadt
- Porentief rein?
- Städtische Infrastruktur und Umwelt
- Trinkwasser
- Wald
- Wasser
- Wenn das Land vertrocknet – Dürre und Desertifikation
- Zur Rolle der Ressource Wasser in Konflikten
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