Dossierbild Afrikanische Diaspora
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"Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen"

Afro-deutsche Rapkünstler in der Hip-Hop-Gründerzeit


10.8.2004
Welche Rolle haben Afros in der Entstehungsgeschichte von Rap-Musik in Deutschland gespielt? Existierte für sie so etwas wie ein Gruppenbewusstsein? Kann man überhaupt von Afros als Akteure in der Hip-Hop-Szene sprechen?

Plattencover "Advanced Chemistry – Fremd im eigenen Land"Plattencover "Advanced Chemistry – Fremd im eigenen Land" (© MZEE Records)

Irgendwann im Jahre 82...



... oder war es schon '83, auf jeden Fall schien die Sonne draußen, sah ich bei "Formel 1" das erste Mal MCs rappen: "New York, New York, big city a dream, but everything in New York ain't at all like what it seem". Grandmaster Melle Mel, mit Nietengürtel zwischen Ghettodekor – Mülltonnen und, soweit ich mich erinnern kann, ein Throw-up im Hintergrund – hauchte durch seine ungeheure Präsenz dem Playback Leben ein. Mehr Leben als ich es je von einem anderen Musiker außerhalb Afrikas erlebt hatte.

Woher nahm er diese vielen Worte, von denen sich keines wiederholte? Woher nahm er den Atem, um sich nicht zu verhaspeln? Was war das? Gesang? Dann diese hünenhafte Gestalt mit muskulösem Oberarm und wütendem Ausdruck. Keiner von diesen bübchenhaften Poppern mit ihren blonden Strähnen, Pumphosen und unkoordinierten Bewegungen, für die ich auf den Parties von meinen weißen Schulkameraden Begeisterung vorschützen musste. Ziemlich genau zehn Jahre später stand ich selbst das erste Mal als MC mit "Advanced Chemistry" vor der Kamera. Gemeinsam mit Torch und Toni L rappte ich mir die Seele aus dem Leib. Anders als "Grandmaster Flash & The Furious Five" hatten wir darauf bestanden, nicht Playback zu rappen.

Afro-Deutsche waren von Anfang an mit dabei



Allein in Heidelberg, einem der wichtigen Entstehungsorte der Hip-Hop-Kultur in Westdeutschland, fällt mir kaum ein Bruder ein, der damals nicht getanzt oder ein bisschen gerappt hätte. Robby, Brandy, Tarek, Gerry, Mark, Freddy, Raymond – mit letzterem hatte ich 1984 meinen ersten Fernsehauftritt beim Rhein-Neckar Fernsehen. Ihre Namen verlieren sich im Dunkel der ungeschriebenen Hip-Hop-Geschichte der 1980er, eine Geschichte, die lange vor den ersten Plattenveröffentlichungen von Rapbands in Deutschland beginnt. Hip-Hop stärkte uns den Rücken. Meine Generation von Afros, die in den 80ern aufwuchs und Hip-Hop in den 90ern großmachte, befand sich in den 80ern in einer ausweglos erscheinenden Situation. In den 70ern hatten selbst die Deutschen irgendwann entdeckt, dass "black beautiful" ist und Soul war hier populär – ein Welle, auf der unsere Eltern, waren Sie nun Afrikaner oder Afro-Amerikaner, reiten konnten. Die frühen 80er waren dagegen Ödnis, ein musikalischer Horrortrip. Wie Guerilleros kämpften wir uns durch diese Zeit, indem wir versuchten, an jedem noch so farblosen Popper in der Glotze irgendetwas zu finden, womit wir uns identifizieren konnten. Denn außer Michael Jackson – und der ließ ein eher unbequemes Gefühl zurück, weil irgend etwas nicht mit ihm stimmte – bekam man keinen Schwarzen im deutschen Fernsehen zu sehen oder im Radio zu hören.

Afro-Deutsche leben und überleben...



... so wie andere Minderheiten in Deutschland, deren Ursprünge in der Migration liegen, in der Grauzone, in der sich die Widersprüche dieser Gesellschaft auftun. Dies merkt man an den wechselreichen Lebensläufen von Afros, von denen viele zwischen verschiedenen Kontinenten, zwischen verschiedenen Familien oder einfach unter dem ständigen Ausnahmezustand des Rassismus aufgewachsen sind. Daher waren viele Afros und andere Migranten zwiespältig, was ihre Akzeptanz der deutschen Version der weltweiten Hip-Hop-Bewegung anging; dies galt besonders für MCs. Denn Ende der 80er, Anfang der 90er war es nicht cool, auf deutsch zu rappen. Gerade bei vielen Brüdern und Schwestern war die Identifikation mit den Afro-amerikanischen Vorbildern besonders groß – die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zu wenig konnte die deutsche Sprache Ausdruck eines positiven Lebensgefühls sein. Dafür hatte sie zu sehr den bitteren Beigeschmack der schmerzhaften Erfahrung des Rassismus. Oft wurde ihre Beherrschung einem sogar ganz abgesprochen: "Woher kannst du denn so gut deutsch?" Viele Afros übernahmen daher damals lieber den Habitus und die Musik von ihren US-amerikanischen Vorbildern.

Schwarzköpfe, ein solidarischer Sammelbegriff



... für Migranten aus dem Süden, den Rossi und Kutlu von "Microphone Mafia" geprägt haben, waren schon von Anfang an maßgeblich am Aufbau von Hip-Hop in Deutschland beteiligt. Wichtig für die Entwicklung von Rap waren in der ersten Zeit vor allem afro-amerikanische MCs, meist GIs oder deren Familienangehörige, Leute wie Eddy Action und die US-Mitglieder von "Bionic Force" in Frankfurt, oder Turbo B und Eric "IQ" Gray, die zu rappen anfingen in der Szene, die im Umfeld der Kasernen und Ami-Diskos entstanden ist.

Die meisten Afro-Deutschen waren dagegen in deutschen Wohnzimmern aufgewachsen, gingen auf deutsche Schulen und waren in verschiedenem Maße "deutsch". In verschiedenem Maße deshalb, weil jeder von uns seine eigene Story hatte, die den einen mehr, den anderen weniger mit afrikanischer oder afro-amerikanischer Kultur und oft auch mit der englischen Sprache in Berührung gebracht hatte. Die Lyrics von KRS One, Public Enemy, Kool Keith und Big Daddy Kane, von denen die durchschnittlichen deutschen Kids meist nur Wort- und Satzfetzen aufschnappten, eröffneten vielen von uns Afros daher oft ihre tiefere Bedeutung. Wir ahmten eifrig die Metrik, die Betonung und den Wortgebrauch amerikanischer MCs nach und waren in unseren Rapskills den einsprachigen, monokulturellen deutschen Eingeborenen oft weit voraus.

Gerade die afro-deutschen MCs aus dem Rhein-Main-Gebiet rappten souverän auf Englisch, dazu gehörte Moses P, der 1989 "Twilight Zone" herausbrachte, oder D-Flame und Ebony Prince, die sich mit Black Englisch pudelwohl fühlten, weil sie als Teenies mit fast ebenso jungen GIs auf Kasernenhinterhöfen und an Wochenenden im Funkadelic in Frankfurt herumgehangen hatten. "Da Germ" brachte '93 seine erste Maxi "Da mic izza 3rd rail" in lupenreinem amerikanischem Englisch heraus. Auch die beiden afro-deutschen MCs von "Easy Business", eine der ersten professionell arbeitenden Bands aus Hamburg, rappten in solidem Englisch.

Aber es gab auch damals bereits MCs und Bands, die anderen Einflüssen unterlagen. N-Factor mit den beiden afro-deutschen MCs Wally B und Pacman rappten in den frühen Neunzigern auf Englisch über Rockgitarren-Riffs. "No Remorze" mit DJ Stylewarz am Set und "Crak" am "Mic" machten Britcore in Richtung Hijack und Silver Bullet. Don Abi und sein Bruder Ade, damals noch als "Duke T" bekannt, späterer Kopf von "Weep Not Child", dann des "Brothers Keepers"-Projekts, war Ende der Achtziger mit "Goldlover D" Frontman von "Exponential Enjoyment" – die Band, für die eine Zeit lang Viva VJ Mola Adebisi Tänzer war.

Adé experimentierte schon früh mit afrikanisch inspirierten Beats. Auch ich gehörte in diese Ecke. Meine ersten englischen Rhymes waren nicht nur von "Funky Four Plus One" und Kurtis Blow inspiriert, sondern ebenso von Mutabaruka. Viele der ersten Songs von Advanced Chemistry Ende der 80er waren von afrikanischen und karibischen Elementen bestimmt. 1991 hatten Adé und ich die Idee, Advanced Chemistry und Exponential Enjoyment für deren Album "Chop or Quench" zusammenzuführen. "Polyglott Poets" hieß das für die damalige Zeit außergewöhnliche Stück, auf dem wir in sechs Sprachen rappen. Die Platte kam leider erst 1993 in die Läden, aber die Lines von Adé und mir auf Pidgin-English gehören sicher zu den ersten Raps "amerikanischen Stils" überhaupt in einer afrikanischen Sprache.

Aber genau in dieser Orientierung nach Außen weg von Deutschland, ist auch der Grund dafür zu suchen, dass Afros auch ganz vorne dabei waren in der Erschaffung von deutschsprachigem Rap. Scheinbar paradoxerweise fiel es nämlich jenen MCs oftmals leichter auf Deutsch umzusatteln, die vorher jahrelang ernsthaft auf Englisch gerappt sowie Metrik und Intonation von ihren amerikanischen Vorbildern verinnerlicht hatten. Solche MCs hatten ein Empfinden dafür entwickelt, wie man auch eine Sprache wie die deutsche mit ihren Konsonantenverbindungen, Deklinationen und ihrer komplizierten Satzstruktur in Reimen bändigen konnte, ohne dafür Fluss und Rhythmus zu opfern. Torch zum Beispiel, der 1987 gemeinsam mit Toni L, DJ Mike MD, Gee One und mir Advanced Chemistry gründete, leistete für die Entstehung von Rap auf Deutsch Pionierarbeit, als er Ende der Achtziger begann, auf "Advanced Chemistry"- Konzerten und Hip-Hop-Jams auf Deutsch zu rappen.



 

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