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Geschichte, Definition, Tendenzen
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Entwicklung innerstaatlicher Kriege seit dem Ende des Ost-West Konfliktes |  |
| Nicolas Schwank |
| Wurden innerstaatliche Kriege vor 1989 hauptsächlich als "Stellvertreterkriege" der Supermächte wahrgenommen, hat sich das Spektrum der Konfliktgegenstände deutlich aufgefächert. Nach dem vorübergehenden Rückgang von Kriegen Mitte der 1990er Jahre ist heute insbesondere eine Zunahme von Konflikten mittlerer Intensität zu beobachten.
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| Soldaten der chinesischen UNAMID-Truppen in Darfur, Sudan. Foto: UN Photo/Stuart Price |
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 |  | Die Bilanz innerstaatlicher Kriege nach dem Ende des Ost-West-Konflikts fällt ambivalent aus: Zunächst stiegen die Kriegszahlen von Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre steil an. Mit 48 inner- und zwei zwischenstaatlichen Kriegen erreichten sie 1992 den absoluten Höchstwert der bis 1945 zurückreichenden Messungen. Für die nachfolgenden Jahre beschreibt die Verlaufskurve einen rapiden Abschwung auf 28 innerstaatliche Kriege im Jahr 1996, worauf bis 2003 wiederum eine gemäßigte Zunahme folgte. Danach begann die Zahl erneut zu sinken. Seit 2005 sind starke Schwankungen zu beobachten: in den Jahren 2005 bzw. 2007 waren es 30 bzw. 32 und 2006 und 2008 38 bzw. 39 Kriege.
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Zur Person |
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Nicolas Schwank Geb. 1972, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Er war zwischen 1999 und 2004 Vorsitzender des Heidelberger Instituts für Heidelberger Konfliktforschung und zwischen 2002 und 2004 stellvertretender Projektleiter zweier EU-finanzierter Forschungsprojekte. Derzeit schreibt er an seiner Dissertation über Eskalationen und Deeskalationen unterschiedlicher Konflikttypen.
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 |  | Ein Blick auf den CONIS-Datensatz, der zur Erfassung von Dynamiken gewaltsamer Konflikte entwickelt wurde, verrät, dass das Ende des Kalten Krieges mit einer starken Veränderung der Austragung innerstaatlicher Kriege einher ging, die sich zudem sehr unterschiedlich in einzelnen Weltregionen auswirkte. Auch zeigt die Analyse der Daten, dass seit einigen Jahren die Anzahl der innerstaatlichen gewaltsamen Konflikte stark ansteigt eine Konfliktform, die unterhalb der Kriegsschwelle liegt.
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Entwicklung inner- und zwischenstaatlicher Krisen und Konflikte 1945-2009
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Die beobachtbaren Schwankungen in der Häufigkeit innerstaatlicher Kriege ist ein Symptom des grundlegenden Wandels des Krieges, der sich unter der Rubrik "geringer organisierter Konfliktaustrag" zusammenfassen lässt. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts entfielen in vielen innerstaatlichen Konflikten die Zuwendungen an Geld und Rüstungsgütern, die den Konfliktparteien von beiden Militärblöcken jahrelang großzügig gewährt wurden. Dieser Umbruch spiegelt sich auch in den Ergebnissen der quantitativen Forschung wider: So fällt z.B. die durchschnittliche Dauer der Kriegsphasen deutlich kürzer aus als noch vor 25 Jahren. D.h. die kämpfenden Parteien haben in der Regel weder die technischen noch die finanziellen Möglichkeiten, längere innerstaatliche Kriege durchzuhalten. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten nicht-staatlichen Akteure zu. Dies ist jedoch kein Widerspruch zu den geringeren Finanzierungsmöglichkeiten. Im Gegenteil, die beteiligten nicht-staatlichen Gruppen sind heute deutlich kleiner; sie bewaffnen sich meist mit leichten und billigeren und damit einfacher zu beschaffenden Waffen.
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Verteilung der kriegerischen Konflikte nach Regionen 1945-2009
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Ein Blick auf die Konfliktregionen zeigt, dass sich nach 1989 die Situation am deutlichsten im subsaharischen Afrika und Europa verschlechtert hat. Besonders im bis dahin weitgehend friedlichen Europa entstand eine völlig neue Situation. Hatte der Kontinent über lange Zeit mit dem Nordirland-Konflikt nur einen einzigen kriegsähnlichen Konflikt aufzuweisen, stieg nun in nur zwei Jahren die Zahl auf acht. Ursache waren die Ablösungskonflikte nach dem Ende der Sowjetunion. Gerade an deren Rändern erkämpften sich die ehemaligen Teilrepubliken nach und nach ihre Unabhängigkeit. Besonders im Baltikum und im Kaukasus (Armenien, Aserbaidschan und Georgien) wurde der Sezessionsprozess von zum Teil heftigen innerstaatlichen Auseinandersetzungen und Kriegen zwischen Befürwortern und Gegnern der Unabhängigkeit begleitet.
Auch auf das ehemalige Jugoslawien wirkte sich der Zusammenbruch der Sowjetunion aus, da die ideologische Klammer wegfiel, die den Vielvölkerstaat nach Titos Tod noch zusammen gehalten hatte. Innerhalb weniger Jahre konnte die prekäre Situation für die gesamte europäische Entwicklung auch dank der euro-atlantischen Institutionen und der Effektivität ihrer Instrumente eingedämmt werden. Einen herben Rückschlag für die gesamteuropäischen Friedensbemühungen stellte allerdings die Situation in Georgien im Jahre 2008 dar, wo im Zuge des georgisch-russischen Krieges auch die innerstaatlichen Kriege in Georgien eskalierten.
Im subsaharischen Afrika stieg die Anzahl innerstaatlicher Kriege nach 1989 ebenfalls drastisch an. Nach dem vorläufigen Höchststand von 16 innerstaatlichen Kriegen im Jahre 1994 halbierte sich deren Anzahl innerhalb von nur zwei Jahren auf acht. Doch anders als in Europa eskalierte das Konfliktgeschehen erneut und erreichte 2002 mit 20 innerstaatlichen Kriegen einen neuen Maximalwert. Ein Blick auf die in den afrikanischen Konflikten umstrittenen Güter zeigt, dass seit den 1990er Jahren der Anteil sogenannter Ressourcenkriege deutlich zugenommen hat. Dies deutet darauf hin, dass die Finanzierung der Kriege direkt über die Ausbeutung umkämpfter Ressourcen wie Erze, Diamanten und Erdöl erfolgt. Damit wird auch erklärlich, warum trotz des Wegfalls der Unterstützung durch die Supermächte die Kriege über einen langen Zeitraum geführt werden konnten und ihre Anzahl erneut stieg.
Ein gegenläufiger Trend lässt sich für die Region Asien/Ozeanien feststellen. Hier sank nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zunächst die Anzahl innerstaatlicher Kriege. Sie lag in den 1990er Jahren mit durchschnittlich 13,3 innerstaatlichen Kriegen pro Jahr um zwei niedriger als in den 1980er Jahren (15,7 Kriege). Allerdings wurde und wird in Asien eine größere Zahl von Konflikten zwar gewaltsam, aber doch unterhalb des Kriegsniveaus ausgetragen. Kennzeichnend ist die große Zahl überwiegend kulturell geprägter Konflikte, in denen die Divergenz von Herkunft (Ethnie), Sprache oder Religion im Vordergrund steht. Die Verfügungsgewalt über Ressourcen hat hingegen nur geringe Bedeutung. Dies könnte – unter Berücksichtigung der oben dargelegten Mechanismen – den Rückgang der Kriegszahlen und die gleichzeitige Zunahme niederschwelliger gewaltsamer Konflikte erklären.
In den verschiedenen Teilen des amerikanischen Kontinents lag die Konflikthäufigkeit nach 1989 gleichfalls deutlich unter dem Wert der 1980er Jahre von 4,7. In den 1990er waren es durchschnittlich 2,7 innerstaatliche Kriege und im laufende Jahrzehnt 3,0. Typische Konflikte um das politische oder ökonomische System wie in Nicaragua, Guatemala oder El Salvador wurden in den 1980er Jahren beendet oder ebbten in ihrer Gewaltintensität ab. Einzig Kolumbien bleibt weiterhin vom blutigen Kämpfen zwischen der FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und den Regierungstruppen betroffen. Hier hat es die FARC durch den Aufbau eines lukrativen Drogenhandels geschafft, Einkommen für ihre militärischen Unternehmungen zu generieren.
Ein vom allgemeinen Trend abweichendes Bild ergibt sich für die muslimisch geprägte Region des Vorderen und Mittleren Ostens, die den Gürtel islamischer Staaten von den Maghreb-Staaten bis nach Afghanistan umfasst. Hier zeigten sich zunächst ähnliche Auswirkungen des Ende des Kalten Krieges wie in Amerika oder Asien – die durchschnittliche Anzahl der innerstaatlichen kriegerischen Konflikte lag mit 3,8 Kriegen pro Jahr in den 1990er Jahren ebenfalls unterhalb der Durchschnittswerte der 1980er Jahre (4,6). Allerdings verschlechtert sich der Wert für das aktuelle Jahrzehnt deutlich. Der Durchschnittswert für die Jahre 2000 bis 2008 liegt mit 6,1 pro Jahr so hoch wie noch nie zuvor im Beobachtungszeitraum. Auffallend ist, dass die regionale Konfliktverlaufskurve nach 2002 und damit nach den zwischenstaatlichen Kriegen der USA gegen Afghanistan und den Irak auffallend anstieg. Es dominieren Konflikte, die gegen Islamisten geführt werden (Irak, Afghanistan, Pakistan) bzw. davon beeinflusst sind. Die schwache Staatlichkeit in den von Krieg betroffenen Gebieten begünstigt zudem das Aufbrechen neuer Konfliktlinien.
Angesichts des Rückgangs innerstaatlicher Kriege auf das Niveau von 1984 wäre es zumindest verfrüht, von einer neuen stabilen Friedensordnung ohne Supermächte zu sprechen. Zu beobachten ist vielmehr eine Verschiebung der Austragungsformen zugunsten "gewaltsamer Krisen", wie sie im CONIS-Ansatz bezeichnet werden. Diese nehmen in den letzten Jahren weltweit dramatisch an Häufigkeit zu. Diese Konfliktformen fordern zwar einen geringeren Blutzoll, dafür können sie aber kurzfristig geplant und überraschend durchgeführt werden. In der Folge ergibt sich eine neue Qualität der Bedrohung innerer Sicherheit, die in ihren Auswirkungen mit den großen Flüchtlingsbewegungen und dem damit verbundenen Elend durchaus an jene von Kriegen heranreichen. Für die Bewertung der Stabilität und Sicherheit eines Staates wird es deshalb immer wichtiger, nicht nur die Anzahl der innerstaatlichen Kriege, sondern auch jene der gewaltsamen Krisen zu beachten.
Literatur
Daase, Christopher (1999). Kleine Kriege - Große Wirkung. Wie unkonventionelle Kriegsführung die internationale Politik verändert. Baden-Baden: Nomos.
Geis, Anna (2006). Den Krieg überdenken Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse. Baden-Baden: Nomos.
Münkler, Herfried (2002). Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Schwank, Nicolas (2010): Konflikte, Krisen, Kriege, Baden-Baden: Nomos.
Links
CONIS–Datensatz: ein neuer detaillierter Konfliktdatensatz zur Häufigkeit und Dynamik inner- und zwischenstaatlicher Konflikte.
http://www.conis.org
Heidelberger Konfliktbarometer: jährliche Analyse des aktuellen Konfliktgeschehens
www.hiik.de
Uppsala Conflict Data Program – weltweit eine der meist zitierten Konfliktdatenbanken, aktualisiert bis 2005
www.ucdp.uu.se
Das Correlates of War (COW) Projekt – eine der ältesten und einflussreichsten Konfliktdatenbanken der Welt. Die Daten des COW Projektes wurden in einer unübersehbaren Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten verwendet.
http://www.correlatesofwar.org/

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21. Januar 2010 |  |
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