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Sand im DVD-Brenner

Ein Interview mit Christine Ehlers von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU)


29.2.2008
Über 20 Tonnen Raubkopien lagern in der Asservatenkammer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU). 1984 wurde der Zusammenschluss von Film- und Videospiel-Herstellern gegründet. Sprecherin Christine Ehlers erklärt, wie der Markt mit illegalen Kopien funktioniert und wie die GVU dagegen vorgeht.

bpb: Frau Ehlers, angenommen, ich sitze am Rechner, öffne einen Filesharingdienst oder eine Torrent-Suchmaschine, gebe den Namen des neuesten Films oder Spiele-Blockbusters ein, und schon tauchen da zwei, drei, viele Kopien auf, die ich herunterladen kann. Wie kommen die dahin?



Christine Ehlers: In der Regel gibt es eine Verbreitungspyramide, deren oberer Bereich eher wenig öffentlich ist – einige sind gar nicht öffentlich, dann wird es immer durchlässiger, und den unteren Bereich stellen die Endverbraucher dar. An der Spitze dieser Verbreitungspyramide stehen die so genannten Release-Gruppen.

Nehmen wir einmal das Beispiel Film: Ein Blockbuster aus den USA kommt erstmals in Deutschland in die Kinos, zum Beispiel im Rahmen einer Sneak-Preview. Da haben sich Mitglieder der Release-Gruppen schon vorher das Bild aus den USA besorgt, über Abfilmungen im Kino oder über DVD. Ein Mitglied der Release-Gruppe geht dann in ein Kino und schneidet während der Sneak-Preview illegal den Ton mit. Ton und Bild werden dann miteinander synchronisiert, und so wird die erste Raubkopie erstellt, die dann in ein verdecktes Netzwerk im Internet eingestellt wird.

In diesen verdeckten Netzwerken sind nur Gruppenmitglieder der Release-Gruppen unterwegs. Grundsätzlich besteht ein Wettbewerb zwischen diesen Releasegruppen: Wer als erstes ein Werk in der besten Qualität dort eingestellt hat, der genießt Ruhm und Ehre.

Das heißt, die Motivation ist vor allem, es einfach machen zu können und dadurch Ansehen zu gewinnen?



Bei einem Teil. Das Problem ist, dass es auch dort Leute gibt, die ein finanzielles Interesse verfolgen. Die stellen einen Teil der nächste Ebene der Pyramide dar: Sie betreiben so genannte Pay-FTP-Server. Das sind Server oder Server-Ringe, also in Reihe geschaltete Server, auf denen illegale Kopien lagern, die zum Beispiel eine monatliche Abogebühr dafür nehmen, dass Nutzer dort illegal Daten herunterladen können. Das ist schon an der Grenze zum Massenmarkt.

Es gibt in den Release-Gruppen so eine Art "Old School", die all das tun, weil sie den Wettkampf mögen, weil sie ein technisches Wissen besitzen. Daneben es gibt die zweite Art, die damit einfach Geld verdienen will. Von deren Servern wird das Material dann von einigen Mitgliedern über Pay-Server oder andere Top-Server letztlich auch in die so genannten Tauschbörsen eingebracht. Dort steht es dann zur kostenlosen, massenhaften Verbreitung im Netz bereit.

Auch in den Tauschbörsen gibt es eine Gruppe, die sich am Datentauschen der einzelnen Nutzer bereichern, auch wenn sie selber keine Dateien tauschen. Dies sind etwa die so genannten Portalseitenbetreiber, die auf ihren Webseiten Links zu den getauschten Dateien vorhalten und so den Tausch von Dateien über BitTorrent oder eDonkey fördern beziehungsweise gar erst ermöglichen. Diese Portalseitenbetreiber erzielen über Onlinewerbung erhebliche Einnahmen.

Aus den Tauschbörsen und teilweise auch aus den Pay-FTP-Servern bedienen sich auch professionelle Raubkopierer, etwa solche, die auf tschechischen Grenzmärkten ihre Raubkopien verkaufen. Die ziehen sich dort ihre Vorlagen für Massenkopien auf CD oder DVD herunter. Dabei dient oftmals nur eine einzige Vorlage für alle illegalen Kopien, egal, ob es sich um die professionell gepresste DVD aus Polen handelt oder um die Datei, die über Tauschbörsen verteilt wird.

Zuweilen gelingt uns der Nachweis der Quelle. Wenn zum Beispiel eine rein deutsche Produktion im Kino gezeigt wird, wird dort meist auch das Bild von der Leinwand abgefilmt. Und auf den Raubkopien, die man auf einem Grenzmarkt, Flohmarkt, auf Ebay oder sonst wo kaufen kann, kann man dann sehen, wie jemand in der Vorstellung aufsteht und vor der Leinwand erscheint, während er aus dem Kinosaal geht. Oder wir erkennen es dadurch, weil die Filme, die in die Kinos kommen, mit individuellen Markierungen versehen sind. Später, wenn wir CDs oder DVDs oder Dateien prüfen, können wir ganz genau sagen: Diese Raubkopie von diesem Ton oder Bild beruht auf diesem illegalen Mitschnitt in diesem Kino.

Woher bekommen Verbraucher in Deutschland ihre illegalen Kopien?



Die meisten bekommen sie aus dem Internet, die überwiegende Mehrheit aus Tauschbörsen, aber wir sehen hier eine Entwicklung hin zu anderen Diensten, beispielsweise Sharehoster, Streaming-Seiten oder das Usenet. Ein bisschen hängt das auch von den Leuten ab. Es gibt eine Klientel, die immer gern auf "Tschechen-Märkte" fährt, die vielleicht etwas weniger internetaffin ist. Aber der Großteil gerade der Jüngeren bezieht seine Kopien aus dem Netz, die dann auch in gebrannter Form getauscht werden.

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden, der dadurch jährlich entsteht?



Die Universität Weimar hat Ende 2007 eine Studie herausgebracht, laut der – je nach Umrechnungskurs – der Schaden im Bereich Film in Deutschland jährlich bei 200 Millionen Euro liegt. Sie haben für die Besucherzahlen der Kinos und die nachfolgenden Auswertungsstufen – DVD-Verkauf und so weiter – die Ausfälle berechnet, und die liegen immer im zweistelligen Prozentbereich, zwischen 12 und 16 Prozent pro Jahr. [Anm. d. Red.: Gemeint ist die Studie "Consumer File Sharing of Motion Pictures" von Thorsten Hennig-Thurau, Victor Henning und Henrik Sattler, erschienen im Journal of Marketing 71 (Oktober 2007), S. 1-18, s.u., Links].

Genaue Schadenszahlen lassen sich aber nur schwer ermitteln. Klar ist, dass nicht jede Raubkopie ein entgangener Verkauf ist, aber wir müssen davon ausgehen, dass der wirtschaftliche Schaden bei mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr liegt – allein in Deutschland.

Wie kann man das überhaupt berechnen? Man könnte ja immer einwenden, viele hätten sich den gleichen Film gegen Eintritt oder Leihgebühr gar nicht angesehen, oder der Umsatzrückgang liege daran, dass die Filme schlechter geworden sind?



Ja, das ist eine gern genutzte Rechtfertigungsstrategie. Ich kann das Modell jetzt nicht im Einzelnen ausführen. Die Universität Weimar hat im Grunde genommen Leute in mehreren Runden befragt, hat Reizwörter vermieden – wie Raubkopie, illegale Kopie oder ähnliches –und gefragt, wie sich Filesharing auf deren Kinobesuche auswirkt. Und dabei haben sie ermitteln können, dass jene, die in Filesharingbörsen Filme herunterladen, weniger ins Kino gehen und weniger bereit sind, in eine Videothek zu gehen.

Nun heißen sie "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen". Wie genau verfolgen sie denn diese illegalen Kopien?



Wir konzentrieren uns vor allem auf die Personenkreise, die ursächlich für den Schaden sind: die Release-Gruppen-Mitglieder, Leute aus der FTP-Serverszene, Portalseitenbetreiber, Ersteinsteller in Peer-to-Peer-Netzen oder eben die professionellen Raubkopierer, die damit Geld verdienen. Das soll nicht heißen, dass wir bei einem Endverbraucher, der über einer Tauschbörse lädt, ein Auge zudrücken. Das Gesetz gilt für alle. Aber wir fokussieren unser aktives Vorgehen auf die, die das erst ermöglichen.

Unsere Strategie ist die: Wenn wir an dieser Stelle eingreifen und die Pyramide unterbrechen, führt das dazu, dass die Raubkopien erstens später entstehen und zweitens in einer schlechteren Qualität. Dadurch wird die Massenverbreitung eingedämmt – weil man die Kopien nicht mehr wirklich angucken kann, oder weil sie nicht mehr aktuell genug sind.

Wie kommen Sie an diese Release-Gruppen heran? Die werden doch ein Interesse daran haben, nicht von Ihnen gefunden zu werden.



Das ist richtig. Es gibt aber immer wieder Leute, die aus diesen Gruppen aussteigen, aus den verschiedensten Gründen. Die informieren uns dann. Wir sind ja bereits einige Jahre mit der Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen beschäftigt. Unsere Außendienstmitarbeiter, die so genannten Ermittler, haben dadurch schon sehr weit reichende Kenntnisse über die ganze Szene. Die informieren dann letztlich die Polizei.

Wir schulen auch Polizisten zu diesen Themen: Wie ist die Szene aufgebaut? Was passiert dort eigentlich? Ab wann ist etwas eine Urheberrechtsverletzung? Die tatsächliche Ermittlung macht die Polizei, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir unterstützen die Polizei lediglich dahingehend, dass wir die Informationen, die wir erhalten, entsprechend aufbereitet weiterleiten.


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