Dossierkopf Iran

Wahlkampf per TV und SMS


9.6.2009
In Iran treten die Kandidaten erstmal in TV-Duellen gegeneinander an. Präsident Ahmadinedschad und sein Herausforderer Karroubi lieferten sich einen harten Schlagabtausch. Ahmadinedschad präsentiert sich als einfacher Mann, der gegen das reiche Establishment ankämpft. Bei der armen Bevölkerung kommt das an.

Der Wahlkampf in Iran läuft auch Hochtouren, auch im staatlichen Fernsehen. Dort treffen alle Kandidaten in TV-Duellen aufeinander - ein absolutes Novum. In dem Fernsehduell zwischen dem Reformer Mehdi Karroubi und dem amtierenden Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad am 6. Juni zeigte der Präsident viele bunte Schaubilder und erklärte, dass Iran während seiner Amtszeit eine Phase des Wirtschaftswachstums mit einer Inflationsrate von "unter 15 Prozent" erlebt habe.

Karroubi entgegnete, "den Angaben der Zentralbank entsprechend liegt die Inflation bei 25 Prozent und sie kommen auf 14 Prozent"; er fügte hinzu, "ich bin doch nicht eben erst aus der Wildnis zurückgekehrt... selbst meine kürzlich verstorbene, liebe 'Naneh' [Großmutter] hat gespürt, dass die Preise steigen". Dann erinnerte Karroubi an die berühmte Geschichte des spöttischen »Mullah Nasreddin«, der im 13. Jahrhundert behauptete, er stünde im Zentrum des Universums und wer dies anzweifele, der solle doch nachmessen – dann würde er schon sehen.

Präsident Ahmadinedschad war zuvor bei dem Versuch unter Druck geraten, den Verbleib der in den Währungsreserven des Landes »'fehlenden' Milliarde US Dollar« aus dem Ölgeschäft zu erklären; schließlich tat er die Sache als "Fehler in der Buchhaltung" ab. Viele konnte er damit nicht überzeugen, weitere Fragen wurden gestellt. Doch Ahmadinedschad zeigte sich unbeeindruckt. In der Fernsehdebatte pries er sich nun als einen Mann an, der bescheiden vom Gehalt eines Lehrers lebe und sich damit gegen das korrupte Establishment stelle. Er behauptete außerdem, dass er für seinen Wahlkampf keinerlei finanzielle Mittel zur Verfügung habe und dennoch gegen wohlhabende politische Gegner antreten müsse, die so viel Geld hätten, dass sie im Wahlkampf sogar ungefähr "20 Mio. Dollar für Textnachrichten" ausgäben. Die Zahl 20 Mio. Dollar ist in einem Land, in dem das Versenden einer SMS ungefähr 1 Cent kostet schlichtweg erfunden; dennoch lässt sich die Rolle, die SMS – also Textnachrichten per Mobiltelefon – in dieser Wahl möglicherweise gespielt haben, nicht so leicht ignorieren.

Per SMS zur Versammlung aufrufen



Gemäß »offizieller Zahlen« werden in Iran mit seinen rund 71 Millionen Einwohnern täglich erstaunliche 50 Millionen SMS versandt. Wie überall auf der Welt sind darunter sicher auch solche dieser Art: "Viel Verkehr, komme später." In Iran können SMS allerdings auch auf einzigartige Weise zur Herausforderung des staatlichen Medienmonopols genutzt werden. In den letzten Wochen haben Wahlkämpfer anhand von SMS über Treffen und Versammlungen informiert. So zum Beispiel über die »Kundgebung am 5. Juni« auf dem Vali-Asr-Platz in Teheran, auf der die Anhänger Mir Hossein Mussawis, die zur Kundgebung aufgerufen hatten, hoffnungsvolle "bye-bye Ahmadinedschad" Sprechchöre sangen.

Bereits im Dezember 2008 »warnte« ein enger Verbündeter des Präsidenten, Teherans Oberstaatsanwalt »Saeed Mortazavi«, davor, dass das Versenden von Nachrichten, die die Kandidaten "verunglimpfen", strafrechtlich verfolgt werden würde; in der Realität hauptsächlich SMS, die sich gegen den Präsidenten Irans richten dürften. Ahmadinedschads provokante Reden haben vielleicht die Welt erschaudern lassen. Dennoch gibt es in der Geschichte der Revolution kaum einen Regierungsbeamten, der Anlass zu so vielen Witzen gab. Viele dieser per SMS versandten Witze beziehen sich auf seine Körperhygiene oder sein Auftreten; andere wiederum verhöhnen all das, wofür er steht. Zum Beispiel: "Ahmadinedschad geht nach Las Vegas. Er ruft seine Frau an und sagt, 'ich glaube, ich bin zum Märtyrer geworden'. Sie: 'warum?' Und er antwortet, 'weil ich im Himmel bin!'"

Die Armen wählen Ahmadinedschad



In seinem »Wahlkampffilm« im Stil der Ära des Kalten Krieges wird Ahmadinedschad hingegen als derjenige gepriesen, der die Nation durch enorme technische Fortschritte nach vorn gebracht hat. Dem Zuschauer werden begeisterte Massen gezeigt, die ihren Präsidenten in der gesamten islamischen Welt als Helden bejubeln.

Ahmadinedschads Wahlkampffilme sind durchsetzt mit unverhohlenen Ungenauigkeiten. Sie zielen auf das Publikum des staatlichen Fernsehens ab, das unter Umständen keinen Zugang zu anderen Medien hat. Diese Zuschauer sehen einen gewissenhaften Mann, der in den vier Jahren seiner Amtszeit graue Haare bekommen hat und die Lebensumstände der Mittellosen und Vergessenen drastisch verbessert hat. Man sieht eine ältere Frau, die zuvor in einem Elendsviertel gelebt hat, in ihrem neuen Zuhause, für das sie ihrem Präsidenten dankt; eine andere überwältigte, junge Frau einer indigenen Gruppe beschreibt ihn als "tapfer" und als "den ersten Präsidenten, der es jemals gewagt hat, die Armen zu besuchen". Für diese ehrlichen und loyalen Wähler der ländlichen Bevölkerung ist Ahmadinedschad nicht zum Lachen.

Aus dem Englischen von Martina Heimermann



 

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