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Wirtschaft und Soziales

Wirtschaftssystem und wirtschaftliche Entwicklung in Indien


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Einführung und Überblick
Wolfgang-Peter Zingel
Die Wahrnehmung Indiens als kommende Wirtschaftsmacht ist jüngsten Datums: In Deutschland erschreckte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der Computermesse
Arbeiterinnen in einer Schuhfabrik nahe Neu Delhi
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Arbeiterinnen in einer Schuhfabrik nahe Neu Delhi
Foto: Rainer Hörig

Cebit 2000 die Nation mit der Ankündigung, dass sie mangels eigener Computer-Experten in genügender Zahl auf ausländische Experten, darunter auch solche aus Indien, angewiesen sei.

Im Frühjahr 2006 bot der US-amerikanische Präsident George W. Bush Indien eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der zivilen Nuklearforschung an – demselben Land, das man noch 1998 nach den indischen Atomtests mit Wirtschaftssanktionen von weiteren nuklearen Ambitionen abzuhalten versuchte. Daraus wurde aber nichts, weil Indien schon damals kaum Entwicklungshilfe aus den USA bekam und die USA die indischen Ingenieure brauchte, um alte Computer-Programme, die nur zweistellige Jahreszahlen kannten, auf das neue Jahrtausend vorzubereiten. Der beispiellose Aufstieg der indischen Software-Industrie ist deshalb so wichtig, weil das Land, das einst Europa wirtschaftlich voraus gewesen war, endlich nach einem halben Jahrhundert Unabhängigkeit wieder als wirtschaftlicher Akteur im Weltmaßstab wahrgenommen wird.

Zur Person
Dr. rer. pol. Wolfgang-Peter Zingel, Jahrgang 1943, hat Volkswirtschaftslehre in Heidelberg studiert. Seit 1971 ist Zingel wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik am Südasien-Institut (SAI) der Universität Heidelberg. In seinen Publikationen beschäftigt er sich vor allem mit Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Südasiens, vor allem Pakistans, Indiens und Bangladeschs.

Eine solche Entwicklung war nur möglich, weil die Software-Industrie frei von der Gängelung durch Politik und Bürokratie war, die sonst die indische Wirtschaft über Jahrzehnte fesselte, von der sie auch heute noch nicht völlig frei ist. Indiens Weg zur Planwirtschaft und wieder zurück soll im Folgenden unter dem Gesichtspunkt des Wirtschaftsystems und der Wirtschaftsordnung untersucht werden.

Das koloniale Erbe

Indien wurde von einer private Handelsgesellschaft erobert, die von der britischen Krone mit allerlei Handelsprivilegien ausgestattet war. Mit der Territorialherrschaft übernahm sie auch die Steuerhoheit. In weiten Teilen des Landes machten sie die Steuereinnehmer zu Eigentümern, die ihrerseits die Grundsteuer mittels eines Systems von Zwischenpächtern auf die entrechteten Pächter überwälzten. Die Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung Großbritanniens fand vor allem in der Textilwirtschaft statt; ihrer Förderung und der Steigerung der Gewinne der Ostindischen Kompanie (East India Company) diente ein doppeltes Monopol in Indien: bei der Ausfuhr von industriellen Rohstoffen und der Einfuhr von Fertigprodukten. Indische Textilmanufakturen, bis dahin Weltmarktführer bei feinen Geweben (Musselin), wurden zu entbehrlichen Konkurrenten. Das Ergebnis war eine verbreitete De-Industrialisierung und De-Urbanisierung. Der Aufstand von 1857 zeigte die Grenzen des Geschäftsmodells der Kompanie und ihrer (britischen) auch auf eigene Rechnung arbeitenden Mitarbeiter. Die Kompanie wurde zahlungsunfähig. Im Jahr darauf übernahm die britische Krone die drei "Präsidentschaften" Madras, Bengalen (mit Sitz in Kalkutta) und Bombay.

Hatte am Anfang die Kontrolle des Indien-Handels im Vordergrund gestanden, so waren es später Steuern und Abgaben und im 19. Jahrhundert die Manufakturen, der Bergbau, die Eisenbahnen, Plantagen (Indigo, Kaffee, Tee, Kautschuk) und schließlich die aufkommende Jute- und Baumwollindustrie. Eine Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe vor Ort bot sich allenfalls dort an, wo sich erhebliche Transportkosteneinsparungen realisieren ließen wie beim Entkernen der Baumwolle und dem Pressen von Jute. Indien stellte billige Rohstoffe und Arbeitskräfte und zugleich einen Absatzmarkt. Dies reflektiert auch den Einfluss unterschiedlicher britischer Gruppen in Indien: Nach den Kaufleuten und Abenteurern waren es im 19. Jahrhundert vermehrt junge Adelige (Armee und Verwaltung). Im Gegensatz zu den britischen Kolonien in Afrika, Amerika und Australien wurde Indien keine Siedlerkolonie. Außer einigen Plantagen hatten die Briten nie große Anteile am Landbesitz; gemessen an der indischen Bevölkerung war die Zahl der in Indien lebenden Briten immer gering.

Erst langsam begannen britische – und nach und nach auch indische – Unternehmer mit dem Aufbau einer Industrie. Die kam im Ersten und mehr noch im Zweiten Weltkrieg sehr gelegen, als Indien nicht nur Hunderttausende von Soldaten stellte, sondern auch kriegswichtige Güter lieferte. Dazwischen lag die Weltwirtschaftskrise, die Indien als Lieferanten industrieller Rohstoffe ganz besonders traf.

Unabhängigkeit, Wiederaufbau und gemischte Wirtschaftsordnung

Die Führer der Unabhängigkeitsbewegung – besonders indische Unternehmer – stellten schon früh die Frage, welche Form Staat und Wirtschaft nach der Unabhängigkeit haben sollte. Sie strebten nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit an, da es nicht genügen würde, eine gewählte Regierung an der Spitze eines unabhängigen Indiens zu haben und die britischen Verwalter (und Offiziere) durch eigene Kräfte zu ersetzen, sondern die Kommandohöhen, die Commanding Heights der Wirtschaft zu besetzen und das britische Management "indischer" Firmen zu übernehmen waren.

In der letzten Phase der Unabhängigkeitsbewegung und noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden in Indien Pläne für den "Wiederaufbau" des Landes und seiner Wirtschaft entworfen. Dabei ging es nicht um kriegsbedingte Zerstörungen, sondern um eine Korrektur der Deformationen der Wirtschaft durch die lange Kolonialherrschaft. Vorbild für viele – und so auch für Jawaharlal Nehru, den Führer des Indischen Nationalkongresses – war die Sowjetunion.

Zwischen der Unterdrückung Russlands unter den Zaren und der Unterdrückung Indiens unter den Kolonialherren wurden Parallelen gesehen. Das sowjetische Modell erschien nach dem Zweiten Weltkrieg umso attraktiver, als die Sowjetunion in den Kreis der Supermächte aufrückte. Als überzeugter Demokrat wollte Nehru keine sozialistische Ordnung nach sowjetischem Vorbild, aber er sah den Nutzen einer Bündelung der nationalen Ressourcen und einer zentralen Steuerung. Dass Russland bereits vor den Sowjets über eine industrielle Basis (wie auch China bereits vor dem Krieg) verfügt hatte, wurde dabei übersehen.

Die Neue Ökonomische Politik (NEP) der Sowjets ließ eine bäuerliche Landwirtschaft, einen freien Binnenhandel und private/ausländische Investitionen zu und erlaubte eine Erholung der Wirtschaft von den Wirren der Jahre des Kriegskommunismus. Das verheerende Ausmaß der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft wurde in den Jahren der Weltwirtschaftskrise international kaum wahrgenommen, ebenso nicht die beträchtliche Wirtschafts- und Militärhilfe durch die USA während des Krieges. Nur so ist es zu erklären, dass die entwicklungspolitische Diskussion der ersten drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit Indiens von der Vorstellung überflüssiger und unproduktiver Arbeitskräfte (labour surplus) durchdrungen war, die es durch eine geschickte Steuerung staatlicher Wirtschaftspolitik in produktivere Bereiche, und das waren nach damaligem Verständnis die Industrie, zu lenken galt.

Größere weitere Kosten wurden nicht erwartet, da der Unterhalt (Subsistenz) dieser Arbeitskräfte bereits von der Gesellschaft getragen wurde. Lehrbücher in Indien feiern noch immer die "Planung" eines Staates, der nicht nur ordnend, sondern auch produzierend das Wirtschaftsgeschehen bestimmte. Dass dies nicht immer gelang fand seinen Ausdruck in Formulierungen wie Indiens als einer "funktionierenden Anarchie" (John Kenneth Galbraith) und der Warnung vor einem "weichen Staat" (Gunnar Myrdal), der sich so viele Aufgaben auflädt, dass er diese unmöglich bewältigen kann.

In den Jahren nach der Unabhängigkeit war die Regierung durch Krisenmanagement gefordert: Die Teilung des Landes durch die Abspaltung Pakistans, die Integration der Hunderte von Fürstenstaaten und der Verfall der Rohstoffpreise nach Ende des Korea-Krieges (1950-53) mussten bewältigt werden. Der erste Fünfjahresplan (1950-55) war gleichermaßen Bestandaufnahme, Liste von – meist schon zur Kolonialzeit entworfenen oder begonnenen – Projekten und Absichtserklärungen der Politik. Diese so genannte indikative Planung strebte nie die Verbindlichkeit der Fünfjahrespläne der Sowjetunion an. Die Industrialisierung wurde als Schlüssel für Modernisierung und Entwicklung gesehen. So fanden massive staatliche Investitionen in die Grundstoff- und Schwerindustrie und in die wirtschaftliche Infrastruktur statt; in den 50er Jahren wurden allein drei Stahlwerke erbaut, darunter – mit deutscher Hilfe – das Werk in Rourkela (Orissa).

Nehrus Vorstellungen von einer Aufgabenteilung unter den Akteuren der Wirtschaftpolitik lassen sich aus der Verfassung (1950) und den ersten Wirtschaftsgesetzen ablesen. So wurden weite Bereiche der Schwerindustrie dem Staat und einfache, arbeitsintensive Produktionen der Heimindustrie (home/cottage industry) vorbehalten. Aus der Zwangswirtschaft des Krieges wurde die öffentliche Verteilung (public distribution system, PDS) von Artikeln des Grundbedarfs (Nahrungsmittel, Kerosin) zu subventionierten Preisen und ein System von öffentlichen Verkaufsstellen übernommen.

Im Ausland hegte man andere Hoffnungen: Der "Kalte Krieg" entwickelte sich schnell zu einem "Kampf der Systeme", in dem Indien, die "größte Demokratie der Welt", für individuelle Freiheit, Dezentralisierung und Wettbewerb und die Volksrepublik China für Unterdrückung, Zentralisierung und Zentralverwaltungswirtschaft standen. Der Versuch der Westmächte, Indien in ihr System regionaler Militär- und Wirtschaftsallianzen einzubeziehen, misslang jedoch.

Von allen Staaten der damals entstehenden "Dritten Welt" (gegenüber der "Ersten Welt" der westlichen Industrieländer und der "Zweiten Welt" des Ostblocks), ist Indien wohl derjenige, dem es am besten gelang, sich einer Vereinnahmung ohne größeren Schaden zu entziehen. Die anfangs gefeierte chinesisch-indische Freundschaft zerbrach schon bald an der Frage der Vorherrschaft in Asien, der Führung der "Blockfreien Staaten" und – spezieller – dem Schicksal der Himalaja-Staaten, insbesondere Tibets und Sikkims. Die USA bemühten sich derweilen mit großzügiger Wirtschaftshilfe um Indien, ließen sich aber nicht in die Kriege mit Pakistan und China hineinziehen.


24. Januar 2007

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