kulturelle Bildung
1 | 2 Pfeil rechts

Kulturelle Bildung und Tanz


18.7.2011
Tanz als Teil kultureller Bildung erlebt derzeit einen Boom. Die Körperlichkeit der Erfahrungen macht das Besondere von Tanz aus, das Bildungserlebnis ist hautnah und unmittelbar. Tanz liefert vielfältige Gelegenheiten für die Entgrenzung bestehender Ordnungen, die Erprobung neuer, individueller Möglichkeitsräume und die Entdeckung verborgener Themen.

Der Tanz ist ein Gemeinschaftserlebnis und fördert zugleich das Bewusstsein für die eigene Körperlichkeit.Der Tanz ist ein Gemeinschaftserlebnis und fördert zugleich das Bewusstsein für die eigene Körperlichkeit. (© Quelle: tanz in schulen nrw, Foto: Iris Pohl)

Zur Entwicklung von Tanz als Teilbereich kultureller Bildung



"You can change your life in a dance class!" mit diesem vielversprechenden Credo des Choreografen Royston Maldoom [1] aus dem Film "Rhythm is it!" (2004) ist eine Kunstsparte in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt, die bislang einen schweren Stand neben den "Großen" Musik, Kunst und Theater hatte.

Während der Tanz als ein vom klassischen Ballett sich abgelöster, individueller Ausdruckstanz noch zu reformpädagogischen Zeiten der 1920er-Jahre eine hohe Wertschätzung genoss, verkümmerte er mit der Beherrschungsideologie der NS-Herrschaft und den Folgen des zweiten Weltkriegs. Erst Mitte der 1970er-Jahre erfährt er in Deutschland eine Wiederbelebung als freier und kreativer Tanz in der Jugendkulturarbeit und als Tanztheater auf den großen Bühnen. Seit den 1980er-Jahren ist Tanz in der Schule curricular verankert, als Bewegungsfeld neben Gymnastik und Bewegungskünsten im Schulsport sowie als integraler Bestandteil in den Fächern Musik, Darstellendes Spiel bzw. Theater. In der Schule wie in den verschiedenen jugendkulturellen Bildungseinrichtungen hat es demnach immer schon Tanzangebote gegeben, aber realiter hat Tanz nur ganz vereinzelt stattgefunden.

Mit dem ersten "Education"- Projekt der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle hat sich diese Situation kolossal verändert. Etwa 250 Jugendliche aus Berliner Brennpunktschulen zeigen 2004 in einer publikumswirksamen Inszenierung Stravinskys "Le Sacre du Printemps" und treffen damit den Zeitgeist. Die filmische Dokumentation dieses Großprojekts führt zu einem nie da gewesenen Kinoerfolg, der wie ein Startzeichen für die längst fällig gewordene Anerkennung und Breitenwirkung der Sparte Tanz als Bildungselement seine Wirkung hinterlässt.

Dem Berliner Großprojekt nacheifernd entsteht in der Folge eine Vielzahl an Tanzprojekten, die sich durch neue und fruchtbare Kooperationen zwischen Tänzern, Choreografen und Schulen auszeichnen. Zeitgleich verstärkt sich im Zuge des Ausbaus der Schulen zu Ganztagsschulen die Nachfrage nach externen Anbietern, die zunächst am Nachmittag in Form von Arbeitsgemeinschaften (AGs) oder zeitlich begrenzten Einzel-Projekten tätig werden können. Schließlich erhält der Tanz einen weiteren wichtigen Anschub durch den von der Kulturstiftung des Bundes geförderten und initiierten Tanzplan Deutschland, der als "Katalysator für die deutsche Tanz-Szene" [2] von 2005-2010 seine Wirkkraft entfalten kann. Bei allen Initiativen wird dem Tanz, vor allem in seiner zeitgenössischen Ausprägung, eine unverwechselbare kulturelle Bildungsbedeutung zugeschrieben.

Mittlerweile ist die Anzahl an Tanzprojekten in schulischen wie außerschulischen Einrichtungen unübersehbar. Besonders auffällig sind die Bereitschaft und das große Engagement zur Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Anbietern. Neben zeitlich befristeten Projekten in Form von halbjährlichen AGs oder einmaligen Angeboten gibt es Tanzklassen, die im Fächerkanon der Schulen einen festen Platz erhalten haben. Häuser wie die bayerische Staatsoper München ("Anna tanzt"), das Theater Bielefeld ("Zeitsprung") oder das Radialsystem mit Sascha Waltz in Berlin (Kindertanzcompany von TanzZeit - Zeit für Tanz in Schulen) wachsen mit Schulkassen zu fruchtbaren Gemeinschaften zusammen. Auf Bundes- wie Länderebene (Kulturstiftung des Bundes, Kulturstiftung der Länder, das Tanzhaus in NRW oder Tanzlabor_21 in Frankfurt) setzen sich die verschiedensten Kultureinrichtungen für Tanz als Kunstform für und von Kindern und Heranwachsenden verstärkt ein.

Wer sind die Akteure?



Tänzer, Tanzpädagogen und Choreografen sind die Hauptakteurinnen und -akteure dieser Initiativen. Sie werden unterstützt und vermittelt von bestehenden Einrichtungen der Länder sowie bundesweiten Initiativen wie z.B. dem Bundesverband Tanz in Schulen. Die Vermittlung von Tanz setzt für die Tanzpädagogen eine besondere Ausbildung voraus, deren curriculare und institutionelle Verankerung noch in den Kinderschuhen steckt. Noch kann sich jeder in der Tanzvermittlung Tätige als Tanzpädagoge bezeichnen, unabhängig davon, ob er eine staatlich anerkannte tanzmethodische oder tanzpädagogische Qualifizierung erworben hat oder nicht. So sind es ehemalige Tänzer, die sich ein Standbein in der Vermittlungsarbeit sichern wollen oder Tanzpädagogen, die an privaten oder staatlichen Schulen, Fachschulen und Hochschulen ihre Ausbildung genossen haben und je nach Ausrichtung unterschiedlichste Expertisen mitbringen. Angesichts der institutionellen Bedingungen von Schule und der unterschiedlichen Erwartungen an außerschulische Anbieter sind die individuellen Überforderungen oft sehr massiv. So wird der Tänzer als Ersatz für mangelnde Fachlehrer eingesetzt oder für den fehlenden Sozialpädagogen. Nicht selten werden von den Externen Impulse für die dringend notwendig werdenden Schulentwicklungsprozesse erwartet. Tanzaufführungen sind hier willkommene Werbemaßnahmen.

Mit umso mehr Nachdruck wurde in den vergangenen fünf Jahren an der Qualitätsentwicklung und -sicherung von Tanz in Schulen gearbeitet [3]. Neben der Einrichtung von Tanz-in-Schulen-Modulen an zwei deutschen Hochschulen [4] bieten einige Organisationen Fortbildungen sowie unterschiedlichste Formate zur fachlichen Begleitung [5], zum Coaching oder zur Supervision an [6].

Warum Tanz?



Wie für Musik, Kunst, Theater oder Spiel gilt auch für den Tanz die pädagogische Grundidee der Bildung des Menschen zu, durch und in den Künsten, die ästhetische Bildung der bzw. durch die Sinne (vgl. Liebau & Zirfas, 2008). Die Nähe der Kunstsparten ist auf ihre strukturellen Ähnlichkeiten zurückzuführen. So bestehen Analogien zwischen Musik und Tanz z. B. hinsichtlich Zeit, Dynamik und Spannungsaufbau, zwischen bildender Kunst und Tanz im Hinblick auf die Form- und Raumgestaltung und zwischen Theater, Spiel und Tanz in ihrem darstellenden und zeigenden Charakter.

Als leibliches Phänomen bildet Tanz jedoch einen besonderen Anknüpfungspunkt kultureller Bildung. Tanz ist immer an Körperlichkeit gebunden und damit hautnah und unmittelbar. Sämtliche lebensweltlichen Erfahrungen sind Erfahrungen des Körpers und Erfahrungen mit dem Körper und lagern sich im Körperlichen ab. Gleichzeitig ist der Körper der Ort, an dem vergangene Erfahrungen virulent und sichtbar (gemacht) werden können. Dabei verlaufen die Prozesse der Erfahrungsbildung selten bewusst; erst die gerichtete Aufmerksamkeit auf Empfindungen und Wahrnehmungen seines Körpers in Raum und Zeit kann Un- oder Vorbewusstes, Alltägliches und Gewohntes wie auch Noch-nicht-Gewusstes an die Oberfläche bringen. In seiner zeitgenössischen Ausrichtung an räumlichen, zeitlichen und dynamischen Strukturen (und weniger an festgelegten Bewegungsformen) enthält der Tanz dieses Potenzial unmittelbarer, körpernaher Aufmerksamkeit.

Die körperliche Gebundenheit verweist auf den individuellen und subjektiven Charakter von Tanz. Im Unterschied zu anderen körperbetonten Tätigkeiten, wie z. B. dem Sport, enthält der Tanz einen ausgesprochen großen Freiraum für subjektive Auslegungen und individuelle Ausgestaltungen. [7] Im individuellen Umgang mit seinem Körper ermöglicht Tanz das zu finden, was dem Einzelnen oder auch der Gruppe entspricht, was subjektiv stimmig ist. Lebensweltliche Empfindungen und Erfahrungen können so auf die je eigene Weise verarbeitet und zum Ausdruck gebracht werden. Die möglichen Perspektiven, die das Sich-körperlich-Erleben und Bewegen dabei für die Person eröffnet, sind vielfältig; sie zu erfahren und mit eigenem Sinn zu belegen scheint angesichts der überbordenden Fülle an sinnversprechenden Angeboten eine immer notwendiger werdende Herausforderung für Jugendliche zu sein. Tanz enthält in diesem Sinne als geformter Selbstausdruck und selbstbestimmte Form immer auch eine politische Dimension, indem in und mit der gestalteten Bewegung der Mensch Stellung bezieht zu der ihm umgebenden Welt.


Fußnoten

1.
Prominenter Vertreter des englischen community dance, einer Bewegung, die alle Menschen ansprechen und insbesondere solchen einen Zugang zur Kunstform Tanz ermöglichen will, die aufgrund ihrer sozialen, körperlichen oder kulturellen Voraussetzungen eher zu den gesellschaftlichen Randgruppen gezählt werden.
2.
Tanzplan Deutschland war eine mit 12,5 Millionen Euro ausgestattete Initiative der Kulturstiftung des Bundes zur Förderung der deutschen Tanzszene für den Zeitraum von 5 Jahren (2005-2010). Zu den Schwerpunkten des Programms gehörten neben der Künstler- und Nachwuchsförderung, der Tanzausbildung, der kulturellen Bildung und dem Kulturerbe Tanz die Entwicklung innovativer Ideen und Wege zur kulturpolitischen Behauptung von Tanz als selbstverständliches Kulturgut unserer Gesellschaft. Weitere Informationen unter »www.tanzplan-deutschland.de«
3.
So gehören die Entwicklung und Sicherung von Qualität zu den zentralen Aufgaben des Bundesverband Tanz in Schulen (»www.bv-tanzinschulen.de«).
4.
Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Tanz und Bewegungskultur sowie Hochschule für Musik und Tanz Köln sowie Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft, Fachbereich Bewegungswissenschaft.
5.
»http://www.bv-tanzinschulen.de/fachliche-begleitung.html«
6.
»http://www.tanzzeit-schule.de/ueber-tanzzeit/qualitaetssicherung.html«
7.
Dieser Freiraum, in dem Individualität und Körperlichkeit nicht nur erlebt, sondern immer auch dargestellt wird, mag eine Erklärung für die Hemmschwellen und Peinlichkeitsgefühle sein, die – zumindest in unserem Kulturkreis – beim Tanzen entstehen können.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0/de/

 

Publikationen zum Thema

Coverbild fluter Stadt

Stadt

Städte sind Orte gelebter sozialer Komplexität. Hier finden sich Raum gewordene Geschichte und Zuk...

Coverbild Dreimal anziehen, weg damit

Dreimal anziehen, weg damit

Kleidung muss nicht nur (zu uns) passen. Sie ist für viele Menschen Werbeträger in eigener Sache, ...

Pocket Kultur

Kultur

Kultur ist vielfältig! Nicht nur Film, Malerei, Literatur und Musik sind wichtige Bestandteile in u...

Coverbild APuZ 1-3/2015 Mode

Mode

Konformität und Distinktion – diese beiden zentralen Funktionen schrieb der Soziologe Georg Simme...

Coverbild Frühkindliche Bildung

Frühkindliche Bildung

Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie einen wichtigen Teil ihrer Bildungskarriere bereits hinter...

Coverbild Projekte in der politischen Bildung

Projekte in der politischen Bildung

Der Sammelband versucht die getrennten Diskurse der schulischen und der außerschulischen politische...

Coverbild Musik und Politik

Musik und Politik

Der Umgang mit Musik im Rahmen politischer Bildung ist Gegenstand des vorliegenden Bandes. Er bietet...

WeiterZurück

Zum Shop

Kamerafrau Anna Maria Hora bei den Dreharbeiten zu "Nachtwandler" von Markus Adrian, Copyright: Jaroslaw GodlewskiKultur

Film und Politik

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden. Weiter... 

„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten. Weiter...