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1968
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Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblätter |
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M4: "68" in der DDR – das andere "68"
Eine 68er Bewegung, wie in Frankreich und Westdeutschland, hat es in der DDR nicht gegeben. Die Probleme der Jugend hier
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Jugendliche vertreiben sich ihre freie Zeit in Wittenberge. Foto: Norbert Vogel.
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waren nicht unsere Probleme. Die sexuelle Aufklärung fand am
FKK statt. Homosexuelle Erwachsene waren schon lange nicht mehr kriminalisiert. Die Vietnam- Demonstrationen waren staatliche Massenkundgebungen. Alt-Nazis hatten keine führende Position. Wen hätte Beate Klarsfeld ohrfeigen sollen? Die DDR war entsprechend ihrer Klassentheorie kein Nachfolgestaat des 3. Reiches, so hatten wir auch kein Schuldgefühl. - Aber das Nachfragen gegenüber der älteren Generation "trau keinem über dreißig", das Aufmüpfige in der Gedächtniskirche, gefielen uns. Und wir waren stolz, dass Rudi Dutschke aus der DDR kam, einer von uns war.
Und doch haben uns die 60er Jahre und besonders 68 entscheidend, aber eben ganz anders geprägt.
Ich bin Jahrgang 48, wachse in Merseburg zwischen den Chemiegiganten Leuna und Buna mit Kindern aus dem Arbeitermilieu und der "Schicht der Intelligenz" auf, bin als Pfarrerssohn im Klassenbuch nicht zuzuordnen und werde deshalb unter "Sonstige" geführt. Wir spüren 1963 Toleranz und Verständnis. Die Jugend nicht gängeln, versprach Ulbricht im Jugendkommunique und tatsächlich können wir uns im Beatschuppen "Strandkorb" so ausgelassen und verrückt geben, wie die Jugendlichen drüben. Wir begeistern uns für Kennedy und Martin Luther King, für Menschen mit Visionen und sind erschüttert, als sie ermordet werden.
Ende 1965 aber wird dieser Prozess abrupt beendet. Westjeans und Blauhemd vertragen sich nicht mehr. Kritische DEFA-Filme (Deutsche-Film AG, volkseigenes
Filmstudio der DDR) verschwinden vom Spielplan. Die Beatgruppen werden verboten, auch unsere Kultband, die "Butlers". Und plötzlich sind wir "Gammler". Tausende Jugendliche gehen dagegen auf die Straße, so in Leipzig. Mit knüppelnder Polizei, Wasserwerfern hat keiner gerechnet, auch nicht mit den Konsequenzen. Schüler werden von der Oberschule verwiesen, im Betrieb die Eltern wegen ihres Versagens an den Pranger gestellt und müssen öffentliche Selbstkritik üben, diese schlimmste Erniedrigung ertragen, um weitere staatliche Maßnahmen zu verhindern. Duckmäusertum wird gefordert, getarnt als "fester Klassenstandpunkt".
Die Musik wird zum Propagandainstrument. Statt Beatgruppen jetzt die FDJ- gesteuerte Singebewegung. Wir versuchen, uns zu entziehen, finden Freiräume. Diskutieren, feiern mit "unserer" Musik und organisieren die Sommerferien auf Hiddensee außerhalb staatlicher Aufsicht.
Einzelne, auch ich, ändern allmählich ihr Äußeres. Meine Haare werden länger. Zu den Jeans trage ich halbhohe Wandertreter, eine Kutte mit "make love not war"-Button und "eines Studenten an einer sozialistischen Uni unwürdig", eine John-Lennon-Brille.
So kommt das Jahr '68. Bei uns die Abstimmung zur DDR-Verfassung und im Vorfeld Klartext: "wer mit ja stimmt, kann das offen zeigen, wer in die Kabine geht, braucht nicht mehr an der Uni zu erscheinen." In der CSSR (Tschechoslowakische Sozialistische Republik) endlich Visionen vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so bildhaft und begeisternd formuliert mit "Prager Frühling" und durch den schüchtern wirkenden Sympathieträger Dubçek verkörpert. Wir suchen Infos bei der Prager Botschaft in Berlin und täglich aus den Westmedien. Wir träumen die Prager Träume und hoffen so inständig, dass es gelingen möge. Schließlich stehen dort nicht 400.000 Russen, wie bei uns. Erstmals bete ich für eine Obrigkeit.
"Die Russen sind einmarschiert", mit diesem Satz werde ich geweckt. Ich heule vor Wut, bin wie gelähmt und hören von
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Demonstration am 04.11.1989 am Palast der Republik in Ost-Berlin, DDR. Foto: Gerhard Gäbler, Leipzig
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vereinzelten Protesten. Sehe mal ein Flugblatt auch Parolen an Wänden, Mauern, und ein rotes Hakenkreuz quer über die Straße gemalt. Kinder von SED-Bonzen hätten in Berlin demonstriert, das sickert durch und erfüllt uns mit Schadenfreude. Viele Gemeinden sprechen ihre Pfarrer an. Selbst Nichtchristen erwarten jetzt ein Wort der Kirchen. Doch die vorgesehene Abkündigung erfolgt nicht. Der Staat ist informiert, droht, und die ev. Kirchenleitung knickt ein.
'68 hat in uns ein Grundmisstrauen gegenüber den Mächtigen erzeugt, dass sich immer tiefer frisst. Zu Schul-/Semesterbeginn wird die "Hilfe der Bruderländer" gerühmt. Eisiges Schweigen, denn jetzt
können wir uns die Folgen drastisch ausmalen. Verhaftungen soll es in Betrieben bereits gegeben haben. Totenstille, nur die heimliche Bewunderung für den Widerstand der Tschechen/Slowaken bleibt. Erst Monate später finden wir unsere Sprache wieder, und argumentieren massiv gegen die propagierte Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben. Wir erwarten nichts mehr von der DDR. Unsere Blicke gehen nach draußen. Hoffnung knüpft sich an Willy Brandt, KSZE und mit Gorbatschow bekommt die Losung "von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" reale Bedeutung. 1989 rufen die Menschen in Berlin "Gorbi, hilf uns".
Konrad Trinius, ausgereist aus der DDR 1984
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Arbeitsblatt als PDF-Version (2.370 KB)
10. Juni 2008 |
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Themenblätter im Unterricht |
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Nr. 48 - Politische Streitkultur
Politischer Streit wird in Deutschland von vielen Menschen kritisch betrachtet. Warum ist die politische Auseinandersetzung trotz aller Harmoniebedürftigkeit so wichtig für die demokratische Kultur eines Landes? |
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