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Dossier Indien

Kaste und Kastensystem in Indien


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Eine Einführung
Uwe Skoda
Die Statue von Ambedkar
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Am staatlichen Feiertag Ambedkar Jayanti (14. April) verehren Dalits ihr Idol, den verstorbenen Rechtsanwalt Dr. B.R. Ambedkar. Auf einer Leiter stehend legt eine Frau Blumenkränze um eine Ambedkar-Statue in Pune (Maharashtra)
Foto: Rainer Hörig

2006, Keredapada – ein Dorf im ostindischen Bundesstaat Orissa gelangt in die Schlagzeilen als Dalit ("Unberührbare") Zutritt zum Tempel des Hindu-Gottes Jagannath, des Herren der Welt, verlangen. Bis dahin war ihnen nur der Blick durch Löcher in der Wand gestattet. Doch um ihr verfassungsmäßiges Recht durchzusetzen, müssen sie den Obersten Gerichtshof Orissas anrufen. Unter Polizeischutz und gegen den Widerstand der Oberkasten gelangen sie schließlich in den Tempel, doch die Priester weigern sich, Rituale durchzuführen. Nach zähen Verhandlungen wird beschlossen, dass fortan nur Priester das Tempelinnere betreten dürfen. Alle anderen Kasten müssen von außen auf die Gottheit schauen. Ein Teilerfolg für die Dalit, aber auch nicht mehr. Das Beispiel zeigt, wie umstritten Kastengrenzen auch im heutigen Indien sind, wie wenig Gesetzgebung mit gelebter Realität – vor allem auf dem Land – übereinstimmt und wie emotional besetzt das Thema Kaste ist.

Der Begriff Kaste – jati und varna

Der Begriff Kaste stammt vom portugiesischen Wort "casto", das soviel wie "rein" oder "keusch" bedeutet. Die Portugiesen als frühe Kolonialherren in Indien versuchten damit ein Phänomen der Abgrenzung und hierarchische Anordnung gesellschaftlicher Gruppen vor allem in Bezug zur Heirat zu benennen, das sie aus ihrer eigenen Kultur nicht kannten. Kaste ist somit kein indischer Begriff, sondern eine Fremdzuschreibung, die auf zwei unterschiedliche, aber ähnliche indische Kategorien angewandt wird - jati und varna.

Zur Person
Uwe Skoda studierte Ethnologie, Politologie und Geschichte in Berlin und London, bevor er zu einer Bauernkaste promovierte, die in so genannte Stammesgebiete in Orissa (Indien) einwanderte. Die Ergebnisse dieser Arbeit erschienen 2005 unter dem Titel "The Aghria - A Peasant Caste on a Tribal Frontier" (Manohar, Delhi). Gegenwärtig ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg "Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs" der Universität Rostock und arbeitet zur Transformation des Königtums sowie fotografischen Traditionen in Indien.

Jati lässt sich mit "Gattung" oder "Wurzel" übersetzen - ein Begriff, der in Indien nicht nur zur Einteilung von Menschen in verschiedene Gruppen, sondern auch zu anderen Klassifikationen verwendet werden kann. Bezogen auf das soziale System bezeichnet jati die für die alltäglichen Interaktionen relevanten Gruppen, die heute in Indien anzutreffen sind. In der Volkszählung von 1881, als die britischen Kolonialherren begannen, Indien systematisch zu erfassen, zählte man fast 2000 dieser Kasten (jati).

Demgegenüber bezeichnet die Kategorie varna (sinngemäß "Farbe") die vier mythologisch begründeten Kasten, denen unterschiedliche Farben zugeordnet sind. Aus dem Ur-Menschen Purusha seien demnach vier varna entsprungen: aus dem Mund die Brahmanen (Priester), aus der Schulter die Kshatriya (Krieger), aus einem Schenkel die Vaishya (Händler) und aus der Fußsohle die Shudra (Bediensteten). Wie die Art der Körperteile bereits andeutet, sind die vier varna hierarchisch geordnet. Die Brahmanen stehen an der Spitze über den Kshatriya, die wiederum höher als die Vaishya angeordnet sind. Die Shudra bilden die unterste Kategorie innerhalb dieses Schemas, aus dem die als noch niedriger angesehen "Kastenlosen" oder "Unberührbaren" gänzlich herausfallen.

Jati und varna sind in der sozialen Praxis lose verbunden, da sich die Mitglieder jeder jati zumeist einer der vier varna zuordnen. Die Ansprüche einer bestimmten jati, beispielsweise Krieger zu sein, sind dabei allerdings oft umstritten. Ansprüche auf einen bestimmten Status als varna und deren Anerkennung ändern sich durch Prozesse sozialer Mobilität. Während Kaste als jati oft lokal oder regional begrenzt ist und man in verschiedenen Teilen Indiens hinsichtlich ihrer Namen, Mythen, Anzahl etc. unterschiedliche Kasten findet, können die vier varna als all-indische Kategorien herangezogen werden, um eine gewisse Vergleichbarkeit des Status einzelner Kasten zu ermöglichen.

Ideen zur Entstehung von Kasten

Neben dem erwähnten Mythos zur Entstehung der varna findet sich eine Reihe weiterer Theorien über die Entstehung des Kastensystems, die allerdings weitgehend spekulativ sind.

In historischen Schriften wie den dharmashastra (Rechtsbüchern mit Verhaltensvorschriften für die vier varna) wird argumentiert, dass jati durch die Vermischung der einzelnen varna bzw. durch die Heirat von Personen unterschiedlicher varna entstanden seien. Die in den dharmashastra vertretene Norm besagt, dass Brahmanen nur Brahmanen heiraten sollten, Kshatriya nur Kshatriya etc. Das heißt, eine Heirat sollte innerhalb der varna arrangiert werden. Durch Mischehen – etwa zwischen einem Brahmanen und einer Kshatriya – entstünden neue Kategorien bzw. aus den vier varna Hunderte von jati. Besonders abgelehnt werden Heiratsverbindungen statushoher Frauen mit statusniederen Männern, wodurch im Extremfall der Heirat einer Brahmanin und eines Shudra-Mannes die Kategorie der Chandala entstünde, die mit den heutigen "Kastenlosen" identifiziert wird.

In anderen Theorien rückt der König ins Zentrum des Kastensystems, der Personen im Opferritual unterschiedliche Rollen zugewiesen haben soll. Diese Funktionen – etwa Priester oder Barbier – wurden vererbt, wodurch Kasten entstanden.

Historische Erklärungen des Phänomens Kaste verweisen zumeist auf Einwanderungswellen nach Indien, wobei etwa die aus Richtung Kaukasus kommenden "Arier" die ansässige Bevölkerung – oft mit der südindischen/dravidischen Bevölkerung identifiziert – unterworfen hätten. Den Einheimischen sei von den "Ariern" der Rang von Bediensteten oder Kastenlosen zugewiesen worden. Die Einwanderer, so die These, wollten damit eine "Vermischung" mit der unterworfenen Bevölkerung vermeiden.


25. Februar 2007

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