Rivalität gemäßigter und radikaler Strömungen
Die ideologische Einordnung der Linken ist umstritten. Manche wissenschaftlichen und journalistischen Beobachter halten die Partei nach wie vor für
Symptomatisch für den Ideologiestreit ist die rasche Abfolge der seit 1990 verabschiedeten Programme. Waren die in der Wendezeit aufgestellten Grundsätze noch vom Zutrauen in die gerade eingeführte Marktwirtschaft bestimmt, lebte die antikapitalistische Herrschaftskritik schon im Berliner Programm von 1993 wieder auf. Der Aufstieg der PDS zur Volkspartei, der sie in den ostdeutschen Ländern zur mitgestaltenden Kraft machte, gab den Reformern in der Folgezeit Rückenwind. Höhepunkt dieser Entwicklung war das 2003 verabschiedete Chemnitzer Programm, das sich zur Freiheit als „Bezugspunkt sozialistischer Politik“ bekannte und die weitreichenden Forderungen der Partei in der Eigentumsfrage entschärfte. Landesverbände wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern gingen in der Abschwächung der Kapitalismuskritik sogar noch weiter (Jesse / Lang 2012: 279 ff.).
Das aktuelle Grundsatzprogramm, das nach langem Ringen 2011 auf dem Erfurter Parteitag beschlossen wurde, spiegelt die seit der Fusion mit der West-Linken eingetretene Radikalisierung. In marxistischer Diktion wird die kapitalistische Ordnung als „Ausbeutungssystem“ angeprangert und für die „Krisen der Zivilisation“ verantwortlich gemacht. Es vertritt außerdem die Auffassung, wirkliche Demokratie sei nur unter sozialistischen Vorzeichen möglich. Voraussetzung dafür sei die Überwindung der bestehenden Eigentumsverhältnisse und staatliche Steuerung der Wirtschaft. Daseinsvorsorge, gesellschaftliche Infrastruktur, Finanzinstitutionen und Energiewirtschaft gehörten in öffentliche Hand und müssten demokratisch kontrolliert werden (Neu 2025: 353). Bis Ende 2027 möchte die Partei ein neues Grundsatzprogramm verabschieden, das Antworten auf die neuen Herausforderungen der nationalen und internationalen Politik geben soll (veränderte Blockkonfrontation, sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft etc.).
Sozial-, Steuer- und Umweltpolitik
Stehen die antikapitalistischen Positionen in der Kontinuität der früheren PDS, so tragen die Forderungen der Linken in der Sozial- und Steuerpolitik zugleich die Handschrift der gewerkschaftsnahen Vertreter aus den westdeutschen Landesverbänden. Im Bundestagswahlprogramm 2025 umfassten sie u.a. die Senkung von Lebensmittel-, Energie- und Wohnungskosten durch Steuersenkungen und eine strengere Marktregulierung, die Einführung einer Vermögen- bzw. „Milliardärsteuer“ und das Stopfen von Schlupflöchern bei der Erbschaftsteuer, ein solidarischeres System der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, in dem das Versorgungsniveau steigt und in das alle einzahlen, ein höheres Bürgergeld, ein besserer Armutsschutz von Familien, Alleinerziehenden und Kindern sowie eine Reduktion der Wochenarbeitszeit.
Neben der sozialen nimmt die ökologische Frage in der Programmatik breiten Raum ein. Die Positionen der Linken sind hier mittlerweile entschiedener als jene der Grünen, weil sie auf direkte staatliche Eingriffe setzen und mit dem Ziel einer umfassenden gesellschaftlichen Demokratisierung eng verknüpft sind. Der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen wird damit zu einem weiteren Feld ihrer Kapitalismuskritik. Einigkeit gibt es innerhalb der Partei, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeitsziele nicht gegeneinandergestellt werden dürfen. Verbleibende Akzentunterschiede sind eher semantischer Art und reduzieren sich darauf, ob man ähnlich wie die Grünen von einem „New Green Deal“ oder lieber von „Öko-Sozialismus“ sprechen soll.
Migrations-, Außen- und Sicherheitspolitik
In der Flüchtlingspolitik vertritt die Linke einen noch liberaleren Öffnungskurs als die Grünen. Dadurch tat sich vor allem in Ostdeutschland eine politische und kulturelle Distanz zu den eigenen Wählern auf, von denen seit 2014 viele zur AfD überliefen. Teile der Partei um Wagenknecht und Lafontaine stellten die migrationsfreundliche Linie der Partei deshalb offen in Frage. Weil ihre Forderung nach einer restriktiveren Zuwanderungspolitik nicht nur auf verteilungspolitische, sondern auch auf kulturelle Argumente zurückgriff, warfen ihnen die Vertreter der Mehrheitslinie eine Nähe zu rechtspopulistischen Positionen vor.
Waren die innerparteilichen Auseinandersetzungen um die Migration und die geringe Unterscheidbarkeit ihrer sozial- und klimapolitischen Positionen von jenen der Grünen und der SPD der Hauptgrund für ihr schwaches Ergebnis bei der Bundestagswahl 2021 (Olsen / Hansen 2022), konnte die Linke in der Folgezeit in allen drei Bereichen Profil zurückgewinnen. Neben dem sich abzeichnenden Scheitern der Ampelregierung wirkte sich hier vor allem die Abspaltung des Wagenknechts-Flügels positiv aus.
In der Außen- und Sicherheitspolitik verlor sie dagegen in der Konkurrenz mit der AfD und dem neu gegründeten BSW einen Teil ihrer Alleinstellungsmerkmale. Die Linke war als „internationalistische Friedenspartei“ bis dahin konsequent für das Prinzip der Gewaltfreiheit eingetreten und hatte Militäreinsätze der Bundeswehr, selbst unter UN-Mandat, abgelehnt und den Austritt der Bundesrepublik aus dem militärischen Teil der
Ähnlich schwer tut sich die Linke von jeher mit ihrem Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus. Nach dem
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
Wo die Linke für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eintritt, dominieren in der Regel wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte. Auf eine vorbehaltlose Anerkennung der Werteordnung des Grundgesetzes und der Institutionen des freiheitlich-demokratischen Staates konnte sie sich lange Zeit nicht verstehen. Ihrem oppositionellen Selbstverständnis folgend, macht sich die Linke im Rahmen des politischen Systems für eine Stärkung der Parlamentsrechte sowie die Einführung bzw. Ausweitung direktdemokratischer Verfahren stark. Darüber hinaus tritt sie für eine bessere demokratische Kontrolle des Justizwesens, der Sicherheitsdienste sowie der klassischen und digitalen Medien ein, um Machtanballungen in Staat und Gesellschaft zu verhindern.
Die Kritik der Linken am bestehenden demokratischen Verfassungsstaat findet in ihren vergangenheitspolitischen Positionen Niederschlag (Jesse / Lang 2012: 285 ff.). Hier grenzt sie sich zwar einerseits deutlich von der