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Krieg, Flucht und Vertreibung

Der Weg in den Krieg

Tschechische Soldaten
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Tschechische Soldaten bringen am 16. September während der "Sudetenkrise" im Südwesten von Prag Geschütze in Stellung. Foto: AP
Die westlichen Nationen deuteten die aggressive Außenpolitik Hitlers lange nur als Auflehnung gegen den Versailler Vertrag. Man baute auf "appeasement". So konnten die Nationalsozialisten die Jahre bis 1938 nutzen und den nächsten Krieg vorbereiten.


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Auszug aus:
Nationalsozialismus II, Informationen zur politischen Bildung (Heft 266)
Thamer, Hans-Ulrich
Inhalt
Einleitung
Programmatische Ziele
Erste Schritte
Putsch in Österreich
Ausbruch aus der Isolierung
Rheinland-Besetzung
Spanischer Bürgerkrieg
Pakt Berlin – Rom – Tokio
Wirtschaftliche Probleme
Kriegsplanungen
Anschluß Österreichs
Sudetenkrise
Entfesselung des Krieges
Vorgehen gegen Polen
Einleitung
Auch in der nationalsozialistischen Außenpolitik waren Tradition und Revolution ebenso wie das Vertraute und das Unvorstellbare ineinander verzahnt. Zunächst trat das Revolutionäre, das die internationale Ordnung sprengen sollte, allerdings kaum hervor. Es verbarg sich vielmehr hinter dem Anspruch auf Revision des Versailler Vertragssystems von 1919, wie er scheinbar einstimmig von allen Parteien der Weimarer Republik vertreten worden war. Alle nationalen Vorstellungen, von der Veränderung der deutschen Grenzen über die Wiederherstellung deutscher Großmachtpositionen bis hin zu Plänen einer mitteleuropäischen Hegemonie und kolonialer Rückeroberung, die viele nationale Gruppierungen propagiert hatten, waren für Hitler und den harten Kern der nationalsozialistischen Bewegung nur Instrument. Sie waren die Maske, hinter der Hitler seine Expansions- und Lebensraumpläne versteckte, und umgekehrt gab deren schrittweise Erfüllung dem Führermythos immer neue Nahrung und festeren Bestand.

Das Eroberungsprogramm im Osten und der Gedanke eines Lebensraumkrieges waren nur die Träume einer Minderheit. Daß sie binnen kurzer Zeit zum bestimmenden Faktor der deutschen Außenpolitik und der Weltpolitik wurden, hatte viel mit der Person und Politik Hitlers, aber auch mit den innen- und außenpolitischen Bedingungen, Interessen und Wahrnehmungen zu tun, die Hitler vorfand und die er beeinflußte.

Voraussetzung dafür war einmal Hitlers Aufstieg vom Propagandisten einer völkisch-nationalistischen Protestbewegung zum Reichskanzler und charismatischen Führer, der die verschiedenen Ziele und Interessen der konservativ-nationalsozialistischen Koalition auch in der Außenpolitik in seiner Person integrierte. Voraussetzung war zum anderen die Konsequenz, mit der der Ideologe Hitler an seinem Traum vom Ostimperium festhielt. Zugleich besaß er die taktische Fähigkeit, die nationalen Ziele und Emotionen seiner Partner für seine Zwecke einzusetzen. Keiner seiner Gefolgsleute besaß die Entschlossenheit, die Hitler immer wieder zu einer Politik des Alles oder Nichts trieb. Mehr noch, die Sorge vor den immer größeren Risiken einer Politik der Vertragsbrüche und Aggressionsakte schreckte zunehmend auch die engsten Gefolgsleute einschließlich des bedenkenlosen Machtpolitikers Göring. Aber das ständige Spiel mit dem Feuer war weder der Treue der Gefolgschaft noch dem Führerkult der Massen abträglich. Jedes Mal, wenn das Regime seine Politik des Risikos und der Vertragsverletzung ohne nennenswerte internationale Gegenwehr durchsetzen konnte, ging zu Hause die Erleichterung in eine noch größere Bewunderung der scheinbaren politischen Genialität Hitlers über. Das brachte, sofern sie nicht schon vorhanden war, die Zustimmung der alten Machteliten und des nationalen Bürgertums. Für Hitler war das jeweils nur die Plattform für den nächsten Schritt.

Denn die dogmatische Fixierung auf einen Krieg, der in der Terminologie Hitlers der Eroberung von „Lebensraum“ und der Vernichtung von angeblichen „Rassefeinden“ dienen sollte, hatte wenig mit den Emotionen und Zielen des allgemein verbreiteten deutschen Nationalismus zu tun, auch wenn Hitler und seine Führungsgehilfen sich scheinbar zu dessen glühendsten Verfechtern und erfolgreichen Exekutoren machten. Während sich das Denken und Handeln vieler seiner Gefolgsleute zunächst in den Bahnen des überkommenen Nationalismus und wilhelminischen Imperialismus bewegte, waren für Hitler solche Konzepte und ihre Träger nur Mittel zum Zweck. Daß er seine Herrschaftsziele und außenpolitischen Absichten Schritt für Schritt zu einem großen Teil verwirklichen konnte, war nicht nur seinem taktischen Geschick und seinem dogmatischen Willen zuzuschreiben. Es lag auch an der Kooperationsbereitschaft und der Loyalität der traditionellen Führungsgruppen in Militär, Bürokratie und Wirtschaft sowie zu einem nicht geringen Teil an den ungewöhnlich günstigen internationalen Konstellationen und Entwicklungen, die Hitler für sich zu nutzen verstand.

Als mit dem Ende der Reparationsverpflichtungen und der Anerkennung militärischer Gleichberechtigung im Sommer 1932 zwei Bestimmungen des Versailler Vertrages gefallen waren, hatte das Deutsche Reich bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme einen größeren außenpolitischen Handlungsspielraum erhalten. Hinzu kam als Folge der Weltwirtschaftskrise eine zunehmende Destabilisierung des internationalen Systems, indem die kollektiven Konfliktregelungsmechanismen immer brüchiger wurden und jeder Staat nur noch auf sein eigenes ökonomisches Überleben fixiert war. Diese Labilität mußte die „politischen Habenichtse“ im Kreis der Mächte, die sich bislang von der internationalen Ordnung zurückgesetzt fühlten, zur Verwirklichung ihrer machtpolitischen Begehrlichkeiten geradezu einladen.

Das Prinzip der kollektiven Sicherheit war bereits geschwächt durch den Einfall der Japaner in die Mandschurei und ihren Austritt aus dem Völkerbund im März 1933, der keine nachteiligen Folgen für Japan gehabt hatte. Das nationalsozialistische Deutschland verstärkte nun den Druck der revisionistischen Mächte und trug damit zur weiteren Gefährdung der internationalen Stabilität bei.




Auszug aus:
Nationalsozialismus II, Informationen zur politischen Bildung (Heft 266)


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