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Krieg, Flucht und Vertreibung

Der Weg in den Krieg

Tschechische Soldaten
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Tschechische Soldaten bringen am 16. September während der "Sudetenkrise" im Südwesten von Prag Geschütze in Stellung. Foto: AP
Die westlichen Nationen deuteten die aggressive Außenpolitik Hitlers lange nur als Auflehnung gegen den Versailler Vertrag. Man baute auf "appeasement". So konnten die Nationalsozialisten die Jahre bis 1938 nutzen und den nächsten Krieg vorbereiten.


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Auszug aus:
Nationalsozialismus II, Informationen zur politischen Bildung (Heft 266)
Thamer, Hans-Ulrich
Inhalt
Einleitung
Programmatische Ziele
Erste Schritte
Putsch in Österreich
Ausbruch aus der Isolierung
Rheinland-Besetzung
Spanischer Bürgerkrieg
Pakt Berlin – Rom – Tokio
Wirtschaftliche Probleme
Kriegsplanungen
Anschluß Österreichs
Sudetenkrise
Entfesselung des Krieges
Vorgehen gegen Polen
Ausbruch aus der Isolierung
Bis zum Beginn des Jahres 1936 sollte sich an der internationalen Isolierung des nationalsozialistischen Deutschland nichts ändern. Den Weg zurück zur außenpolitischen Handlungsfreiheit fand nicht Hitler, er wurde ihm durch die Manöver der Gegenseite eröffnet. Der einzige außenpolitische Erfolg dieser Phase des Wartens und der erzwungenen Zurückhaltung fiel Hitler in den Schoß, als die Westmächte in Erfüllung einer Bestimmung des Versailler Vertrags eine Volksabstimmung über das künftige Schicksal der Saar zuließen. Am 13. Januar 1935 sprachen sich 91 Prozent der Bevölkerung dabei für die Wiedervereinigung mit Deutschland aus. Trotz der verzweifelten antifaschistischen Kampagnen der politischen Linken, die sich an der Saar noch frei betätigen konnten, zählte für eine übergroße Mehrheit der Saarländer das nationale Bekenntnis mehr als der Verlust der politischen Freiheit, der sie im nationalsozialistischen Reich erwartete. Dem Regime brachte das den ersehnten Popularitätsgewinn, und Hitler zögerte nicht, die Abstimmung als persönlichen Erfolg im Kampf gegen den Versailler „Schandvertrag“ auszugeben.

Die nationalpolitische Zustimmung gab auch die Rückendeckung für einen ersten politischen Überraschungs-Coup, dem weitere folgen sollten. Am 16. März 1935 führte das NS-Regime unter Verletzung internationaler Verträge die allgemeine Wehrpflicht ein und gab das offizielle Startzeichen für den bis dahin verschwiegenen Ausbau der Luftwaffe. Die neue Wehrmacht sollte eine Friedensstärke von 36 Divisionen und 550000 Mann besitzen. Dieser Schritt lag in der Logik der Aufrüstungsplanungen, die von der Reichswehr längst vorangetrieben worden waren. Der Tatbestand des Vertragsbruchs wurde propagandistisch mit einem glanzvollen militärischen Zeremoniell am 17. März, dem „Heldengedenktag“, überspielt, bei dem die preußische Tradition in einem Festakt in der Staatsoper Berlin beschworen wurde.

Hitlers Vertragsbruch verstärkte zunächst die westeuropäischen Bemühungen um eine gemeinsame Front zur Eindämmung der deutschen Herausforderung, an der seit dem Februar 1934 vor allem der französische Außenminister gearbeitet hatte. Die drei Mächte England, Frankreich und Italien bekannten sich am 14. April 1935 mit der Erklärung von Stresa (aus Anlaß der Verletzungen des Versailler Vertrags durch das nationalsozialistische Deutschland) zur Erhaltung des internationalen Status quo und drohten Deutschland mit Interventionen, die der Vertrag von Locarno (vgl. auch Informationen zur politischen Bildung Nr. 261, „Weimarer Republik“) bot. Doch sowohl Mussolinis Expansionsgelüste in Äthiopien als auch die britische Politik, die sich mit dem Gedanken trug, Hitler durch Zugeständnisse zu zügeln, sorgten dafür, daß die Stresa-Front schon bröckelte, bevor sie überhaupt besiegelt worden war.

In dieser Absicht, Hitler durch Zugeständnisse zu zügeln, kamen der britische Außenminister John Allsebrook Simon und Lordsiegelbewahrer Anthony Eden nach Berlin, wo ihnen Hitler den Abschluß eines Flottenpaktes vorschlug, der nur die Vorstufe für ein weitergehendes globales Bündnis sein sollte. Hitlers Hinweis auf die weit vorangeschrittene Luftrüstung des Reiches, die zu diesem Zeitpunkt nur ein Bluff war, ließ die Besucher in Verhandlungen über einen Flottenpakt einwilligen. Hitler ernannte seinen treuen Parteigänger Joachim von Ribbentrop (1893-1946) zum Sonderbotschafter in London.

Vertrag mit England

Er sollte das „Bündnis mit England“ vorbereiten und entsprechend starr und undiplomatisch gab sich Ribbentrop bei seinen ersten Gesprächen in London. Keinen konkreten Plan, sondern ein Angebot mit „welthistorischer Bedeutung“ wollte er den irritierten britischen Gesprächspartnern unterbreiten: Eine weltpolitische Aufgabenteilung von Land- und Seemacht, ein Bündnis mit England, um gegenüber der Sowjetunion „freie Hand“ für eine deutsche Expansion und für einen Kreuzzug gegen den Bolschewismus zu bekommen. Doch Ribbentrop war nicht nur die Stimme Hitlers. In der Unnachgiebigkeit seines Auftretens schwangen auch eigene antibritische Ressentiments mit, die sich eigentlich mit Hitlers Bündnisvorstellungen schwer vertrugen. Nach der anfänglichen britischen Drohung, die Verhandlungen abzubrechen, war diesen dann doch Erfolg beschieden. Man einigte sich darauf, daß die britische und die deutsche Überwasserflotte ein Stärkeverhältnis von 100 zu 35 besitzen sollte und Deutschland auch dann an diese Vereinbarung gebunden wäre, wenn dritte Mächte auf See aufrüsten würden.

Hitler bezeichnete den Vertragsabschluß vom 18. Juni 1935 als den „glücklichsten Tag seines Lebens“, schließlich hatte er damit von einer der Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Zustimmung für eine Aufrüstung erhalten, die weit über die im Versailler Vertrag vorgesehenen Rüstungsbeschränkungen ging. Dafür nahm er in Kauf, daß man in London meinte, mit der Festlegung der Rüstungsparitäten ein Modell gefunden zu haben, das zur Grundlage für eine sehr viel umfassendere internationale Regelung werden und das die deutsche Aufrüstung kalkulierbarer machen könnte. Hitler hingegen dachte nur an eine bilaterale Vereinbarung.

Auch wenn man in London weit davon entfernt war, auf Hitlers Angebote einer deutsch-britischen Herrschaft über Europa einzugehen, sah man in einer Rüstungskontrolle, wie sie das Flottenabkommen vorsah, eine Entlastung in einem potentiellen Konfliktbereich. Das war für die britische Politik angesichts der Belastungen, die der ostasiatische Schauplatz mit dem aggressiven Japan bereitete, nicht unwichtig und schien im Augenblick eine vernünftige Alternative gegenüber einer Politik der Konfrontation zu sein. Dahinter stand ein nüchternes Kalkül, das auch die spätere Appeasement-Politik bestimmen sollte. Man wußte um die eigenen Schwächen in der Rüstung und um die öffentliche Meinung, die Arbeit und Brot verlangte anstelle weiterer militärpolitischer Belastungen. Darum suchte die britische Regierung Zeit zu gewinnen, freilich um den hohen Preis eines Bruches der europäischen Solidarität und der Sanktionierung skrupelloser Vertragsbrüche durch Deutschland.

Abessinien-Krieg Mussolinis

Während London testen wollte, ob sich das nationalsozialistische Deutschland nach diesem ersten Vertragsabschluß in eine kollektive Ordnung einfügen lassen wollte, war es Mussolini, der im Herbst 1935 die antinationalsozialistische Front von Stresa weiter zerstörte. Im Windschatten der politischen Spannungen, die von Hitlers aggressiver Politik der Vertragsrevision ausgingen, betrieb Mussolini Eroberungspolitik auf eigene Faust, indem er am 2. Oktober 1935 auf einer sorgfältig inszenierten Massenkundgebung Äthiopien den Krieg erklärte. Nicht nur die schrillen nationalistisch-imperialistischen Töne, die bei dieser gelenkten Massenmobilisierung erklangen, sondern auch die rassistischen Elemente in der Kriegsführung Italiens machten den Feldzug zu einem faschistischen Krieg.

Der Handlungsspielraum, den die Diktatur Mussolinis durch einen wachsenden politischen Konsens im Innern besaß, wurde dadurch vergrößert, daß die Widersprüche und Interessengegensätze Europas nur zu einer sehr halbherzigen internationalen Reaktion auf den Angriff gegen das Völkerbundmitglied Äthiopien (Abessinien) führten. Die mangelnde Entschlossenheit, mit der die Westmächte auf die Verletzung des internationalen Ordnungssystems reagierten, mußte auch für Hitler aufschlußreich sein. Konnte Mussolini indirekt darauf setzen, daß die Existenz Hitlers Franzosen wie Engländer zum nachsichtigen Umgang mit dem faschistischen Italien veranlaßte, so fand Hitler endlich einen Weg aus der außenpolitischen Isolierung. Er konnte die Schwächen des internationalen Systems und der westlichen Demokratien noch schonungsloser ausnutzen, als dies Mussolini getan hatte.




Auszug aus:
Nationalsozialismus II, Informationen zur politischen Bildung (Heft 266)


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