Ravensbrück

"Die Frauen mussten nackt an dem SS-Mann vorbeigehen."

15.4.2005
In Barbaras Familie sind alle politisch aktiv. Im Herbst 1933 wird der Vater verhaftet – drei Tage später ist er tot. Trotzdem engagiert sich auch Barbara. Sie schreibt Anti-Kriegsbriefe an Soldaten, doch ein Spitzel lässt ihre Gruppe auffliegen. Barbara wird verhaftet und 1944 nach Ravensbrück überstellt.

Barbara ReimannBarbara Reimann (© privat)

Barbara Reimann


Geboren am 29. Januar 1920, in Hamburg



Barbara Reimann wird am 29. Januar 1920 in Hamburg geboren. Ihre Eltern sind politisch aktiv: Barbaras Vater, gelernter Schlosser und Mechaniker, gehört seit 1900 der Gewerkschaft an. Er ist Mitglied der SPD bis er 1919 die Kommunistische Partei in Hamburg mitgründet. In der Wohnung der Familie Reimann taucht ab 1932 täglich die Polizei zur Hausdurchsuchung auf. Am 25. September 1933 wird Barbaras Vater verhaftet und drei Tage danach tot geschlagen. Barbaras Mutter ist seit 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei und engagiert sich in der Frauenarbeit – für Aufklärung, Schwangerschaftsabbruch und den Paragraph 218. Sie arbeitet für die Rote Hilfe und für die Internationale Arbeiterhilfe. Barbaras Brüder, Heinrich und Erich, gehören der Roten Jungfront und dem Roten Frontkämpferbund an – Wehrverbände der KPD. 1932 müssen sie beide in die Illegalität abtauchen.

Barbara arbeitet in einer Pionierorganisation und verteilt Propagandamaterial. Sie schließt sich einer sozialistischen Jugendorganisation in Hamburg-Harburg an, bis diese auffliegt. Ab 1933 sammelt sie Geld für politisch Verfolgte, die abgetaucht sind und schreibt ab 1939 Anti-Kriegsbriefe an Soldaten. Als einer der Briefe der Gestapo in die Hände fällt fliegt ihre Jugendorganisation durch einen Spitzel auf und Barbara wird im Juni 1943 verhaftet, von der Gestapo verhört und bis zum 20. April 1944 in Hamburg-Fuhlsbüttel inhaftiert. Sie muss einen Schutzhaftbefehl unterschreiben – wegen des Vorwurfs der Wehrkraftzersetzung, der Vorbereitung zum Hochverrat und des Abhörens ausländischer Sender. Ihre Akte trägt den Vermerk "RU": Rückkehr unerwünscht.

Gemeinsam müssen sie auf den "Todesmarsch"



Über Lübeck und das Gerichtsgefängnis in Neustrelitz kommt die 24-jährige Barbara am 28. April 1944 zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Patentante in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Tante Emmi Wilde, die ebenfalls in Ravensbrück ist, muss Barbara Ende April 1945 auf den Todesmarsch. In der Nähe von Neustrelitz flüchtet die SS und lässt die Gefangenen zurück. Die drei können sich zu Verwandten nach Schwerin durchschlagen, das kurz darauf, am 3. Mai, von US- amerikanischen Truppen befreit wird.

Barbara kehrt nach Hamburg zurück und nimmt sofort Kontakt zum Komitee ehemaliger politischer Gefangener auf. Sie lässt von zwölf in Hamburg hingerichteten Widerstandskämpfern Abgüsse der Totenmasken machen und holt 26 Urnen von in Brandenburg Hingerichteten nach Hamburg. Vor dem britischen Militärgericht und bei dem ersten Prozess vor einem Hamburger Schwurgericht tritt Barbara als Zeugin gegen die SS und die Gestapo von Hamburg-Fuhlsbüttel auf.

Ende 1946 geht Barbara nach Ostberlin in den sowjetischen Sektor. Sie arbeitet in der Zentralverwaltung für Gesundheitswesen und im Generalsekretariat der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Sie macht einen Richterlehrgang, studiert vier Jahre an der Akademie für Staat und Recht in Babelsberg und arbeitet in der Justiz. Später ist sie in der Rechtsabteilung im Ministerrat tätig.

Seit den 1970er Jahren verstärkt Barbara Reimann ihr Engagement in der Lagergemeinschaft Ravensbrück – als Zeitzeugin tritt sie in Ravensbrück und in Schulen auf.

Aus einem Interview mit Ebba Rohweder, 1. März 2004



 

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter... 

Dossier

Sophie Scholl und die "Weiße Rose"

Die Geschichte von Sophie Scholl und der "Weißen Rose" ist auch über 60 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod von Bedeutung. Sie ist ein Symbol für beispielhafte Zivilcourage und Widerstand gegen die Hitler-Diktatur. Weiter... 

Gemeinsame Bezugsrahmen schaffen

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus spielt in der kollektiven Erinnerung Deutschlands eine besondere Rolle. Felix Höninghoff, Mitarbeiter des Besuchsdienst Bergen-Belsen, erklärt auf werkstatt.bpb.de, wie er Jugendgruppen mit heterogenem historischem Bezugsrahmen bei Führungen durch die Gedenkstätte erreicht. Weiter... 

Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum. Weiter... 

Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.Blog

4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung widmete sich vom 27. bis 29. Januar dem Fokus "Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft. Die Radikalisierung Deutschlands ab 1933". Wir haben die Konferenz auf unserem Blog begleitet: Weiter...