Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Die Geschichte der fotografischen Kriegsberichterstattung


28.12.2005
Bei der Kriegsberichterstattung sind die Grenzen zwischen Information und Propaganda fließend. Denn gerade die Kriegsparteien wollen ein politisch gewünschtes Bild vom Krieg zeichnen: z.B. einen "sauberen", "heldenhaften", "gerechten" Krieg.

Die Kriegsberichterstattung hatte neben der Informationsvermittlung schon immer die Aufgabe, die Krieg führenden Gesellschaften hinter ihren Herrschern zur "Heimatfront" zu formieren und die Kluft zwischen Front und Heimat zu überbrücken. Deshalb lassen sich in ihr Information und Propaganda nur schwer voneinander trennen. Für Phillip Knightley ist der Kriegsberichterstatter gleichermaßen "Hero, Propagandist, and Myth Maker" (Knightly 1973). Weil Bilder instinktiv für "wahr" gehalten werden und stärker als andere Zeugnisse am dargestellten Geschehen teilzunehmen scheinen, setzte die Kriegsberichterstattung sie ein, um die daheim Gebliebenen zu virtuellen Kriegsteilnehmern zu machen.

Wandel der Funktion des Kriegsbildes



Die Aufnahmen der Kriegsberichter spiegeln, wie gebrochen und partiell auch immer, Realität wider, vor allem aber deuten sie Realität, produzieren also ein bestimmtes, politisch gewünschtes Bild des Krieges. Dies geschieht zwecks Besänftigung oder Mobilisierung, zur eigenen Legitimation oder zur Demoralisierung des Gegners. Bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts weitest gehend national abgeschottet, funktionieren die Bildermärkte mit Ausbreitung der elektronischen Berichterstattung tendenziell global. Die Bilder der Kriegsberichterstatter erreichen seitdem nicht nur die eigenen Gesellschaften, sondern auch die des Gegners, und erhalten eine völlig neue Funktionen (Life at War 1977; Fabian/Adam 1983; Howe 2002): Aus der Kriegsberichterstattung ist ein Berichterstattungskrieg geworden (Münkler 2002).

Bilder des Krieges erreichten zu Beginn der Neuzeit als Kupfer- und Holzstiche, später als Fotografie und Film ihr Publikum; heute erfüllen vor allem Fernsehen und Internet diese Aufgabe. Gleichgültig ob Flugblatt, Zeitung, Kinoleinwand, Fernsehbildschirm oder Computermonitor, alle physischen Bildkörper lenken die Wahrnehmung des Publikums.

Berichterstattung von vorgestellten Kriegen



Seit Beginn der Neuzeit wurde der Krieg verstärkt zum Gegenstand künstlerischer Darstellungen, etwa mit Bildern von Menschenmassen im Schlachtengetümmel, von Lanzenwäldern, von sich im Tode umschlingenden Kämpfern.

Dank der Radiertechnik entstanden im 16. Jahrhundert aber auch erste Formen des Bildjournalismus sowie Ansätze der Kriegsbildberichterstattung. Visuell gestaltete Flugblätter und Einblattdrucke, später die "Newen Zeytungen", die auf Märkten und vor Kirchen verkauft wurden und in Wirtshäusern auslagen, brachten das Kriegsgeschehen dem zumeist leseunkundigen Publikum nahe. Neben emblematischen Darstellungen von Landsknechten und Kriegsherren zierten vor allem solche Bilder die Deckblätter, von denen man sich eine Förderung des Absatzes versprach. Von Aktualität konnte dabei keine Rede sein, denn die illustrierten Ereignisse lagen oft mehrere Monate zurück. Allerdings galt Exotik auch mehr als zeitliche Nähe und bereits damals mischte sich die sachliche Information mit der spektakulären Darstellung des Krieges (Schilling 1990; Wilke 2005).

Prinzipiell lassen sich die frühen Kriegsbilder in zwei Großgruppen unterteilen, das repräsentativ-historische Ereignisbild und das militärische Genrebild. Dabei wandte sich die glorifizierende Schlachtendarstellung vor allem an ein nichtmilitärisches höfisches Publikum. Im Vordergrund stand meistens die Person des Feldherrn, der oftmals die Pose eines antiken Helden einnahm, während die Schlacht selbst zur reinen Kulisse verkümmerte. Demgegenüber richtete sich die topographisch-analytische Schlachtenmalerei an ein militärisches Fachpublikum. Ihre Auftraggeber waren Feldherren und Offiziere, die auf diese Weise ihre militärischen Leistungen bildlich dokumentieren ließen. Daneben gab es die militärische Genremalerei, die im 17. Jahrhundert ihre erste Blüte erlebte. Ihr ging es nicht um eine mehr oder weniger exakte Schlachtenbeschreibung, sondern um die Darstellung des Krieges an sich, um seine Dynamik und seinen Alltag, aber auch um seinen Schrecken.

Publizistik und Malerei



Während die meisten Gemälde der glorifizierenden Erinnerung dienten, ging es den neuen Massenmedien im Kern um Mitteilung und Deutung. Ihre Illustrationen ergänzten in aller Regel einen gedruckten Text und thematisierten tatsächlich stattgefundene Ereignisse. Trotz der unterschiedlichen Funktionen kristallisierten sich einige identische Codes heraus, die dem Chaos des Krieges hier wie dort Deutung und Sinn verliehen. Man nahm vor allem Bezug auf Motive, Personen und Landschaften der Bibel und stülpte dem Realereignis Krieg so eine mehr oder minder bekannte explizit moralisierende und narrative Struktur über. In Metaphern und Allegorien setzte vor allem der Dreißigjährige Krieg eine differenzierte Bildphantasie frei.

Weder bei den Schlachtengemälden noch bei den Kriegsdarstellungen der frühen Bildpublizistik handelte es sich um authentische Bilder, die den Krieg ungebrochen und zeitnah widerspiegelten, sondern in aller Regel um "imagined battles" (P. Paret), um phantasierte Schlachten und um Vorstellungen vom Krieg, in denen allenfalls Realitätssegmente verarbeitet waren. Beide Darstellungsformen entsprachen in erster Linie dem Zeitgeschmack, eine tiefer gehende Erkundung der Realität des Krieges war mit ihnen nicht beabsichtigt. Und selbst wenn tatsächliche Vorgänge wiedergegeben wurden, waren es keine Abbildungen, sondern imaginierte Kriegsbilder mit standardisierter Ikonographie (Wilke 2005). Dennoch steckten sie den Rahmen ab, innerhalb dessen die Kriegsfotografen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ihre Themen gestalteten.

Der Krieg verschwindet im Bild



Samuel A. Cooley mit seinen Gehilfen und Kamera. Cooley war im Amerikanischen Bürgerkrieg für das "U.S. Photographer Department of the South" tätig.Samuel A. Cooley mit seinen Gehilfen und Kamera. Cooley war im Amerikanischen Bürgerkrieg für das "U.S. Photographer Department of the South" tätig.
Die visuellen Leitmedien des vormodernen Krieges waren Malerei und Grafik, die des industrialisierten Krieges Fotografie und Film. Als eine Art "pencil of nature" scheinen beide berufen, Dinge und Ereignisse abzubilden und ein naturgetreues Bild des Kriegsgeschehens zu liefern. Das machte sie von Anfang an interessant für Herrscher, Militärs und Propagandisten.

Schon früh wurde die Kriegsberichterstattung in ein enges politisches Korsett gezwängt, aus dem sie sich nur selten befreien konnte. Im Ersten Weltkrieg kamen erstmals staatliche bzw. militärische Einrichtungen auf,
Friedrich Brandt, Aufnahme der erstürmten und bereits von Toten und Verletzten "gesäuberten" dänischen Schanze Nr. 4 nach der Schlacht von Düppel am 18.4.1864.Friedrich Brandt, Aufnahme der erstürmten und bereits von Toten und Verletzten "gesäuberten" dänischen Schanze Nr. 4 nach der Schlacht von Düppel am 18.4.1864.
die Bilder vom Kriegsschauplatz zu kontrollieren. Zu ihren Maßnahmen zählten die strikte Begrenzung der Anzahl der Fotografen, die Zuweisung von Operationsgebieten weitab vom eigentlichen Kampfgeschehen oder auch direkte Zensur. Welche Bilder von ihren Kriegsberichtern erwartet wurden, lässt sich z.B. in den "Anweisungen für Kriegs-Photographen und Kinematographen" des deutschen Generalstabs vom Dezember 1914 nachlesen, wo geregelt war, was veröffentlicht werden durfte und sollte und was nicht.

Bis zum Vietnamkrieg blieb den Kriegsfotografen die Ablichtung "grausamer" Szenen generell untersagt bzw. fiel deren Veröffentlichung der Zensur zum Opfer. Aber auch heute regeln "Ground Rules" der Militärs und "Empfehlungen" der Redaktionen, wie der Krieg abzulichten ist.

Roger Fenton, "The tombs of the general on Cathcart´s Hill", Aufnahme aus dem Krimkrieg 1855Roger Fenton, "The tombs of the general on Cathcart´s Hill", Aufnahme aus dem Krimkrieg 1855
Die ersten Kriege, die in größerem Umfang fotografisch festgehalten wurden, waren der »Krimkrieg (1853-1856)«, der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) »(Fotos der Library of Congress)« »(Fotos auf fredericksburg.com)« sowie der »Deutsch-Dänische Krieg von 1864«.

Anders als die Zeitgenossen vermuteten, spiegelte auch die Fotografie den Krieg nicht abbildgetreu wider. Die noch unterentwickelte Technik ließ nur einen eingeschränkten Blick zu, da sich etwa mit den schweren Plattenkameras, die im Amerikanischen Bürgerkrieg benutzt wurden, allenfalls die Pausen oder Ergebnisse der Kämpfe festhalten ließen.
Alexander Gardner, "Home of a Rebel Sharpshooter, Gettysburg, July, 1863", Aufnahme aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg in "Gardner´s Photographic Sketch Book of the War, Plate 41"Alexander Gardner, "Home of a Rebel Sharpshooter, Gettysburg, July, 1863", Aufnahme aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg in "Gardner´s Photographic Sketch Book of the War, Plate 41"
Fotografisch war man auf das ruhende Objekt am Rande des Geschehens verwiesen: auf Truppenteile und Offiziersgruppen, auf Waffen und Gerätschaften, auf Lagerplätze und verlassene Gefechtsfelder und auf Vorher-/Nachher-Aufnahmen des kriegerischen Gewaltaktes. Dieser Akt selbst blieb den Kameras zunächst verborgen. Das Kriegsgeschehen wurde daher aus der Distanz abgelichtet: aus der räumlichen Entrücktheit des Lebens in der Etappe und der zeitlichen Entrücktheit der materiellen und menschlichen Überreste der Schlacht. Nicht durchzusetzen vermochte sich der fotografische Blick auf die Opfer des Krieges, wie sie nur kurz einmal während des Amerikanischen Bürgerkrieges in den Fokus der Fotografen gerückt waren. Zu sehr widersprach der Kriegstod dem Selbstverständnis der aufgeklärten bürgerlichen Welt. Vor allem der Raum des industrialisierten Krieges und das Töten auf Entfernung ließ sich mit den modernen Techniken nicht einfangen.



 

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