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Die 68er heute

Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit


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Helmut Müller-Enbergs, Cornelia Jabs
Wozu Karl-Heinz Kurras bereit war, erschließt sich beispielsweise aus seinem Vorgehen im November 1965, als er für die Verhaftung eines Kriminalmeisters der Kriminalinspektion Neukölln, des IM "Heinrich Schwarz", eines alten Kommunisten, und dessen Ehefrau zuständig war. Seine Kurierin notierte: "'Bohl' äußerte gewisse Bedenken, daß er mithelfen muß, Verhaftungen vorzunehmen von Leuten, die für die DDR arbeiten. Ich erwiderte darauf: er soll seine Arbeit ordnungsgemäß durchführen, auch wenn Festnahmen notwendig sind, und erinnerte an Dr. [Richard] Sorge, der auch gegen seine Einstellung Arbeiten durchführen mußte, um wichtige Informationen zu erhalten".[15] Das wird er eingesehen haben, denn später hieß es, er habe "keine Hemmungen mehr", wenn es darum ging.

Zuvor versuchte er das Ehepaar noch über die gemeinsame Kurierin zu warnen, was nicht unbemerkt blieb, da die Gattin geständig war. Seiner Kurierin sagte er: "Das Material … ist sehr schwach. Man hat keine Beweise für den Verdacht und hofft durch die Hausdurchsuchung welche zu erhalten". Kurras erhielt den Auftrag, "daß jetzt seine große Bewährung bevorsteht. Er muß die Vernehmung … sehr ordentlich durchführen, auch wenn es sich um einen alten Kommunisten handelt".[16] Den Verrat der Gattin nahm Kurras ihr übel, er beschrieb die mit ihr geführten Vernehmungen mit "sehr groben Schimpfwörtern". Kurras sagte, so sein Führungsoffizier Werner Eiserbeck: "Gebt mir den Auftrag, die würde ich umbringen, so eine Verräterin".[17] An anderer Stelle heißt es, dass Kurras am 12. Januar 1967 "die Meinung" vertreten habe, "daß man gegen solche Verräter scharf vorgehen muß".[18] Solche Zitate deuten zumindest die signalisierte Bereitschaft zum Töten an. Die Lorbeeren für die Verurteilung des Ehepaares konnte sich Kurras aufsetzen. Er wurde im September 1966 Kriminalobermeister und zuvor mit einer Ausbildung bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts (BKA) in Bonn ausgezeichnet.[19]

Überdies schien Kurras Nerven zu haben. Seine Kurierin notierte anlässlich der Übergabe einer Aktentasche mit Originaldienstunterlagen: "'Bohl' war äußerst ruhig und machte einen sehr sicheren Eindruck. Scherzhaft sagte er dann: Wenn wir wollen, können wir auch den ganzen Panzerschrank holen".[20] Oder, als er während seines Dienstes auf die polizeiliche Ermittlungsakte gegen seinen ersten Führungsoffizier Redlin stieß, die wesentlich auf Angaben ehemaliger IM basierte und auch ihm bekannte Trefforte vermerkte: "Nach Meinung von 'Bohl' stimmen diese Angaben. 'Bohl' war darüber nicht besonders berührt. Er sagte, daß so etwas passieren kann".[21]

Gemäß seiner Bedeutung für das MfS wurde das Verbindungswesen mit Kurras ständig optimiert. Bereits eine Woche vor dem Mauerbau war der Kontakt über beidseitigen Funkverkehr vorgesehen, jeweils sonntags gegen 15.30 Uhr (später samstags ab 12 Uhr) erhielt Kurras Anweisungen.[22] Einen gefälschten Ost- Berliner Ausweis für den Aufenthalt in der DDR erhielt er im Oktober 1961.[23] Den persönlichen Kontakt zu ihm unterhielt seine Parteibürgin Charlotte Müller, die ihm als Kurierin "Lotte Schwarz" zur Verfügung stand.[24] Beliebter Treffort war das Schleusen-Café in Berlin-Tiergarten, als "Trude" bezeichnet.[25] Jeweils eine Minoxkamera wurde ihm im Januar 1959 und im August 1962 geliefert, die er im Wandbrett für den Blumentopf im Flur seiner Wohnung verstecken sollte.[26] In Ost-Berlin fanden über längere Zeit alle drei Monate Treffs statt.[27] Briefe sollte er mit Geheimschreibtinte (Verfahren "Helin") verfassen und an eine Deckadresse ("Zentrum") senden.[28] Ein Erkennungszeichen, ein Taschentuch, gab es auch, das noch heute aufgefaltet in der Akte liegt.[29]

Der Aufwand wurde Karl-Heinz Kurras vergütet: Im Jahre 1955 erhielt er lediglich 550 DM, 1956 schon 800 DM, ein Jahr später 850 DM und mit zunehmender Qualität seiner Informationen stieg die Entlohnung: 1958 auf 1.400 DM, 1959 auf 1.900 DM, 1960 auf 2.310 DM, 1961 auf 2.200 DM und 1962 sogar auf 2.450 DM. Im Laufe des Jahres 1966 gab es 4.500 DM und in den ersten beiden Monaten des Jahres 1967 allein 2.000 DM, und bei einem Treff am 17. Mai 1967 erhielt er 1.000 DM.[30]

Eine Frage liegt auf der Hand: Hat das MfS Kurras' "charakterliche Schwäche" ausgenutzt und ihn aufgefordert, die Schusswaffe anzuwenden? Ein Beleg dafür findet sich in der 17-bändigen Akte nicht, die bis in das Frühjahr 1967 überwiegend vorbildlich geführt, danach aber erkennbar ausgedünnt wurde.[31] Ein Auftragsmord scheint auch wenig wahrscheinlich. Dennoch wirft die Akte Fragen auf.

Waffen, scheint es, waren für Karl-Heinz Kurras das Leben. Als Minderjähriger war er während der NS-Zeit "Sachbearbeiter für Schießwesen";[32] eine aus den Kriegstagen behaltene Waffe brachte ihm von 1946 bis 1950 Haft in Sachsenhausen ein.[33] Kurras gehörte dem Vorstand des Polizeisportvereins und dem Jagdverein West-Berlins an, wo er jeweils als leidenschaftlicher Schütze galt. "Als Sportschütze hat er bereits einige Erfolge erzielt und ist dadurch beim großen Teil der westberliner Polizei bekannt", wusste das MfS.[34] Ferner hatte es Kenntnis davon, dass Kurras als "bester Schütze" ausgezeichnet worden war und eine "besondere Neigung zum Schießsport" hat. "Den überwiegenden Teil seiner Freizeit", notierte das MfS, "verbringt er auf dem Schießstand. Ebenso gibt er einen großen Teil seines Geldes für seine sportlichen Interessen aus".[35] Die Schießleidenschaft wurde nicht gerade dadurch abgebremst, dass das MfS Kurras am 20. Juli 1961 die Waffe Radom Nr. E 3757 (9 mm) aushändigte, der dafür im Gegenzug eine Waffe ablieferte[36], und ihm im August 1965 600 DM gab, damit er sich die gewünschte Waffe Typ P 38 mit Kleinkalibervorsatz kaufen konnte.[37] Er verwendet, heißt es beim MfS, den "überwiegenden Teil seines Verdienstes und der finanziellen Zuwendungen durch das MfS" für seine "umfangreiche Waffensammlung" und gebe monatlich 300 – 400 DM für Munition aus. Mithin räumte auch das MfS am 8. Juni 1967 intern ein, dass man von dieser "charakterlichen Schwäche" gewusst habe.[38] Es wird zwar deutlich, dass "Otto Bohl" nicht irgendeiner der vielen IM des MfS war. Er war eine Spitzenquelle mit besonderen Talenten. Er "ist bereit", vermerkte das MfS, "jeden Auftrag für das MfS durchzuführen. Er besitzt Mut und Kühnheit, um schwierige Aufgaben zu lösen".[39] Von seiner Offerte, auch jemanden "umzubringen", war bereits die Rede.

Das MfS war durch Kurras am 17. Mai 1967 bei einem Treff detailliert über die Absichten der Polizei bei den nächsten Demonstrationen in West-Berlin informiert, am 1. Juni 1967 setzte er einen Funkspruch ab, der nächste konnte – da stets nur samstags – erst am 8. Juni erfolgen.

Am 8. und 9. Juni 1967 wurde innerhalb des MfS seine Akte umfassend analysiert und festgestellt, dass Kurras stets ehrlich und zuverlässig war. Der Kontakt wurde zunächst aufrechterhalten. Das MfS funkte ihm: "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Nach Abschluß der Untersuchungen selbständig melden. Betrachten Ereignis" – den tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg – "als sehr bedauerlichen Unglücksfall".[40] Kurras funkte zurück: "Zum Teil verstanden – alles vernichtet – Treff bei Trude" – also am Schleusen-Café in Berlin-Tiergarten – "jetzt – fünfzehnten [Juni] – benötige Geld für Anwalt".[41] Noch am 17. Juni 1967 ging ein weiterer umfänglicher chiffrierter Funkspruch beim MfS ein, der aus der Akte entfernt worden ist. Eiserbeck notierte in diesen Tagen: "Zur vorläufigen Regelung der Verbindung" zu Kurras "wird vorgeschlagen: 1. Die Verbindung … wird vorläufig abgebrochen. Aus Gründen der Sicherheit … und im Interesse der Einhaltung der Wachsamkeit und Konspiration, wird zur Zeit keine Verbindung … aufgenommen."[42]

Zumindest ein Kontakt zwischen dem MfS und Kurras ist noch belegt. Sein Führungsoffizier Eiserbeck traf ihn in Ost-Berlin am 24. März 1976. Kurras, weiterhin im Polizeidienst, zeigte sich offenbar an einer Fortsetzung der Kooperation interessiert. Eiserbeck: "Das MfS wird sich vorbehalten, ob und wann ein erneutes Ansprechen erfolgt. Der Kurras erwiderte darauf, daß er seine Meinung zum MfS nicht geändert hat und mit einer erneuten Zusammenarbeit einverstanden wäre". Weiter notierte Eiserbeck: "Das Gespräch wurde … in einer sehr vertraulichen Form geführt. Der Kurras verhielt sich so, als ob das letzte Zusammentreffen erst vor wenigen Tagen stattgefunden hat". "Die Bereitschaft zu einer erneuten Zusammenarbeit mit dem MfS wurde vom Unterzeichnenden nicht kommentiert, sondern nur zur Kenntnis genommen". "Zu bemerken wäre noch, daß der Kurras die Telefonnummer der KD [Kreisdienststelle des MfS in] Lichtenberg im Gedächtnis hatte", wo Eiserbeck später tätig war, und was mithin andeutet, dass es zuvor schon weitere, aber nicht dokumentierte Treffen gegeben hat. Eiserbeck schien daran interessiert zu sein, die Kooperation fortzusetzen und "[d]ie Verbindung … schrittweise wieder aufzubauen". Zugleich kam die Rede auf den 2. Juni 1967. Kurras wird so wiedergegeben: "Die Situation wurde zu einer reinen Existenzfrage, zu der Frage, ob Leben oder Tod. Aus diesem Grunde hat er so gehandelt. Sein Leben war durch das Angreifen der Radikalen mit einem offenen Messer gefährdet. Der Kurras sagte sinngemäß, daß er sich nichts vorzuwerfen hatte und nichts bereut. … Seine Darlegungen zum bekannten Vorkommnis trug er sehr impulsiv vor. Aus der Art und Weise und seinen Bemerkungen kann geschlußfolgert werden, daß der Kurras von der Richtigkeit seiner Handlungsweise überzeugt ist, kein Mitleid in irgendeiner Form hat und die Handlungen der anderen beteiligten Personen verurteilt".[43]

Eine Distanzierung des MfS von seinem IM "Otto Bohl" war das wohl nicht zu nennen, auch wenn es zu keinen weiteren dokumentierten Treffen gekommen ist. Gleichwohl gab es MfS-intern schon zuvor Zweifel an Kurras' Darstellung, konnte doch ein bis heute wohl unbekannter Zeuge gefunden werden, der den Tathergang recht plausibel darstellen konnte, doch störten das MfS einige Widersprüche in dessen Darstellung. [44] Immerhin dürfte es neue Fragen geben.

Was auch immer die weitere Diskussion ergibt, eines dürfte unstrittig sein: Mit Karl-Heinz Kurras hat ein Genosse der SED und ein IM des MfS den Studenten Benno Ohnesorg erschossen – ein Polizist also, der allein auf Wunsch der Staatssicherheit seinen Dienst bei der West-Berliner Polizei versah. Welches Signal wäre das gewesen, wenn der beginnenden studentischen und außerparlamentarischen Bewegung das im Juni 1967 bekannt geworden wäre?


Der Text erschien in der Zeitschrift "Deutschland Archiv" in Heft 3/2009. Mit freundlicher Genehmigung des W. Bertelsmann Verlags (© W. Bertelsmann Verlag Bielefeld 2009).


27. Mai 2009

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