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Nach 1989

Wir leben in friedlicher Koexistenz


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Interview mit dem Soziologen Andreas Zick
 
Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Deutschen kein vereintes Volk: Der Soziologe Andreas Zick über das lange Warten auf blühende Landschaften und das Misstrauen zwischen Ost und West.

Ost-Sandmännchen (rechts) und West-Sandmännchen. Foto: AP
Ost-Sandmännchen (rechts) und West-Sandmännchen. Foto: AP

Wie steht es 20 Jahre nach dem Mauerfall um die deutsche Einheit, Herr Zick?

Erstens: Der Begriff "Wiedervereinigung" ist zwar positiv gemeint und hat sich auch eingebürgert, er ist aber nicht sinnvoll. Denn faktisch wurde ja nichts wieder-vereint. Nach dem Fall der Mauer sind zwei völlig unterschiedliche Gesellschaftsmodelle zusammengekommen. Die Begriffe "Vereinigung" oder "Beitritt" sind eher angemessen.

Und zweitens?

Zweitens identifizieren sich Ost- und Westdeutsche immer noch mehr mit ihrer Region und weniger mit ihrer Nation. Auch in der gegenseitigen Wahrnehmung zwischen Ost und West gibt es immer noch deutliche Unterschiede. Psychologisch ist das ganz verständlich: Schließlich haben wir 40 Jahre lang in zwei verschiedenen Kulturen gelebt, das wirkt bis heute nach.

Zur Person
Andreas Zick
ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Wilhelm Heitmeyer untersucht er seit 2002 die Einstellungsmuster der Bundesbürger.

Sie selbst haben in Ost- und Westdeutschland gelebt. Was ist schlimmer: Wenn ich Sie Ossi oder Wessi nenne?

Wessi ist nicht so schlimm wie Ossi. Aber beides kann nett gemeint sein, solange man auf gleicher Augenhöhe ist. Aber unsere Daten zeigen, dass wir das nicht sind: 64 Prozent der Ostdeutschen empfinden sich als Bürger zweiter Klasse.

Es wurde doch viel in den Osten investiert, der Lebensstandard dort ist stark gestiegen. Woher rührt dieses Minderwertigkeitsgefühl?

In Ostdeutschland sind immer noch viele Menschen arbeitslos. Sie haben Angst, am Rand der Gesellschaft zu stehen und nicht teilhaben zu können. Dabei war das Benachteiligungsgefühl anfangs gar nicht so stark ausgeprägt. Aber noch heute gilt der Osten als Entwicklungsland. Es gibt den "Aufbau Ost", den Solidaritätszuschlag – wir haben also einen Teil Deutschlands, der besonderer Hilfe bedarf. Und wenn man dort lebt, fühlt man sich eben wie ein Hartz-IV-Empfänger.

Gilt das auch für den ostdeutschen Porschefahrer?

Tatsächlich ja. Im Osten gibt es viele Leute, denen es ökonomisch zwar gut geht, die sich aber dennoch benachteiligt fühlen. Wenn sie dort einen Porsche fahren, können sie immer noch darüber jammern, dass die Straßen dort nicht gut genug sind.

Woher kommt dieser Frust?

Helmut Kohls Versprechen der "blühenden Landschaften" und das Versprechen, das kapitalistische System werde die Lage im Osten ganz schnell verbessern, haben sich negativ ausgewirkt. Wenn die Hoffnung jedoch idealisiert wird und das Ideal der Realität davonläuft, dann setzt Frustration ein.

Was wünscht sich der Rest zurück, der sagt, vor der Wende war es besser?

Die Leute vergessen oder verklären Geschichte so leicht, die massive Kontrolle, Reglementierung, die Stasi. Sehr viele Menschen sagen auch, dass ihnen der gesellschaftliche Wandel zu schnell geht und fühlen sich desorientiert. Das ist ein klassisches Einfallstor für Populisten.

Mehr als 60 Prozent der Ostdeutschen klagen über mangelnde Anerkennung der Westdeutschen.

Da ist ein großes Bedürfnis, die Leistungen und Opfer für die Einheit mehr gewürdigt zu sehen. Das ist ein Zwei-Klassen-System: Die einen sind oben und die anderen stehen etwas darunter, und das sind die Ostdeutschen.

Gibt es denn Themen, wo wir einig sind?

Gerade aktuell in der Sorge um die Zukunft: In der wirtschaftlichen Krise rücken Ost und West ganz nah zusammen.

Ist die Krise also eine Chance für eine gesellschaftliche Einheit?

Vielleicht kann es den Effekt haben, wenn wir ähnliche Probleme gemeinsam bewältigen. Doch was passiert, wenn Eisenach gefördert wird und Bochum nicht, dann wird die Frage nach dem Solidaritätspakt laut.


15. April 2009

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