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Konfliktporträts

Kolumbien


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Sebastian Rötters

Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe möchte den Bürgerkrieg hauptsächlich mit militärischen Mitteln lösen. Die linksgerichtete Guerilla wurde zwar zurückgedrängt, die Ursachen des Konflikts bleiben aber unbearbeitet. Die Demobilisierung der gegen die Guerilla kämpfenden Paramilitärs entpuppt sich als Farce.

Demobilisierte Rebellen der ELN übergeben ihre Waffen der regulären Armee Kolumbiens. Foto: AP
Demobilisierte Rebellen der ELN übergeben ihre Waffen der regulären Armee Kolumbiens. Foto: AP
Aktuelle Situation

Der kolumbianische Konflikt hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert, gelöst ist er keineswegs. Präsident Alvaro Uribe verfolgt seit seinem Amtsantritt 2002 eine rigorose Politik der Aufstands- und Terrorbekämpfung. Sein Ziel ist, die Präsenz staatlicher Sicherheitskräfte in jedem Winkel des Landes sicherzustellen und die Guerilla zurückzudrängen. Seit 1998 wurden Armee und Militär durch Mittel aus dem sogenannten Plan Colombia, der von den USA mit 7,7 Mrd. US-Dollar finanziert wird, massiv ausgebaut und modernisiert. Mittlerweile fließen mehr als 6% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Sicherheitsbereich (zum Vergleich: USA ca. 4%, BRD ca. 1,3%). Zivilisten werden in ein landesweites Spitzelsystem integriert.

Dem Staat gegenüber stehen die beiden wichtigsten Guerilla-Gruppierungen FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Vereinigte Revolutionsstreitkräfte Kolumbiens) und ELN (Ejército de la Liberación Nacional – Nationales Befreiungsheer), die aufgrund des militärischen Drucks nicht mehr so offensiv agieren können wie in den 1980er und 1990er Jahren.

Zur Person
Sebastian Rötters
Sebastian Rötters, geb. 1976 in Freudenberg, studierte Geschichte und Politik in Köln und Erlangen. Von 2004 bis 2005 arbeitete er als Freiwilliger der Menschenrechtsorganisation Peace Brigades International in Kolumbien. Als freier Journalist hat er Kolumbien seit 1998 mehrfach bereist.

Die paramilitärischen Verbände der "Autodefensas Unidas de Colombia" (AUC), die bis 2005 gegen die Guerilla kämpften, haben offiziell die Waffen niedergelegt, kontrollieren jedoch nach wie vor weite Teile des Landes. Gegen zahlreiche, der Regierung nahestehende Kongressabgeordnete wird wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit Führern der Paramilitärs ermittelt. Die im Zuge der Demobilisierungsverhandlungen mit den paramilitärischen Blocks ab 2005 eröffneten Sondergerichtsverfahren im Rahmen des "Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden" gegen führende Mitglieder entpuppten sich jedoch als Farce. Zahlreiche demobilisierte Kommandanten wurden an die USA ausgeliefert. Dort werden sie in den meisten Fällen wegen Drogendelikten angeklagt, nicht jedoch wegen der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen. Dadurch wird die Wahrheitsfindung nahezu unmöglich gemacht.

Währenddessen leidet vor allem die Zivilbevölkerung unter dem anhaltenden Konflikt. In Kolumbien sterben Jahr für Jahr Tausende Menschen eines gewaltsamen Todes. Geschätzte vier Millionen Menschen wurden durch den Bürgerkrieg vertrieben. Jedes Jahr kommen Hunderttausende neuer Flüchtlinge hinzu. Für Menschenrechtler, kritische Gewerkschafter und Journalisten ist Kolumbien eines der gefährlichsten Länder der Welt. Neben Morden und Drohungen gibt es auch zahlreiche Fälle von fingierten Gerichtsverfahren gegen Oppositionelle.

Auch nach dem Regierungswechsel in den USA gilt Präsident Uribe als wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten in Südamerika. Zwar steht der demokratisch dominierte US-Kongress Uribe, insbesondere aufgrund der zahlreichen Morde an Gewerkschaftern, kritisch gegenüber, doch das 2009 abgeschlossene Abkommen über die Nutzung mehrerer Militärbasen in Kolumbien durch US-Streitkräfte unterstreicht die nach wie vor engen Beziehungen.

Da die Grenzregionen zu Ecuador und Venezuela zu wichtigen Kampfzonen des Bürgerkriegs geworden sind, haben sich die diplomatischen Beziehungen Kolumbiens zu seinen Nachbarn sehr verschlechtert. Kolumbien wirft seinen Nachbarn vor, Guerilla-Einheiten Unterschlupf zu gewähren. Dagegen werfen Ecuador und Venezuela den kolumbianischen Streitkräften und Paramilitärs vor, auch jenseits der Landesgrenzen Einsätze durchgeführt zu haben. Vor allem das Verhältnis zwischen der rechtsgerichteten Regierung Uribe und dem linkspopulistischen Präsidenten Venezuelas Hugo Chavez ist zerrüttet und führt zu starken Spannungen zwischen beiden Ländern.

Ursachen und Hintergründe

Die wichtigste Konfliktursache liegt in dem wachsenden sozialen Gefälle in einem Land, das reich an Bodenschätzen
Kolumbien
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Kolumbien
Karte: CIA The World Factbook

und landwirtschaftlich nutzbaren Flächen ist. Gesellschaftlich nicht aufgearbeitete Konflikte verschärfen die Spannungen. Offiziell kämpfen die linksgerichteten Guerillas seit über vierzig Jahren für eine kommunistische Revolution. Im Auftrag von Großgrundbesitzern, Drogenbaronen und Teilen der kolumbianischen Wirtschaftselite gehen die sogenannten Paramilitärs ihrerseits seit 25 Jahren gegen die Rebellen und gegen soziale Bewegungen vor. Obwohl die Paramilitärs offiziell die Waffen niedergelegt haben, hat sich an dieser Situation wenig geändert. Bis heute erhalten die Paramilitärs Unterstützung von den kolumbianischen Sicherheitskräften.

Die wichtigsten Rebellengruppen FARC und ELN bekämpfen den kolumbianischen Staat mit typischen Strategien der Guerilla-Kriegsführung. Während ihre politischen Ziele in den Hintergrund getreten sind und beide Bewegungen politisch massiv an Einfluss verloren haben, gewann das Geschäft mit Kokain an Bedeutung und stellt heute eine wichtige Einnahmequelle dar.

Die paramilitärischen Einheiten haben offiziell die Waffen niedergelegt. Nach der Demobilisierung der alten Blöcke treten sie nun unter veränderten Namen wie "Aguilas Negras" (Schwarze Adler) und "Nueva Generacion" (Neue Generation) erneut in Erscheinung. Entgegen anders lautenden Einschätzungen haben sie die Kontrolle über weite Teile des Landes und des lukrativen Drogenhandels nicht aufgegeben. Aufgrund der Einschüchterung der Bevölkerung durch diese Gruppen wird der Wahrheitsfindungsprozess im Rahmen der Demobilisierung massiv behindert und praktisch unmöglich gemacht.

Bearbeitungs- und Lösungsansätze

Der kolumbianische Staat steckt in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Zahlreiche Skandale, die bis in höchste Regierungskreise reichen, haben das politische System erschüttert. Die militärischen Erfolge der letzten Jahre forderten aus menschenrechtlicher Perspektive einen hohen Preis. Zwar wurde die Guerilla stark zurückgedrängt, doch setzt die Uribe-Regierung ihren Feldzug gegen die linke und kritische Opposition unvermindert fort. Von diesen Maßnahmen ist auch die Zivilgesellschaft betroffen. Menschenrechtler und kritische Gewerkschafter engagieren sich für eine echte Aufarbeitung der Verbrechen, die von beiden Seiten während des Bürgerkrieges begangen wurden. Sie setzen dafür nicht selten ihr Leben aufs Spiel.

In dieses Bild passen auch die Scheinheiligkeit und Einseitigkeit der im Jahre 2003 begonnenen Demobilisierungsverhandlungen zwischen der Regierung Uribe, dem kolumbianischen Kongress und den Paramilitärs der AUC (Autodefensas Unidas de Colombia). Zwar wurden offiziell ca. 40.000 Paramilitärs demobilisiert, doch Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer hat es kaum gegeben. Bevor die vor Gericht stehenden ehemaligen Kommandanten ihre Hintermänner und Finanziers benennen konnten, wurden die meisten an die USA ausgeliefert. Dadurch konnten trotz der Demobilisierungen die illegalen Machtstrukturen und die damit einhergehende Kontrolle weiter Teile des Landes aufrecht erhalten werden. Ernsthafte Friedensabsichten, die auch die Suche nach den Verantwortlichen der Verbrechen beinhalten würde, bestehen nicht. Aus diesen Gründen werden die Demobilisierungen von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert.

Unklar ist nach wie vor, ob es Uribe gelingt, die Verfassung erneut dahingehend zu ändern, dass er ein zweites Mal wiedergewählt werden kann. Solange er an der Macht ist, erscheint eine friedliche Einigung zwischen Guerilla und Regierung sehr unwahrscheinlich.


03. Februar 2010

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Redaktion
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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.
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