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Politik

Naxaliten: "Größte Herausforderung für die innere Sicherheit"


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Maoistische Rebellen kontrollieren bereits große Teile des Landes
Suhas Chakma
Die Ursprünge des indischen Naxalismus liegen in den 60er Jahren. Ein Aufstand armer Landarbeiter gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung im Dorf Naxalbari (Unionsstaat Westbengalen) gab der
Junge Frauen in einem Ausbildungslager der Salwa Judum
Grossansicht des Bildes
Junge Frauen in einem Ausbildungslager der Salwa Judum ("Friedensmission") in Chattisgarh
Foto: Asian Center for Human Rights

linksextremistischen Bewegung ihren Namen, wobei der so genannte Naxalbari Day als eigentliche Wiege der Massenerhebung gilt. Am 25. Mai 1967 starben bei einem Übergriff der Sicherheitskräfte auf eine öffentliche Versammlung elf unschuldige Menschen, darunter sieben Frauen und zwei Kinder. Die Tat war eine Vergeltungsmaßnahme, denn tags zuvor hatten Unbekannte einen Polizisten getötet, der an Aktionen gegen aufständische Bauern beteiligt war.

Obwohl Landes- und Zentralregierung der Revolte von Naxalbari mit Waffengewalt ein Ende setzten, fanden Ziele und Ideale – unter anderem berufen sich die Naxaliten auf Mao Tse-tungs und dessen Credo, dass die politische Macht aus den Gewehrläufen komme – bald auch in anderen Teilen Indiens Anhänger. In der verarmten und unterentwickelten Telengana-Region des Unionsstaates Andhra Pradesh löste 1980 die so genannte People's War Group (sinngemäß: Volkskriegs-Verband) eine maoistisch geprägten Aufstand aus. Die Ermordung von mutmaßlichen "Klassenfeinden", Kleinbürgern und Polizeispitzeln sowie Verfahren gegen politische Widersacher vor eigens eingerichteten "Volksgerichten" wurden zum Markenzeichen der People's War Group. In den folgenden Jahren breitete sich die Naxaliten-Bewegung von Andhra Pradesh in die Nachbarstaaten Madhya Pradesh, Orissa, Jharkhand und Maharashtra aus.

Zur Person
Suhas Chakma ist Direktor des Asiatischen Zentrums für Menschenrechte (Asian Centre for Human Rights, ACHR), einer regionalen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in der indischen Hauptstadt Neu Delhi.

Während es für den Naxalismus der 60er Jahre zum Teil erheblichen Zuspruch aus Teilen der städtischen Mittel- und Oberschicht gab (vor allem von studentischen Kreisen und der Intelligenz), haben sich Charakter und Zusammensetzung der heutigen Bewegung vollkommen verändert. Die in den 80er und 90er Jahren in Andhra Pradesh und anderen Staaten entbrannten Aufstände werden vor allem von der ländlichen Bevölkerung getragen, wobei Angehörige unterer Kasten und kastenlose Dalits sowie Adivasi, Indiens Ursprungsbevölkerung, den Kern der Aufständischen und Unterstützer bilden.

Seit der Erhebung in dem kleinen Dorf Naxalbari 1967 hat die Bewegung erheblich an Stärke und Intensität gewonnen. Einem Bericht des indischen Innenministeriums zufolge sind bereits 76 Distrikte in 9 von insgesamt 28 Unionsstaaten betroffen. Allein im Jahr 2005 meldeten Hunderte Polizeistationen in Andhra Pradesh, Bihar, Chhattisgarh, Jharkhand, Orissa, Maharashtra, Madhya Pradesh, Uttar Pradesh und Westbengalen Fälle maoistischer Gewalt.

Doch diese Zahlen sind nicht mehr als vorsichtige Schätzungen. Fakt ist, dass Naxaliten bereits in mehr als 160 Distrikten aktiv sind – von nördlichen Uttaranchal im Himalaja bis in den Süden Tamil Nadus, von Maharashtra im Westen bis nach Westbengalen im Osten des Landes. Teile der von Adivasi bewohnten Regionen wurden bereits zu "befreiten Zonen" erklärt. Zu den größten gehören die "Befreiten Gebiete von Dandakaranya" (Dandakaranya Liberated Zones) in Andhra Pradesh, Orissa, Maharashtra und dem südlichen Chhattisgarh, wo der Staat und seine Organe kaum noch Einfluss haben.

Inzwischen hat auch die indische Regierung das Ausmaß des Problems erkannt. Während einer Rede vor den Ministerpräsidenten der von maoistischer Gewalt betroffenen Unionsstaaten bezeichnete Premier Manmohan Singh im April 2006 den Naxalismus als "größte Herausforderung für die innere Sicherheit unseres Landes".

In den vergangenen Jahren wurden im Zuge des Konflikts massive Menschenrechtsverletzungen begangen – sowohl von Aufständischen als auch von staatlichen Sicherheitskräften. Zwischen Januar und September 2006 starben nach Schätzungen des Asiatischen Zentrums für Menschenrechte (Asian Centre for Human Rights, ACHR) mindestens 625 Menschen in neun Unionsstaaten, darunter 109 Angehörige von Polizei und Paramilitär, 265 mutmaßliche Naxaliten sowie 251 Zivilisten. Rund die Hälfte der Todesopfer ist in Chhattisgarh (316) zu beklagen, gefolgt von Andhra Pradesh (105), Jharkhand (72), Maharashtra (46), Bihar (45), Orissa (20), Westbengalen (19) sowie Madhya Pradesh and Uttar Pradesh (jeweils 1 Toter).

Vor allem in Chhattisgarh ist seit Juni 2005 ein massiver Anstieg von Menschenverletzungen zu beobachten. Grund dafür ist die so genannte Salwa-Judum-Kampagne, die auf Initiative des Regionalpolitikers Mahendra Karma (Kongresspartei) ins Leben gerufen wurde. Auch die Zentralregierung unterstützt Salwa Judum, was aus dem lokalen Gondi-Dialekt übersetzt "Friedensmission" bedeutet. Ziel ist es, durch die Bewaffnung von Zivilisten die Sicherheitskräfte zu entlasten und ein militärisches Gegengewicht zu den Naxaliten aufzubauen. Doch damit ist es fast unmöglich geworden, zwischen "Kämpfern" und "Unbeteiligten" zu unterscheiden.


18. Januar 2007

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