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Dossier Geschichte und Erinnerung

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West
Leo, Annette
Inhalt
Einleitung
Das Erlebnis eines Bruchs
Freiheit versus Sicherheit
Die Ursachen des Scheiterns
Geteilte Erinnerung an den Nationalsozialismus
Verkoppelung der Vergangenheiten
Wie weiter?
Einleitung

Über die fortbestehende "Mauer in den Köpfen" wird periodisch immer wieder öffentlich geklagt. Während der zahlreichen Veranstaltungen anlässlich des 50. Jahrestages des 17. Juni 1953 gerieten die unterschiedlichen Erfahrungen und auch der sehr unterschiedliche Umgang mit diesem Ereignis in Ost und West so deutlich wie selten in den Blick. Eine intensive Beschäftigung mit den Erinnerungsmustern der ehemaligen DDR-Bürger und der Alt-Bundesbürger würde einen Schlüssel für viele gegenwärtige Verständigungsprobleme liefern.


Gibt es noch eine Mauer in den Köpfen? Foto: AP
Vor allem an der Beurteilung und Deutung der DDR-Geschichte entzünden sich immer wieder Kontroversen. Im Sommer war das anlässlich der Präsentation einer DDR-Kunstschau in der Neuen Nationalgalerie in Berlin aufs Neue zu erleben. Aber auch die Zeit des Nationalsozialismus, die schließlich ein zentrales Stück gemeinsamer deutscher Vergangenheit darstellt, wird durchaus nicht gemeinsam erinnert.

Dieser Text fußt auf Ergebnissen verschiedener Recherchen und Interviewprojekte.[1] An zwei von ihnen war die Autorin beteiligt. Eine Schnittstelle dieser Studien bilden die Erfahrungen der Befragten in der DDR und ihre Erfahrungen mit den Erinnerungen an die DDR nach der historischen Zäsur von 1990. Welche Spuren finden sich im heutigen Bewusstsein? Eine weitere Schnittstelle ist der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der sich vor allem in den neuen Ländern verändert hat, seitdem es die DDR und ihre prägende Geschichtspolitik nicht mehr gibt.

Zur Person
Annette Leo
Dr. phil., Historikerin, geb. 1948; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.
Anschrift: Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin.
E-Mail: leo@zfa.kgw.tu-berlin.de

Veröffentlichungen u.a.: (Hrsg. zus. mit Peter Reif-Spirek) Helden, Täter und Verräter. Studien zum DDR-Antifaschismus, Berlin 1999; (zus. mit Bernd Faulenbach und Klaus Weberskirch) Zweierlei Geschichte. Lebensgeschichte und Geschichtsbewusstsein bei Arbeitnehmern in Ost und West, Essen 2000; (Hrsg. zus. mit Peter Reif-Spirek) Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus, Berlin 2000.


Geschichtsbewusstsein wird hier verstanden als Gesamtheit der Formen und Inhalte des Denkens, mit denen sich eine Gruppe von Menschen in die Zeit einordnet, mit der Vergangenheit in Beziehung setzt und sich in der Gegenwart im Hinblick auf die Zukunft orientiert. Der Historiker Jörn Rüsen hat Geschichtsbewusstsein als "Inbegriff der mentalen Operationen" definiert, "mit denen Menschen ihre Erfahrungen vom zeitlichen Wandel in ihrer Welt und ihrer selbst so deuten, dass sie ihre Lebenspraxis in der Zeit absichtsvoll orientieren können"[2]. Ein so verstandenes Geschichtsbewusstsein ist also weit mehr als Wissen von der Geschichte, mehr auch als die Summe individueller, vergangener Erfahrungen. Der Bezugspunkt, von dem aus Geschichte betrachtet und das eigene Selbstverständnis definiert wird, ist stets die Gegenwart. Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein nehmen ebenso die individuellen Erfahrungen wie das sich wandelnde kollektive Selbstverständnis einer Gruppe, Nation oder Generation.

Der ostdeutsche Staat entwickelte ein propagandistisch und ideologisch stark aufgeblähtes, offizielles Selbstverständnis, mit dem sich möglichst alle Bürger identifizieren sollten. Seit 1990 hat sich die Sicht auf die DDR-Vergangenheit sehr gewandelt. Einerseits verfügt die bundesdeutsche Gesellschaft insgesamt über sehr viel mehr präzises Wissen über Machtstrukturen und -mechanismen, über Repression und Überwachung, andererseits gibt es im Osten Tendenzen von Nostalgie, partieller Verklärung und natürlich von Verteidigung des eigenen gelebten Lebens. Das ist alles historisch noch sehr nah und sehr fragmentiert.

Über die Geschichte der DDR existiert kein kollektives Selbstverständnis in der neuen Bundesrepublik. Es gibt keinen Konsens über ihre Beurteilung, über ihre Einordnung in den deutschen und europäischen Kontext. Das macht auch die Schwierigkeit von Erinnerungsarbeit aus. Der Dissens über zentrale Fragen - etwa, ob die DDR von Anfang an und in jeder Phase ein von außen aufgezwungenes, zum Scheitern verurteiltes System war; ob sie vor allem von ihrer diktatorischen Seite definiert werden kann; welche Rolle dabei die Alltagserfahrungen der Individuen spielen, die in ihrer Mehrheit weder Täter noch Opfer von Repression waren; ob die Zweistaatlichkeit nur eine Episode in der Geschichte war oder ein wichtiger Zeitabschnitt - teilt keineswegs nur die Ost- und Westdeutschen, sondern verläuft, je nach politischer Verortung und Vorerfahrungen, quer durch diese Gruppen. Aber am deutlichsten spaltet er die Gesellschaft in ehemalige Ost- und Westdeutsche, weil es um unterschiedliche Lebenserfahrungen geht: um die Auf- oder Abwertung gelebten Lebens.

07. Oktober 2008

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