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1968 international
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"The Whole World is Watching" |
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Internationale Solidarität und Synergien 1968 |
| Manuel Gogos |
Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen
und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen
Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der
Medien, des 'Archivmaterials' – einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar
geworden ist. Mein Gedächtnis, dieser chaotische, delirierende Regisseur, liefert
einen absurden Film ab, dessen Sequenzen nicht zueinander passen. Vieles ist mit
wackelnder Handkamera aufgenommen. Die meisten Akteure erkenne ich nicht
wieder. Je länger ich mir das Material ansehe, desto weniger begreife ich. Es war
nicht möglich, das alles gleichzeitig zu verstehen. Hans Magnus Enzensberger Immer häufiger wird die Revolte von 1968 als Meilenstein in die Vorgeschichte der Globalisierung
eingetragen. "Der Versuch, ihre Konturen zu zeichnen, [muss darum] über nationale Fallstudien
hinausgeführt werden", wie Ingrid Gilcher-Holtey programmatisch erklärte. Die emphatischen
Internationalisten unter den Revolutionären von 1968 operierten nach ihrer eigenen Wahrnehmung
in einer globalen 'Arena', mit ihnen bewegte sich die Revolte insgesamt in einen transnationalen
Raum hinein. Eine Art "megautopische Stimmung" grassierte, Teil eines weltweiten Ganzen, einersozialistisch inspirierten Weltfriedensbewegung zu sein. Dies 'Schwärmen' ist im Nachhinein zu
einer Art magic moment weltweiter Zusammengehörigkeit und Solidarität verklärt worden: "Gleichzeitigkeit
bedeutete, dass es eine Vielzahl von Protestformen gab, die zu einem neuen, internationalen
Lebensgefühl zusammenwuchsen."
Zu den wichtigsten Austragungsorten dieser vermeintlichen 'Weltrevolution' zählten, laut Wolfgang
Kraushaar: "Der Pariser Mai, dessen Euphorie wie ein romantisches Traumgebilde ebenso rasch
wieder in sich zusammenfiel, wie es sich herausgebildet hatte, der Prager Frühling, der in seiner
Bedeutung erst richtig erkannt worden ist, als er von den sowjetischen Panzern bereits niedergewalzt
wurde, der Aufstand der Schwarzen in den USA, deren nach Waffen rufende Protagonisten
sich vor allem nach der Ermordung Martin Luther Kings bestätigt fühlten, die Proteste der mexikanischen
Studenten gegen die korrupte Staatspartei, die im Oktober kurz vor der Eröffnung der
Olympischen Spiele auf so brutale Weise erstickt wurde, aber auch der Internationale Vietnam-
Kongress in Berlin." Alles geschah, alle handelten in atemloser Gleichzeitigkeit. Ganz anders als
die damaligen Akteure vermag der heutige Beobachter der Szene aus dem historischen Abstand
eine Art archimedischen Punkt einzunehmen – ähnlich dem der Astronauten um Neil Armstrong,
die, wiederum in einer Überlappung der Ereignisse und Gedächtnisse, mit ihrer Mondlandung
1969 erstmals die Welt als Ganzes in den Blick bekamen: "Die zahlreichen Demonstrationen in
Amsterdam, Ankara, Athen, Belgrad, Berkeley, Brüssel, Chicago, Dakar, Istanbul, Kopenhagen,
Lissabon, London, Madrid, Mailand, Manila, New York, Rio, Rom, Sydney, Tokio, Venedig,
Warschau, Washington, Zürich – das alles hat aus der Welt jenes 'global village' gemacht, von dem
der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan schon damals gesprochen hat."
Der damalige amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson argwöhnte angesichts der weltweiten
Proteste, das
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Abbie Hoffman war Mitinitiator von Demonstrationen in Chicago – und kam damit weltweit in die Medien. 1968 stand er wegen "Aufrufs zur Demonstration" vor Gericht. Foto: AP
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Aufbegehren könne von zentraler feindlicher Stelle gesteuert sein. Er beauftragte die
CIA damit, die Organisation und Finanzierung der Proteste aus dem Ausland aufzuklären. Doch sein
Geheimdienst konnte ihm nicht helfen: Die Proteste seien hausgemacht. Die Kumulationen des Jahres
1968 sind sicher nicht Ausdruck einer zentral gesteuerten kommunistischen Weltverschwörung,
vielmehr konvergierten hier ganz unterschiedliche soziokulturelle Prozesse. Zwar gab es sporadische
Versuche, die Ereignisse bewusst zu synchronisieren: So demonstrierten die amerikanischen
Studenten immer am 15. jedes Monats, dieser jour fixe wurde dann von Studierenden bis nach
Kairo übernommen. Aber trotz solcher Indizien einer Kooperation und Koordination halten ehemalige
Akteure wie der einstige Vorsitzende des deutschen SDS und bekennende Internationalist
KD Wolff ebenso wie die Autoren Wolfgang Kraushaar oder der amerikanische Historiker Mark
Kurlansky die Synchronizität der Ereignisse für eher zufällig: "Die Rebellion war weder geplant
noch organisiert. Sie wurden mittels hastig einberufener Zusammenkünfte gesteuert; einige der
wichtigsten Entscheidungen fielen aus der Laune des Augenblicks heraus." Abbie Hoffman, als
Mitinitiator der Demonstrationen von Chicago im August 1968 vor Gericht gestellt, gab über seine
angeblich konspirative 'Gruppe' zu Protokoll: "Wir hätten uns nicht mal aufs Mittagessen einigen
können." Noch stärker variierten die widerständischen Motive entsprechend verschiedenen nationalen
Bezugsrahmen. So lässt sich die Bewegung in Deutschland im komparativen Blickwinkel
sicherlich am stärksten durch die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der eigenen 'Väter'
charakterisieren. Diese Vorgeschichte der Täter- und Trümmerkinder aber spielt wiederum permanent
in ihr europa- und weltweites antifaschistisches Engagement hinein. "Jede Nation ist von
ihrer eigenen Geschichte beeinflusst. […] Für die Linke in Frankreich und Großbritannien waren
die Amerikaner Kolonialisten, für die Deutschen Nazis." Es ist darum kein Zufall, dass ausgerechnet
der antidiktatorische Protest während des Schah-Besuchs in Berlin am 2. Juni 1967 mit dem
Mord an Benno Ohnesorg der Bewegung ihren ersten Märtyrer bescherte.
David gegen Goliath
Einer der Fluchtpunkte des international synchronisierten Aufbegehrens lag in der Herausforderung
der 'Hegemonialmacht' USA. Che Guevara hat in seiner berühmten "Botschaft an die Völker der
Welt" die USA zur Zielscheibe eines militanten Internationalismus gemacht: "Unsere ganze Aktion
ist eine Kriegsansage gegen den Imperialismus und ein Ruf nach der Einheit der Völker gegen den
großen Feind des Menschengeschlechts: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Schaffen wir
zwei, drei, viele Vietnam." Es ist der 'schmutzige' Krieg, den die US-amerikanischen Truppen
in Vietnam führen, der dem Jahr 1968 vielleicht am nachhaltigsten seinen Stempel aufgedrückt
hat. Die massenmedial vermittelten Bilder des Vietnamkriegs – mit Kennedy beginnend, unter
Johnson eskalierend –, die Verwicklung der Amerikaner in einen unmoralischen Kampf machte
das amerikanische Establishment in den Augen der eigenen Jugend verdächtig. Zugleich stammten
viele der wichtigsten Protest- und Widerstandsformen aus der 'Höhle des Löwen': Die counterculture
eignete sich die wichtigsten Strategien des zivilen Ungehorsams von der amerikanischen
Bürgerrechtsbewegung an. Für Martin Luther King stand immer das Prinzip der Gewaltlosigkeit
im Mittelpunkt. Dabei berief er sich gern auf die anarchischen Traditionen des amerikanischen
Transzendentalisten Thoreau, der sich wiederum vom zivilen Ungehorsam Mahatma Gandhis hatte
inspirieren lassen.
Anders die Black Panther Bewegung, die sich ab 1966 unter der Ägide
des New Yorker Aktivisten Stokely Carmichael
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1968 gehen Polizisten in Chicago mit Knüppeln gegen Anti-Vietnamkriegs- demonstranten vor. Diese Szenen wurden per Satellit weltweit ausgestrahlt und steigerten den Protest zur internationalen Bewegung. Foto: AP
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formierte und nach der Ermordung Kings am 4.
April 1968 radikalisierte. Zu den dadurch ausgelösten sozialen Unruhen gab der Jazz-Musiker und
Beat-Poet LeRoi Jones die Parole aus: "An die Wand mit euch Scheißkerlen – das ist ein
Überfall!" Für Jones oder andere Aktivisten der Black Panther wie Huey Newton, der mit seinen
militanten Selbstinszenierungen als Dschungelkämpfer die amerikanische Mittelschicht in Angst
und Schrecken versetzte, galt nicht länger das Proletariat als das 'revolutionäre Subjekt' – vielmehr
sollten nun die Farbigen in den Ghettos die bestehende Ordnung zum Einsturz bringen.
Einen der dramatischen Höhepunkte der 'revolutionären' Ereignisse in den USA stellte der Chicagoer
Konvent der Demokratischen Partei im August 1968 dar. In den gewalttätigen Straßenkampfszenen
mit der Polizei von Chicago wurden Beatniks wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs mit
Yippies und Black Panther zu einer Bewegung zusammengeschweißt. Die Chicagoer Szenen brutaler
Polizeigewalt wurden über Satelliten in die ganze Welt ausgestrahlt. Damit geschah genau
das, was sich die Initiatoren erhofft hatten: The Whole World is Watching.
Mark Kurlansky nennt
die Ereignisse darum sardonisch einen jener Momente der "Fernsehmagie" des Jahres 1968. Tom
Hayden, einer der Führer der amerikanischen Protestbewegung und Hauptinitiator der Demonstrationen,
erinnert sich: "Als wir nach Chicago kamen, gab es in unserem Vokabular den Ausdruck
'Pig' noch nicht, wir kannten noch nicht den Slogan 'Die Straße gehört dem Volk'. Aber in der
Situation, die die Polizei schuf, bekamen diese Worte Bedeutung. Chicago veränderte die Linke,
veränderte die Medien, änderte die, die dabei waren, und die, die zuschauten. Der Chicagoer
Parteitag symbolisierte die endgültige Niederlage liberaler Politik, den kalten Krieg im eigenen
Lande." Die Militärjeeps im Grand Park erinnerten die Demonstrierenden an die noch ganz
frischen Bilder russischer Panzer in den Straßen von Prag, sie nannten ihre Stadt darum in einer
Übersprungshandlung 'Czechago'.
Als in der so genannten Tet-Offensive die Vietcong-Truppen einen Vorstoß auf die US-Botschaft in Saigon machten und damit den Wendepunkt des Kriegsgeschehens markierten, schlug zugleich in der breiten amerikanischen Bevölkerung und in der Welt die Stimmung vollends gegen den 'imperialistischen' Krieg der Supermacht um. Unter dem weltweiten Druck kündigte Johnson an, kein weiteres Mal für das Präsidentenamt zu kandidieren. Woodstock Nation, das 'andere' Amerika der Subkultur, wie es so unnachahmlich in Jimi Hendrix' legendärem Gitarren-Solo in Woodstock zum Ausdruck gekommen war, dieses "wahre" Amerika (KD Wolff) hatte einen seiner wichtigsten Siege errungen.
06. Juni 2008 |
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Jugendrevolte und globaler Protest 1968
1968 steht für ein rebellisches Jahrzehnt. Norbert Frei stellt die deutsche Studentenbewegung in einen internationalen Zusammenhang, aus dem heraus vieles überhaupt erst zu verstehen ist. |
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