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Grundlagen

Was ist kulturelle Bildung?


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Karl Ermert
Politische Einordnung

Kulturelle Bildung (andere Bezeichnungen sind musische bzw. musisch kulturelle oder auch ästhetische bzw. ästhetisch kulturelle Bildung) bezeichnet den Lern- und Auseinandersetzungsprozess des Menschen mit sich, seiner Umwelt und der Gesellschaft im Medium der Künste und ihrer Hervorbringungen. Im Ergebnis bedeutet kulturelle Bildung die Fähigkeit zur erfolgreichen Teilhabe an kulturbezogener Kommunikation mit positiven Folgen für die gesellschaftliche Teilhabe insgesamt.

Kulturelle Bildung ist integrales, notwendiges Element von Allgemeinbildung. Bildung und Kultur sind zwei Seiten einer Sache: Bildung ist die subjektive Seite von Kultur, Kultur die objektive Seite von Bildung (vgl. Fuchs 2005). Zwischen engerem und weiterem Begriff von Kultur und kultureller Bildung sind die Übergänge fließend.

Bildung als Prozess hat, zusammengefasst, drei Funktionen: Vorbereitung auf die Berufstätigkeit, Ermöglichung politischer und gesellschaftlicher Teilhabe sowie Persönlichkeitsbildung. Diese Funktionen sind in ihren Einflusschancen ungleich verteilt. Das Hauptgewicht liegt in der bürgerlichen Wirtschaftsgesellschaft auf der beruflichen, also letztlich ökonomischen Verwertbarkeit von Bildungsinhalten. Bildungsinhalte, die nicht mit dieser ausdrücklichen Zielrichtung vermittelt oder in den dafür explizit vorgesehenen Kontexten erworben werden, haben es schwer, abzulesen z. B. an der Randständigkeit der Schulfächer Kunst, Musik und Darstellendes Spiel.

Dem steht gegenüber eine seit Jahren andauernde Hochkonjunktur der Wertschätzung kultureller Bildung – jedenfalls in offiziellen politischen Deklarationen, so z.B. im Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages. Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien hat 2009 einen hoch dotierten Preis für (innovative) kulturelle Bildung eingerichtet, der jährlich verliehen wird. Kulturelle Bildung ist zum Hoffnungsträger der Bildungsbemühungen geworden.

Kreativität ist höchst gefragte Schlüssel­kompetenz mindestens in qualifizierteren Zusammen­hängen der Arbeitswelt. Zugleich ist sie in Pädagogik und Didaktik von Schule über Berufs­bildung bis Weiterbildung nur schwer zu vermitteln. In den Künsten und bei den Kulturschaffenden, d.h. bei Künstlern und Kulturvermittlern, wird Kreativität aber als selbstverständliche Grundkompetenz vorausgesetzt. Auf die Künste, auf Künstler und Kulturvermittler richtet sich vielfach die Hoffnung auch der Allgemein-, Berufs- und Weiterbildner. Durch den Einsatz künstlerischer Mittel und Methoden erhofft man sich Transfer­leistungen von Kreativität, Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit auch in Bildungs­prozessen für alle möglichen Tätigkeitsbereiche. So wird in der politischen Argumentation kulturelle Bildung oft weniger in ihrer Grundbedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung und die gesellschaftliche Teilhabe des kulturell gebildeten, emanzipierten Individuums gewürdigt, als vielmehr für die angenommenen arbeitsmarktgängigen „Soft skills“ und neuerdings auch für Integrationsleistungen in der multi- und interkulturellen Situation in Deutschland, die den politisch Verantwortlichen zu Bewusstsein kommt.

Die ökonomischen Tauglichkeiten ästhetisch kultureller Bildung müssen positiv wahrgenommen werden. Auch künstlerisch kulturelle Bildung produziert Fähigkeiten, die arbeitsmarktrelevant sind. Und natürlich darf mit Selbstbewusstsein auch darauf hingewiesen werden, dass Kultur- und Kreativwirtschaft eine für viele überraschend hohe Wertschöpfung erwirtschaften und dass der Arbeitsmarkt der Kulturberufe im Unterschied zu den meisten anderen Teilarbeitsmärkten in den letzten zehn Jahren eine enorme Expansion erlebte.

"Im Jahr 2008 existierten in der Kultur- und Kreativwirtschaft rund 238.300 Unternehmen und Selbständige. Sie erzielten zusammen ein Umsatzvolumen von insgesamt 132 Milliarden Euro und konnten rund 763.400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Voll- oder Teilzeitarbeitsplatz bieten. Zusammen mit den Selbständigen arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland rund eine Million Erwerbstätige. Insgesamt konnte die Kultur- und Kreativwirtschaft damit im Jahr 2008 schätzungsweise einen Beitrag in Höhe von rund 63 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung leisten" (nach Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (2009), S. 5). Damit liegen Kultur- und Kreativwirtschaft nach der Bruttowertschöpfung hinter der Autoindustrie, aber vor der Chemischen Industrie und der Energiewirtschaft. Eine fast unüberschaubare Zahl von Kulturwirtschaftsberichten auf Länderebene und auch von Kommunen bestätigt die Bedeutung der Kulturwirtschaft immer wieder neu.[1]


23. Juli 2009

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