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Geschichte, Religion und Gesellschaft

Epochen der indischen Geschichte bis 1947


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Von den Hindu-Königreichen über Mogul-Herrschaft und Kolonialzeit zur Republik
Joachim Betz
Anfänge der Nationalbewegung

Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen – besonders die Entmachtung der alten, herrschenden Klasse – , die die Briten in Indien bewirkten, führten 1857 zur Sepoy-Rebellion, dem vor allem von der bäuerlichen Bevölkerung unterstützten Aufstand der indischen Söldner (Sepoy, von sipahi: Soldat) der Ostindiengesellschaft. Der Aufstand wurde in einer Serie von militärischen Aktionen blutig niedergeschlagen.

Die Rebellion brachte das formale Ende des Mogulreiches und den Beginn der direkten englischen Herrschaft über Indien. Im Jahre 1877 wurde Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien proklamiert. An die Spitze der indischen Regierung wurde ein Vizekönig gestellt, unterstützt von einem mit sehr begrenzten Funktionen ausgestatteten Exekutiv- und einem Legislativrat, die hauptsächlich aus Mitgliedern ernannter Regierungen bzw. Beratungsorganen bestanden. Britisch-Indien wurde in Provinzen und diese in Distrikte unterteilt und vom Indian Civil Service verwaltet, einem prestigeträchtigen und gut bezahlten Beamtenapparat, der nur allmählich Indern seine Tore öffnete.

Die nicht direkt unter das Kolonialregime fallenden indischen Fürstenstaaten (insgesamt 562, mit einem Flächenanteil von mehr als 50 Prozent an Britisch-Indien) mussten sich völkerrechtlich der Souveränität Großbritanniens unterwerfen, behielten innenpolitisch aber weitgehende Autonomie. Die Sepoy-Rebellion brachte eine dauerhafte Separation der Briten von den Indern, die von ihnen mit sozialer Herablassung behandelt wurden. So hatten Inder keinen Zugang zu bestimmten Berufen (etwa dem Offiziersdienst), und es war nur eine Frage der Zeit, bis deren westlich ausgebildete Elite politische Gleichheit forderte.

Der im Dezember 1885 gegründete Indische Nationalkongress (Indian National Congress, INC), die spätere Kongresspartei, wurde das zentrale Sprachrohr des aufkommenden indischen Nationalismus. Seine Mitglieder bestanden anfangs fast ausschließlich aus Freiberuflern und Unternehmern aus hohen Kasten. Maßvolles Ziel seiner Aktivitäten war zunächst eine stärkere Partizipation der indischen Bevölkerung an der Regierung des Landes. Das geringe Entgegenkommen der britischen Regierung führte aber um die Jahrhundertwende zu einer Radikalisierung der Kongresspartei. Zunächst agitierte sie – durchaus auch zum Nutzen ihrer eigenen Mitglieder – für die Indisierung der höheren Beamtenschaft, die Verringerung der Militärausgaben und für die Gewährung der bürgerlichen Freiheiten. Sie tat dies vor allem auch deswegen, weil der Aufstieg der Kongresspartei von willkürlichen Verhaftungen und Deportationen durch die Briten begleitet war.

Parallel zur politischen Bewusstwerdung der Hindus entwickelte sich langsam ein stärkeres Selbstbewusstsein der Muslim-Elite, gefördert durch Wahlen zu dem oben genannten Exekutiv- und Legislativrat und durch bewusste Unterstützung der Engländer (Gründung muslimischer Bildungseinrichtungen, Einrichtung religiös separierter Wahlkreise) gegen die nationalistische Kongressbewegung. Diese Entwicklung fand ihren Ausdruck in der Gründung der All-India Muslim League (Muslimliga) im Jahr 1906. Die Liga war zunächst ausgesprochen staatstragend und versuchte im Übrigen, die politischen Rechte der muslimischen Bevölkerung in Indien zu schützen.

Die unglückliche Entscheidung des Vizekönigs (1905), die zu groß gewordene und unterschiedlich entwickelte gemischt muslimisch-hinduistische Provinz Bengalen zu teilen, löste eine massive antibritische, teils terroristische Protestwelle aus. Sie bewirkte einen Boykott britischer Waren und eine weitere Radikalisierung der Kongresspartei (in ihrer Forderung nach Selbstregierung). Die britische Regierung erhöhte daraufhin mit einer Verfassungsreform 1909 den Anteil der zu wählenden Mitglieder des Legislativrates und führte separate Wählerschaften für die Muslime ein. Außerdem entsandte sie Inder in den Exekutivrat.

Der Erste Weltkrieg stimulierte revolutionäre wie auch konstitutionelle Aktivitäten in Indien. Bengalen und der Punjab wurden von einer Welle der politischen Gewalt erfasst, die von den Briten brutal niedergeschlagen wurde. Gleichzeitig versuchten der Kongress und die Muslimliga, die erstmals eine gemeinsame, auf weitergehende Verfassungsreformen zielende politische Plattform fanden, Indiens Beitrag zum Krieg in politische Konzessionen umzusetzen.

London reagierte mit deutlichen Zugeständnissen. Mit den Montagu-Chelmsford (Montford)-Reformen (1921) bekam Indien eine neue Verfassung, zehn Prozent der männlichen erwachsenen Bevölkerung erhielten das Wahlrecht. Die Provinzen bekamen erhebliche finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen. Der zentrale Legislativrat erhielt eine in Wahlen bestellte zweite Kammer.

Der Kongress unter der Führung von Mahatma Gandhi wies die Reformen als nicht ausreichend zurück. Gandhi hatte seine ersten politischen Erfahrungen bei der Vertretung der indischen Minderheitsinteressen in Südafrika gewonnen. Nach seiner Rückkehr 1914 gelang es Gandhi, aus dem INC, bis dahin eine jährlich tagende Versammlung der indischen Bildungselite, nach 1920 eine Massenorganisation zu machen. Aus ihr ging schließlich die Kongresspartei hervor.

Gandhi rief zu indienweiten Aktionen des gewaltfreien Widerstands auf. Die politische Mobilisierung setzte sich trotz der Inhaftierung Gandhis fort und erreichte andere Gruppen, wie die Sikhs, die gegenüber der Kolonialregierung die eigene Tempelverwaltung durchsetzten. In Maharashtra entstand eine politische Bewegung der so genannten Unberührbaren unter Bhimrao Ramji Ambedkar, in Südindien mit der Gerechtigkeitspartei eine Gruppierung, die separate Wahlkreise für Hindus aus niedrigen Kasten forderte. Die Wiedergründung der Kommunistischen Partei Indiens (erstmals gegründet 1920 in Taschkent), wichtiger indischer Verbände (Gewerkschaften, Handelskammer, Studentenverband) und hinduistischer Kampforganisationen fällt ebenfalls in diese Zeit.

Im Gefolge einer Kommission, die 1928 die bisher praktizierte Selbstverwaltung überprüfen sollte, in der aber kein einziges indisches Mitglied vertreten war, berief der Kongress eine Allparteienkonferenz ein. Sie sollte eine politische Alternative zum Kommissionsbericht formulieren. Die Kongresspartei forderte volle Unabhängigkeit, die zum 26. Januar 1930 erreicht sein sollte, und Gandhi lancierte eine Massenbewegung zivilen Ungehorsams. Er nahm das britische Salzmonopol als Aufhänger und organisierte einen Marsch der Massen ans Meer zur Salzgewinnung, der mit der Verhaftung von über 100.000 Personen, inklusive des Führungsgremiums der Kongresspartei, endete.

Gandhi wurde bald wieder freigelassen, und in London fanden Verhandlungen zur konstitutionellen Reform statt, die 1935 in einer neuen Verfassung für Britisch-Indien ihren Ausdruck fanden (Government of India Act). Deren Prinzipien waren Föderalismus (bei rechtlicher Autonomie der Provinzen, aber starker Position der Zentrale) und die Reservierung von Parlamentssitzen für Minderheiten. Die Frage vollständiger Unabhängigkeit wurde offen gelassen. Die 1937 abgehaltenen Provinzwahlen brachten in den meisten Provinzen deutliche Mehrheiten für die Kongresspartei. Die Muslimliga konnte nur in einer Provinz die Mehrheit erringen, ihr Angebot der Regierungsbeteiligung wurde von der Kongresspartei zurückgewiesen.

Weg in die Unabhängigkeit

Während des Zweiten Weltkrieges wurde Indien von den Briten als Operationsbasis genutzt. Rund zwei Millionen indische Soldaten kämpften für die Sache der Briten, die sie versorgende Industrie expandierte kräftig. Die Unterbrechung der Reisimporte aus Burma und spekulative Preistreiberei führten zu dramatischen Hungersnöten in Bengalen. Der Krieg brachte daher eine weitere Radikalisierung innerhalb der Kongresspartei. 1940 beschloss sie eine Kampagne des zivilen Ungehorsams, bis eine nationale Regierung etabliert sei und Indien seine Freiheit erhalten habe. Ein halbherziges Entgegenkommen der Briten wurde 1942 mit der Quit-India-Kampagne ("Raus aus Indien"), einer von der Kongresspartei beschlossenen Protestkampagne, beantwortet. Sie wurde jedoch von den Briten niedergeschlagen, und die Kongressführung verblieb für den Rest des Krieges im Gefängnis.

Die Wahlen 1945 brachten in London eine Labour-Regierung ans Ruder. Damit hätte theoretisch die Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit erleichtert werden können, aber die neue Regierung zögerte. In Indien hatte derweil die Agitation der Muslimliga für die Schaffung eines muslimischen Separatstaates ("Pakistan") erheblich an Boden gewonnen. Eine 1946 nach Indien entsandte britische Kabinettsmission sollte muslimische Befürchtungen gegenüber dem Einheitsstaat durch den Vorschlag weitgehender Provinzautonomie zerstreuen. Kongresspartei und Muslimliga akzeptierten zwar diesen Vorschlag, konnten sich aber nicht auf die Verteilung der Kabinettssitze in einer Interimsregierung einigen. Gegenseitige Vorwürfe und erste größere religiös motivierte Konflikte waren die Folge.

Langsam wuchs bei allen Beteiligten die Erkenntnis, dass die Teilung unvermeidlich sei, gefördert durch den Wunsch der Briten nach möglichst schnellem Rückzug aus Indien. Im Juni 1947 kündigte der britische Vizekönig, Lord Mountbatten, seinen Unabhängigkeits- und Teilungsplan an: Zum 14./15. August sollten Pakistan und Indien unabhängig werden und je eine eigene Verfassung entwerfen. Die Fürstenstaaten, darunter auch Kaschmir, sollten sich für die jeweilige Zugehörigkeit entscheiden. Für den Punjab und Bengalen sollten Grenzkommissionen eingesetzt werden. Genau so geschah es. Gandhi und sein engster Vertrauter Jawaharlal Nehru waren gegen die Teilung, akzeptierten sie dann aber, um weitere Konflikte zu vermeiden.

Für Indien und Pakistan war die Teilung ein Desaster; wenige Tage danach wurden die jeweiligen Minderheiten (vor allem im Punjab) Opfer gewalttätiger Gruppen. Es gab circa eine Million Tote. Bis zu zwölf Millionen Menschen wurden auf beiden Seiten in die Flucht getrieben. Zudem konnte die Teilung das Problem der Religionskonflikte nicht lösen, da nur zwei Drittel der Muslime in Pakistan lebten, ein Drittel jedoch in Indien verblieb. Gandhi, der sich für eine faire Behandlung Pakistans bei der Teilung der kolonialen Erbmasse eingesetzt hatte, wurde am 30. Januar 1948 von einem Hindu-Fanatiker erschossen. Der Mörder, ein Brahmane, gab bei seiner Vernehmung an, er habe Gandhi getötet, weil er der muslimischen Minderheit in Indien die gleichen Rechte wie den Hindus zugebilligt habe.

Indien wurde allerdings nicht nur mit Problemen in die Unabhängigkeit entlassen: Anders als viele Entwicklungsländer konnte es einen effizienten Beamtenapparat übernehmen, eine professionelle Armee, eine unabhängige Justiz und nicht zuletzt ein repräsentatives Regierungssystem, innerhalb dessen indische Politiker langjährige Erfahrungen hatten sammeln können.

Die noch nach der alten Verfassung gewählte Konstituierende Versammlung entwarf nach der Unabhängigkeit die Verfassung der Indischen Republik (Inkrafttreten: 1950), die einen föderalen Staat mit starken zentralistischen Elementen schuf. Der erste Premierminister des unabhängigen Indien, Jawaharlal Nehru, glaubte fest an die Demokratie als beste und einzig mögliche Regierungsform, um Indien zusammenzuhalten und den erwünschten sozialen Fortschritt zu erzielen.

Dieser Beitrag erschien in einer längeren Fassung erstmals in der Schwerpunkt-Ausgabe "Indien" der Reihe Informationen zur politischen Bildung (Heft 257, 1997).


18. Januar 2007

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