"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Der militärische Widerstand


11.4.2005
Das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ist heute der wohl bekannteste Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus dem Militär. Mit einer Bombe hofften Claus Graf Stauffenberg und andere den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Der Umsturzversuch endete noch in derselben Nacht mit ihrer Hinrichtung.

Kränze für die Opfer der Hitlerdiktatur an der Gedenkstätte Plötzensee: Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee 2891 Todesstrafen vollstreckt, so auch die der Beteiligten am Umsturzversuch 20. Juli 1944.Kränze für die Opfer der Hitlerdiktatur an der Gedenkstätte Plötzensee: Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee 2891 Todesstrafen vollstreckt, so auch die der Beteiligten am Umsturzversuch 20. Juli 1944. (© AP)

Einleitung



Die Reichswehr hatte die Machtübernahme Hitlers mehrheitlich begrüßt. Die Militärs hofften auf die Überwindung der Hemmnisse des Versailler Vertrags, auf Wiedereinführung der Wehrpflicht und bessere Karrierechancen durch die Vergrößerung der Streitkräfte. Viele begrüßten die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und standen der angekündigten autoritären Staatsordnung überwiegend erwartungsvoll gegenüber. Die Militärs hatten nichts dagegen, daß die Hitlerregierung die politische Linke ausschaltete, verfolgte und die NSDAP ein Einparteien-Regime errichtete. Die Reichswehr unterstützte die Mordaktion des 30. Juni 1934 ("Röhmputsch"), bei der die Spitze der SA liquidiert wurde, weil damit eine gefährliche und zugleich verachtete Konkurrenz ausgeschaltet wurde. Im August 1934 gab es auch keine Einwände seitens der militärischen Führung dagegen, daß Hitler nach dem Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg die Ämter des Reichskanzlers und des Staatsoberhaupts vereinigte und damit auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte wurde. Reichswehrminister von Blomberg führte sogar eine neue Eidesformel ein, mit der die Soldaten Hitler persönlich Treue gelobten.

Empörung über die Morde des 30. Juni 1934, denen auch zwei ehemalige Generale (unter ihnen Kurt von Schleicher, Hitlers Vorgänger als Reichskanzler) zum Opfer fielen, war Sache weniger Offiziere. Zu ihnen gehörte der damalige Major Hans Oster von der Abwehrabteilung des Reichswehrministeriums. Er und einige Gleichgesinnte mißbilligten die Zerstörung des Rechtsstaates und verabscheuten die Methoden des NS-Regimes, dessen Antisemitismus und Kirchenfeindschaft.

Aber Opposition im Militär regte sich erst um die Jahreswende 1937/38, als manche Offiziere die Gefahren der aggressiven Außenpolitik Hitlers zu erkennen begannen. Zu ihnen gehörte auch der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, der Hitlers Annexionsabsichten gegen die Tschechoslowakei und Österreich kritisch gegenüberstand. Eine Intrige, die von der SS angezettelt war, um ihn und andere konservative Generale loszuwerden, drängte ihn Anfang 1938 aus dem Amt. Diese Intrige, die auch Kriegsminister von Blomberg zu Fall brachte, machte es Hitler möglich, die Spitze der militärischen Organisation so umzubauen, daß er nicht nur formell, sondern auch tatsächlich Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde. Die Armee war nunmehr praktisch gleichgeschaltet und nicht mehr in der Lage, Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß zu nehmen.

Hitler hatte im November 1937 den Wehrmachtsspitzen mitgeteilt, daß er Österreich und die Tschechoslowakei annektieren wolle, als erste Etappen zur Erweiterung des deutschen "Lebensraumes" durch Krieg. Der Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, versuchte, sich dieser Entwicklung entgegenzustemmen. Nach der Annexion Österreichs im März 1938 hoffte Beck, erst mit Denkschriften den Gang der Dinge zu beeinflussen und suchte dann vergeblich die Generale zur Gehorsamsverweigerung zu bewegen. Im August 1938 trat er zurück.

Ähnlich wie Beck dachten andere hochrangige Offiziere, etwa der Leiter der militärischen Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, und dessen Stabschef Oster sowie Becks Nachfolger Franz Halder. Auch der Kommandierende General des III. Armeekorps, Erwin von Witzleben, gehörte zu den Militärs, die Überlegungen anstellten, wie man Hitler an der Fortsetzung seiner aggressiven Politik hindern könnte. Zwei Strömungen standen bei den zum Staatsstreich bereiten Offizieren einander gegenüber. Die eine, vertreten durch die Männer der Abwehr, zielte dahin, Hitler festzunehmen und zu töten; die andere beabsichtigte lediglich, den "Führer" zu zwingen, seine Kriegspläne aufzugeben. Zu letzteren gehörten der Generalstabschef des Heeres Halder und der Oberbefehlshaber Walther von Brauchitsch.

Der verschobene Putsch



Als Hitler im September 1938 die Tschechoslowakei durch Kriegsandrohung zur Abtretung des Sudetengebietes zu zwingen suchte, war der Kreis um Oberstleutnant Hans Oster zu einer gewaltsamen Aktion gegen die Reichskanzlei entschlossen. Hitler sollte getötet werden, um den Frieden zu retten. Absicht der oppositionellen Offiziere um Beck und den Goerdeler-Kreis war es hingegen, unmittelbar nach der Kriegserklärung, mit der Hitler die Zerstörung der Tschechoslowakei beginnen würde, ihn durch einen Staatsstreich zu stürzen. Diese Absicht war auch in London bekannt. Goerdeler hatte über einen Mittelsmann das Foreign Office ins Bild gesetzt. Der Gutsbesitzer Ewald von Kleist-Schmenzin war im August 1938 auf Wunsch Osters und mit Billigung Becks nach London gereist, wo er die Pläne sogar Winston Churchill vortragen konnte. Mit dem "Münchener Abkommen", das mit britischer und französischer Billigung zustande kam, in dem am 29./30. September 1938 Prag der Annexion der Sudetengebiete durch das Deutsche Reich zustimmen mußte, entfielen die Voraussetzungen für den geplanten Putsch.

Die Militäropposition resignierte für längere Zeit und blieb auch nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 passiv. Skeptisch beurteilten die Führer der Wehrmacht den Ausgang des Krieges gegen Frankreich und Großbritannien, weil die Wehrmacht noch nicht hinlänglich gerüstet und ausgebildet sei. Die Mißachtung der Neutralität Belgiens, Hollands und Luxemburgs mißbilligten viele. Die Nachrichten von dem Schreckensregiment in Polen taten ein übriges, um das Offizierskorps an der Westfront gegen Hitler einzunehmen. Alle Vorbereitungen zu einem Staatsstreich wurden jedoch Anfang November 1939 von General Halder abgebrochen, weil er glaubte, Hitler sei über diese Aktivitäten informiert. Oster, einem der engagiertesten Regimegegner, blieb nichts anderes übrig als der Versuch, Holland, Dänemark und Norwegen vor dem deutschen Überfall zu warnen.

Mit dem "Blitzkrieg" gegen Frankreich und der Besetzung großer Teile Westeuropas 1940 wuchs das Ansehen Hitlers noch einmal. Die Begeisterung erfaßte Soldaten und Zivilisten in gleicher Weise. Zustimmung fand auch noch der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 und hielt mindestens bis zur Niederlage in Stalingrad Anfang 1943 an. Die Mehrheit der Deutschen ließ sich von Hitlers Erfolgen blenden und glaubte allzulange daran, für eine gute Sache, für ein größeres und besseres Deutschland und gegen den Bolschewismus zu kämpfen. Viele hohe Militärs sahen, wie von Goebbels propagiert, den Überfall auf die Sowjetunion als berechtigten und notwendigen "Kreuzzug" gegen den Bolschewismus.

Kontakte zu zivilen Kreisen



Eine vom Künstler Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hingerichtet wurde, an der St. Petri-Kirche in Hamburg.Eine vom Künstler Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer an der St. Petri-Kirche in Hamburg. Bonhoeffer, der an dem Attentat gegen Adolf Hitler am 20.Juli 1944 beteiligt war, ist am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden. (© AP)
Die Männer der Militäropposition hielten Distanz zum NS-Regime. Ludwig Beck stand schon vor seinem Rücktritt in Kontakt mit Goerdeler. Offiziere wie die Generale Halder, von Witzleben oder Georg Thomas hatten ebenfalls Verbindung zum zivilen Widerstandskreis um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister aufgenommen. Die engagiertesten Hitlergegner im militärischen Bereich waren immer noch die Männer im "Amt Ausland/Abwehr" des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) unter Admiral Canaris. Bis April 1943 war die Dienststelle ein Zentrum des Widerstandes mit engen Kontakten zum Kreisauer Kreis. Versuche, im Ausland für einen Frieden zu wirken (u. a. durch Kontakte zum Vatikan) und die Westoffensive im Frühjahr zum Scheitern zu bringen, blieben erfolglos. 1943 wurde nach der Verhaftung einiger Mitarbeiter (Dohnanyi, Bonhoeffer) und der Kaltstellung Osters das "Amt Abwehr" als Ort des Widerstandes lahmgelegt. Im Februar 1944 wurde auch Canaris abgelöst, etwas später unter Hausarrest gestellt, dann ins KZ eingeliefert und im April 1945 hingerichtet.

In drei wichtigen militärischen Dienststellen entstanden ab Ende 1941 oppositionelle Gruppen, die auch Verbindung untereinander aufnahmen: Im "Allgemeinen Heeresamt beim Befehlshaber des Ersatzheeres", geleitet von General Friedrich Olbricht, beim Militärbefehlshaber in Frankreich (General Carl-Heinrich von Stülpnagel) und an der Ostfront in der Heeresgruppe Mitte, dessen Erster Generalstabsoffizier Henning von Tresckow Mittelpunkt einer Gruppe von Regimegegnern war. Die Greuel der deutschen Besatzungspolitik im Osten und der Massenmord an den Juden durch die Einsatzgruppen der SS und ab Ende 1941 in den Vernichtungslagern blieben den Soldaten der Wehrmacht nicht verborgen. Offiziere, die Rechtsempfinden und Moral über soldatisch-militärische Pflichterfüllung stellten, waren in der Minderheit; aber es gab sie, wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der nach schwerer Verwundung in Afrika 1944 Chef des Stabes beim Oberbefehlshaber des Ersatzheeres in Berlin wurde. Graf Stauffenberg drängte seit Frühjahr 1942 auf einen Staatsstreich, um Hitler auszuschalten und die Verbrechen des Regimes zu beenden.

Quellentext

Claus Graf Stauffenberg

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) stammte aus einer traditionsbewußten katholischen schwäbischen Adelsfamilie. Er besuchte wie seine Brüder, die Zwillinge Berthold und Alexander, ein humanistisches Gymnasium in Stuttgart und schlug anschließend die Laufbahn eines Berufsoffiziers ein. Bereits auf der Kriegsakademie lernte er Albrecht Ritter Merz von Quirnheim, einen späteren Mitverschwörer gegen Hitler, kennen. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten erlebte von Stauffenberg als Kavallerieleutnant in Bamberg.

Stauffenberg war zunächst kein ausgesprochener Gegner des neuen Regimes. Er bejahte sogar einige der Grundideen des Nationalsozialismus wie den Gedanken des Führertums, die Volksgemeinschaft oder die Betonung des grundverwurzelten Bauerntums. Doch bald gehörte er zu den Kritikern Hitlers. Dem aktiven Widerstand schloß er sich erst im September 1942 an. Er stand unter dem Eindruck der Massenmorde an Juden, von denen er spätestens im Sommer dieses Jahres erfuhr, der hohen Verluste der Wehrmacht in Rußland und der brutalen Behandlung der Zivilbevölkerung im Osten.

Im Mai 1940 bis Anfang 1943 diente Stauffenberg dem Generalstab des Heeres. 1943 (Februar bis April) wieder an der Front, wurde er in Afrika schwer verwundet. Er verlor dabei die rechte und einen Teil der linken Hand und das linke Auge. Nach monatelangem Lazarettaufenthalt übernahm er am 1. Oktober 1943 die Position eines Chefs des Stabes im allgemeinen Heeresamt des Oberkommandos des Heeres unter General Olbricht, der schon länger Gegner des Hitlerregimes war. General Olbricht brachte Stauffenberg in Verbindung mit Carl Goerdeler und Ludwig Beck. Stauffenberg wurde zur treibenden Kraft der Verschwörer und entschloß sich Anfang Juli 1944, selbst den Anschlag auf Hitler durchzuführen. Durch seine neue Stellung als Chef des Stabes bei General Fromm, dem Befehlshaber des Ersatzheeres, hatte er ständigen Zugang zu den militärischen Lagerbesprechungen in Hitlers Hauptquartier. Der Anschlag am 20. Juli 1944 scheiterte, Hitler wurde nur leicht verletzt. Noch am selben Abend wurde Claus Schenk Graf von Stauffenberg zusammen mit einigen Mitverschwörern erschossen. Sein Bruder Berthold wurde am 10. August hingerichtet. Claus von Stauffenbergs Frau Nina und ihre drei Kinder, zwischen vier und zehn Jahre alt, wurden in "Sippenhaft" genommen.

Verena Artz


Es war schwer, einen populären Frontgeneral zu finden, der sich an die Spitze der Erhebung stellen würde. Unterdessen scheiterten auf geradezu groteske Weise alle Attentatsversuche gegen Hitler. Nachdem schon etliche Pläne fehlgeschlagen waren, sollte Hitler bei einem Besuch der Heeresgruppe Mitte in Smolensk erschossen werden. Aus Rücksicht auf unbeteiligte Offiziere unterblieb der Anschlag jedoch; Oberst Tresckow ließ dann im Flugzeug Hitlers eine Bombe verstecken, die ihn auf dem Rückflug in die Luft sprengen sollte. Aber der Zünder versagte.

Im März 1944 schmuggelte der Abwehroffizier Oberst Rudolf-Christoph von Gersdorff eine Bombe ins Berliner Zeughaus, wo Hitler erbeutetes Kriegsmaterial besichtigen wollte, aber - wie beim Bürgerbräuattentat Georg Elsers 1939 - verließ Hitler die Ausstellung unerwartet früh. Zwei junge Offiziere, Axel von dem Bussche und Ewald von Kleist, wollten Anfang 1944 anläßlich der Vorführung neuer Uniformen Hitler beseitigen. Da er nicht erschien, war auch dieser Plan gescheitert. Auch die Absicht des Rittmeisters Breitenbuch, als Ordonnanzoffizier des Generalfeldmarschalls Busch Zu- gang zu Hitler zu finden und ihn bei einer Besprechung am 11. März 1944 zu erschießen, schlug fehl, weil die SS-Wachen den Ordonnanzen den Zutritt verweigerten.

Im Sommer 1944 war die militärische Lage längst aussichtslos. In der Normandie waren die Alliierten gelandet, die Ostfront war in der Mitte zusammengebrochen, die deutsche Niederlage war nur noch eine Frage der Zeit. Die oppositionellen Offiziere standen vor der Frage, ob ein gewaltsamer Umsturz noch Sinn habe, da absehbar war, daß die Geschicke der Deutschen nach Kriegsende von den Siegern bestimmt würden.




 
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