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Konfliktporträts

Kurdenkonflikt


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Jan Claudius Völkel
Die Türkei hat die Rechte der kurdischen Bevölkerung im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen leicht gestärkt. Im Irak genießen sie heute weitreichende Autonomie. Iran respektiert sie kaum als eigene Volksgruppe. In Syrien sind Verbesserungen im Zuge der Unruhen vom Frühsommer 2011 absehbar.

Eine Demonstrantin mit Tüchern in den kurdischen Nationalfarben rot, gelb und grün protestiert gegen die türkische Militärintervention im Norden Iraks.
Eine Demonstrantin mit Tüchern in den kurdischen Nationalfarben rot, gelb und grün protestiert gegen die türkische Militärintervention im Norden Iraks. Foto: AP

Die aktuelle Situation

In der Türkei hat sich der Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiter-Partei PKK und dem türkischen Militär seit Anfang 2011 wieder verstärkt. Es wird vermutet, dass sich als Widerhall auf die arabische Befreiungsbewegung innerhalb der PKK radikalere Kräfte durchgesetzt haben. Am 17. August 2011 startete das türkische Militär mehrere Offensiven gegen PKK-Stellungen mit über 100 Toten. Die PKK hatte zuvor Anschläge gegen türkische Militärziele mit mehreren Dutzend Toten verübt .

Im Irak versucht die weitgehend autonome kurdische Regionalregierung im Norden des Landes die Kontrolle über die ölreichen Gebiete rund um Mosul und Kirkuk zu sichern. 2003 hatten kurdische Kampfverbände (Peshmerga) die allgemeine Kriegskonfusion genutzt, und die grüne Grenze zum Rest-Irak überschritten. Seitdem beanspruchen die Kurden diese Gebiete für sich. Die Zentralregierung forderte sie jedoch zurück, was die Spannungen auch militärisch anheizt. Die Frage der kurdischen Streitkräfte ist einer der zentralen Konfliktpunkte: Während die Verfassung des Gesamtirak eine Eingliederung der Kampfverbände in die regulären irakischen Sicherheitskräfte vorsieht, überlässt die kurdische Regionalverfassung, verabschiedet 2009, den Oberbefehl über die Peshmerga beim Präsidenten der kurdischen Autonomiebehörde.

Zur Person
Jan Claudius Völkel
Jan Claudius Völkel, geb. 1976, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arnold-Bergstraesser-Institut an der Universität Freiburg sowie Regionalkoordinator für Nordafrika und Nahost beim Bertelsmann Transformation Index (BTI). Von 1996 bis 2002 studierte er Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Islamwissenschaft an den Universitäten Freiburg, Kairo und Basel und promovierte 2007 zu "Die Vereinten Nationen im Spiegel führender arabischer Tageszeitungen". Momenten betreut er an der Universität Duhok im Nordirak die Durchführung einer "European Studies School".

Im schiitischen Iran müssen die überwiegend sunnitischen Kurden eine massive wirtschaftliche, politische und kulturelle Diskriminierung erdulden. Zuletzt schürte ein Bombenanschlag im September 2010 während einer Militärparade in Mahabad, Hauptstadt der Provinz Kurdistan, erneut den Konflikt zwischen der kurdischen Bevölkerung und der Zentralregierung. Auch in Syrien werden Kurden diskriminiert. Ca. 20% der syrischen Kurden wurde 1962 die Staatsbürgerschaft entzogen, sie galten als "staatenlos". Im Zuge der Unruhen wurden im April 2011 seitens der syrischen Behörden jedoch die Wiederanerkennung der Staatsbürgerschaft sowie die Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für die ca. 350.000 betroffenen Kurden in Aussicht gestellt.

Ursachen und Hintergründe des Konflikts

Die Ursprünge der Kurdenproblematik lassen sich im Wesentlichen auf den Zerfall des Osmanischen Reichs nach dem 1. Weltkrieg zurückführen. Waren die Kurden bis dahin eine Entität neben anderen, traten nun v.a. Türken, Araber, Perser und Armenier als ethnische Gruppen in Erscheinung, die sich für die Bildung eines eigenen Nationalstaates einsetzten. Die Grenzen der neu geschaffenen Staaten verliefen quer durch die kurdischen Siedlungsgebiete, bestehende familiäre und auch ökonomische Beziehungen wurden unterbrochen. Die Kurden sahen sich bald starken Repressalien ausgesetzt.

Middle East
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Middle East
Karte: CIA The World Factbook

Die Kurden (gemäß Schätzungen 24-27 Mio.) bezeichnen sich als "Volk ohne Land". Beheimatet in fünf Ländern – Türkei ca. 13 Mio., Irak ca. 4 Mio., Iran ca. 5,7 Mio., Syrien ca. 1 Mio. und Armenien ca. 400.000 – sind sie höchst verschieden und teilweise zerstritten. Es gibt drei kurdische Sprachen (Kurmandschi, Sorani und Zazaki) und unterschiedliche Religionszugehörigkeiten, v. a. Sunniten, Yeziden, Aleviten und assyrische Christen. Die Frage, wer Kurde ist, ist nicht leicht zu beantworten. Gleiches gilt für die Grenzen der kurdischen Gebiete und die Geschichtsschreibung.

Die Republik Türkei unter Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk betrieb seit ihrer Gründung 1923 unter dem Slogan "Ne mutlu Türküm diyene" (Wie glücklich ist der, der sagen kann: Ich bin ein Türke) die Schaffung einer türkischen Nation. Der Status geschützter Minderheiten wurde lediglich Griechen, Armeniern und Juden zuerkannt – eine Folge des Osmanischen Millet-Systems, das die Bevölkerung gemäß ihrer Religionszugehörigkeit (Muslime, Christen, Juden) einteilte und behandelte. Die Kurden als überwiegend muslimisch-sunnitische Gruppierung wurden nicht als Minderheit anerkannt. Kurdische Traditionen, Sprache und Kultur wurden negiert und unterdrückt.

In den anderen neu entstandenen Staaten erging es den Kurden meist nicht besser. Besonders prekär war ihre Lage in Iran unter Ayatollah Khomeini und im Irak unter Saddam Hussein, die beide 1979 an die Macht kamen. In den nachfolgenden Kriegen und Konflikten zwischen beiden Staaten wurden die Kurden beiderseits der Grenze als „Sündenböcke“ missbraucht (s. unten).

Nach Ende der Herrschaft von Saddam Hussein haben die irakischen Kurden jedoch die größten Fortschritte auf dem Wege zu politischer Selbstbestimmung erreicht. Zwar sind die Kurden mit ca. 15% die kleinste der drei großen ethnischen Gruppierungen im Irak (Schiiten ca. 60%, Sunniten ca. 25%), ihr Siedlungsgebiet verfügt aber über erhebliche Ölvorkommen – allein das Ölfeld von Kirkuk birgt ca. 10% der irakischen Vorkommen. Seit 1991 verwalten sich die Kurden mit ihrer Kurdistan Regional Government (KRG) faktisch selbst und greifen seit 2003 aktiv in die Geschicke des Gesamtirak ein. Dies geschieht jedoch kaum mit geeinten Kräften, sondern häufig nach clanbasierten Eigeninteressen. Iraks kurdischer Staatspräsident Dschalal Talabani stammt z. B. aus einem rivalisierenden Clan von KRG-Präsident Masud Barzani. Ihre beiden Parteien PUK (Patriotische Union Kurdistans) und DPK (Demokratische Partei Kurdistans) haben sich zwar jüngst zu einer politischen Allianz zusammengeschlossen, doch schwelen die traditionellen Animositäten zwischen beiden Clans weiter.


10. Oktober 2011

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Redaktion
Aus Politik und Zeitgeschichte
Türkei
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Die Zeit der großen politischen Reformen in der Türkei scheint vorüber. Gleichwohl finden tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen statt, die Bestand haben werden – unabhängig davon, wie sich der EU-Beitrittsprozess entwickelt.
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