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68er
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Zwischen Faszination, Grauen und Vereinnahmung |
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Die wechselvolle Resonanz der Massenmedien auf die Proteste von '68 |
| Kathrin Fahlenbrach |
Rudi Dutschke und die politischen Proteste in den Medien
Rudi Dutschke ist in den zeitgenössischen Medien der wichtigste Repräsentant der (im engeren Sinne) politischen Strömung – auch wenn dieser Status im SDS damals keineswegs unumstritten ist.
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Umringt von Journalisten: Rudi Dutschke (Bildmitte) war für die Medien der Idealtypus des romantisch euphorischen Revolutionärs. Foto: AP
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Wie kein anderer deutscher Aktivist zu dieser Zeit verkörpert er den Idealtypus des romantisch euphorischen Revolutionärs, der seine Anhänger durch mitreißende Reden und Aufrufe elektrisiert. Die Medien erkennen damals sehr schnell die visuelle und emotionale Attraktivität von Dutschke auf dem Bildschirm und auf den Zeitungsseiten.
Aber sie setzen sich zum Teil auch mit seinen Zielen und den Hintergründen der Studentenunruhen auseinander. Gerade linke und liberale Medien wie Der Spiegel, Die Zeit, Stern, aber auch Fernsehsender wie WDR
oder SWF
sympathisieren teilweise mit der Rebellionen der Studenten im restaurativen Adenauer-Deutschland. Etwa in der Ablehnung von innenpolitischen Entwicklungen wie den Notstandsgesetzen oder außenpolitischen wie dem Vietnamkrieg gibt es Gemeinsamkeiten. Auch diese Medien benötigen eine herausragende Figur, an der sie die komplexen politischen, kulturellen und habituellen Protesthintergründe der Studentenbewegung festmachen können. Dutschke wird daher von ihnen regelmäßig als Studentenführer interviewt und porträtiert.
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Die 68er als Medienereignis: Die rebellierenden Studenten sind 1968 mehrmals Titelgeschichte des SPIEGEL. Foto: Spiegel-Verlag
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Als die Studentenunruhen im Sommer 1967 erstmals eskalieren, befragt Stern
Dutschke unter der Rubrik "Fragen an den Experten" nach den Zielen der protestierenden Jugend. Auch Der Spiegel
druckt im Oktober 1967 ein Interview mit ihm ab und präsentiert ihn fortan als Wortführer der Studenten ("Revolutionär Dutschke"). Günter Gaus lädt ihn 1967 in seine Sendung "Zu Protokoll" (SWF) ein. Während Dutschke hier ausführlich Gelegenheit bekommt, vor einem breiten Fernsehpublikum die Ziele der Proteste zu erklären, untermalt die Studiokamera das emotionale Pathos seiner expressiven Gestik und Mimik und entdeckt seine telegenen Qualitäten.
Der Tenor dieser linken und liberalen Medien ist auch, dass man sich mit den Hintergründen der Studentenunruhen auseinandersetzen muss, um eine Eskalation im Generationenstreit zu verhindern. Sie zeichnen dabei oft ein Bild von Dutschke als romantischen Rebellen, dessen politische Schwärmerei für rätedemokratische Modelle zwar unrealistisch und auch wenig wünschenswert ist. Seine Kritik an überkommenen Autoritätsstrukturen in der Universität, in den Familien und in den politischen Institutionen sowie an der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit aber findet hier Zustimmung.
Was die linken und liberalen Medien an Dutschke fasziniert, bietet der Boulevardpresse eine breite Angriffsfläche für das Schüren konservativer Ängste und die Polarisierung der Öffentlichkeit. Vor allem die Springer-Presse vermittelt ein Zerrbild Dutschkes als "Bürgerschreck" und "Kommunistenführer". Zeitungen wie Bild, BZ
oder Der Abend
entwerfen die Angstvision eines "maoistischen Terrorregimes" unter seiner Führung, in dem der nach dem Krieg errungene Wohlstand und die demokratische Freiheit wieder zunichte gemacht werden. Entsprechende Karikaturen zeichnen Dutschke als finsteren Agitator.
Mit Dutschke als Hassfigur facht die Boulevard-Presse den Konflikt zwischen Jung und Alt, zwischen "Bürgern" und "Gammlern" sowie zwischen den politischen und ideologischen Fronten im späten Nachkriegsdeutschland an.
Die Studenten erklären ihrerseits dem Springer-Verlag den Krieg. Mit Protestaktionen unter dem Motto "Enteignet Springer!" und einem Kongress zur Pressekonzentration an der TU Berlin, der unter dem kämpferisch anklagenden Titel "Springer-Tribunal" steht, fordern sie um den Jahreswechsel 1967/1968 die Entflechtung des deutschen Printmedienmarktes, den der Verlag damals mit 33% Marktanteil dominiert. Über 1000 Studenten beteiligen sich bereits an einer Vorbereitung des "Springer-Tribunals" an der TU. In einer Resolution wird die Enteignung Axel C. Springers und die Besetzung der Redaktionen von Bild
und BZ
durch gewählte Vertreter der Studentenschaft gefordert. Der Plan: falls dieser "Kontrolle der Redaktionsarbeit" nicht innerhalb von zwei Wochen nachgegeben werde, würden "direkte Aktionen" gegen den Pressekonzern durchgeführt.
Die linksliberalen Medien unterstützen die studentische Kritik durch weitere Hintergrundrecherchen zur Pressekonzentration in Deutschland. Der Spiegel
etwa, der bereits im Vorjahr Dutschke zur "Enteignungs"-Kampagne befragt hatte, berichtet im Vorfeld des "Springer-Tribunals" in einer Serie über "Axel Springer und seinen Konzern". Auch Der Stern
druckt Ende 1967 zwei Folgebeiträge von Manfred Bissinger zur "Axel-Springer-Story", die einige Forderungen der Studenten unterstützen.
Der damit massiv öffentlich angegriffene Konzern wehrt sich im Februar 1968 mit einer weiteren Steigerung der Angriffe auf die Studenten: Unter der Überschrift "Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!" erscheint ein mit dem Foto von Dutschke versehener Artikel, in dem es heißt: "Man darf über das, was zur Zeit geschieht nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen. (...) Unsere Jung-Roten sind inzwischen so rot, dass sie nur noch rot sehen, und das ist gemeingefährlich und in einem geteilten Land lebensgefährlich. Stoppt ihren Terror jetzt!"
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Die Fronten zwischen "Bild" und den Studenten verhärten sich: "Bild" warnt vor dem "Terror der Jung-Roten" - Demonstranten verbrennen Springer-Zeitungen und attackieren das Verlagshaus. Foto: Günter Zint
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Die Stimmung in der Öffentlichkeit und den Medien ist bis zum Äußersten gespannt. Am 11.4.1968 wird Rudi Dutschke von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann auf dem Berliner Kurfürstendamm mit den Worten: "Du dreckiges Kommunistenschwein!" niedergeschossen. Auch wenn Bachmanns Motive nie ganz aufgeklärt werden konnten, lässt die rechtsextreme Nationalzeitung, die er mit sich führte, auf entsprechende Hintergründe schließen.
Das Attentat, das Dutschke nur knapp überlebt, leitet einen Umschwung in der öffentlichen Meinung ein. Denn nun wird auch der konservativen und bürgerlichen Öffentlichkeit das Ausmaß der Polarisierung zwischen den Generationen bewusst, die von den Springer-Blättern angeheizt worden war. Prominente Politiker, wie der Berliner Bürgermeister Klaus Schütz und Bundesjustizminister Gustav Heinemann räumen eine Mitschuld des Staates an der Eskalation der Gewalt ein. Unter dem Druck der öffentlichen Beschuldigungen übernimmt schließlich auch Axel Springer eine Teilverantwortung.
06. Februar 2008 |
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Bildergalerie |
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Protestformen
Die 68er-Revolte war die erste Protestbewegung, die gezielt die Medien für die Verbreitung ihrer Forderungen nutzte. Dafür wurden anfangs neue, überraschende und photogene Protestformen eingesetzt. Doch im Laufe der Bewegung wurden immer öfter aus Demonstrationen gewalttätige Ausschreitungen. Die Illustrationen entwickelten Studenten des Fachbereichs Design der FH Aachen unter der Leitung von Prof. Ilka Helmig. |
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