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1968 heute

Mythos 1968


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Hubert Kleinert
Einleitung

Wer sich mit 1968 befassen will, steht zunächst vor einem Problem: Was soll darunter eigentlich verstanden werden?
trauermarsch ohnesorg
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Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg löste eine Welle der Solidarisierung unter den Studenten aus. Foto: AP
Ist damit jene wachsende linkspolitische Protestbewegung an den Hochschulen gemeint, die zuerst in West-Berlin von sich reden machte, mit den ersten spektakulären Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg 1966 die Öffentlichkeit der damaligen "Frontstadt" erregte und sich nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 auf fast alle bundesdeutschen Hochschulen ausdehnte? Die nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 eskalierte, auf andere Ausbildungseinrichtungen ausstrahlte, zu einer Welle von Institutsbesetzungen führte, dann in eine Krise geriet und schließlich in die Gründung verschiedener linksradikaler Kleinparteien und Politsekten mündete und mit der RAF auch einen terroristischen Seitenstrang hervorbrachte?

Oder gilt 1968 als Synonym für eine viel umfassendere internationale Jugendrevolte, die einen kulturellen Bruch mit der Erwachsenenwelt anzeigte, zwar zeitweise linkspolitische und systemkritische Untertöne besaß, aber vor allem in der Veränderung von Lebensformen und Sexualmoral, Erziehungsstilen, Werthaltungen und kulturellen Ausdrucksformen ihren wesentlichen Gehalt besaß? Oder ist 1968 einfach nur eine vage Chiffre für den unruhigen Geist der späten 1960er Jahre?

Zur Person
Hubert Kleinert
Hubert Kleinert, geboren 1954, ist Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule für Verwaltung des Landes Hessen in Wiesbaden. In den 1980er Jahren war er Landesvorsitzender der GRÜNEN in Hessen und einer der ersten grünen Bundestagsabgeordneten. Neben seiner Lehrtätigkeit veröffentlicht er regelmäßig politische Kommentare in zahlreichen Tageszeitungen und Zeitschriften.

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Zwar haben soziale Bewegungen oft kulturrevolutionäre Seiten, doch lässt sich Woodstock kaum bloß als kulturelle Ausdrucksform einer linkspolitisch-systemkritischen Bewegung fassen. Und im Blick auf die Wirkungen von 1968 lässt sich eher kulturgeschichtlich als politisch von einschneidenden Veränderungen sprechen. Freilich waren die politischen Untertöne auch nicht bloß Beiwerk in einem neuartigen Generationskonflikt zwischen einer vom "oberflächlichen" Materialismus der Wohlstandswunderzeit geprägten und vom Makel der Vergangenheit gezeichneten Generation der Älteren und den Jungen, die sich als Träger neuer, "post-industrieller Werte" in einer Gesellschaft des Überflusses vom Lebensstil dieser Gesellschaft abzugrenzen suchten und nach eigenen kulturellen Ausdrucksformen Ausschau hielten.

Woodstock
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Woodstock-Festival im August 1969: Mehr als nur ein Rockkonzert. Foto: AP
1968 ist eben beides: Chiffre für eine Protestbewegung, die mit einem Linksruck in der Welt des Geistes verbunden ist, die Legitimations-
grundlagen vieler Institutionen des öffentlichen Lebens herausfordert, verschiedenste sich als revolutionär verstehende Gruppen hervorbringt und auch die Großparteien (vor allem die SPD) beeinflusst, aber auch Synonym für eine internationale Jugendkultur, deren Anfänge sich schon vor den politischen Protestwellen zeigten, die sich in wachsender Opposition zur etablierten Welt formierte, mit ihren kulturellen Ausdrucksformen einen viel größeren Adressatenkreis erreichte und zeitweise in Berührung kam mit dem im engeren Sinne politischen Protest.

Woodstock war nicht einfach nur ein Pop-Konzert, und viele Rockmusiker der späten Sechziger sahen sich selbst als Bestandteil einer Kultur mit rebellischen Obertönen. Mick Jaggers Selbstbescheidung in "Street Fighting Man" ("Well then what can a poor boy do / Except to sing for a rock 'n' roll band") kann dabei gleichgültig sein: Die Rezeptionsgeschichte des Stücks war anders.

Kulturgeschichtlich erlebten die hoch entwickelten westlichen Gesellschaften in den 1960er Jahren einen Umbruch, dessen Vorzeichen sich bis zu Elvis Presleys laszivem Hüftschwung zurückverfolgen lassen. Die kulturelle Emblematik dieses Umbruchs enthielt im Deutschland des Wohlstandswunders und mancher noch lebendigen Prägung durch Werte und Alltagskultur des NS-Regimes provokante Potentiale. Dies schuf einen Resonanzboden, auf dem linkspolitische Einstellungen, gestützt durch singuläre Protestanlässe, neue Popularitätschancen gewinnen konnten.


19. März 2008

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Redaktion
Aus Politik und Zeitgeschichte
1968
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Für die einen bedeutet Achtundsechzig die Demokratisierung aller Lebensbereiche. Für andere sind die 68er Schuld am Werteverfall, Kindermangel und Bildungsnotstand. Auch nach 40 Jahren erregen die Ereignisse um das Jahr 1968 die Gemüter.
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Ab 15. April 2008 nimmt Sie ARTE mit auf eine Reise zurück in das aufregende Jahr 1968, das die Welt auf den Kopf stellte, und lässt das Lebensgefühl der damaligen Zeit zwischen Che und Rock, Haschisch und Sex, Demonstrationen und Hoffnungen wieder aufleben.
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