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Fantasien in Schwarzweiß – Schwarze Deutsche, deutsches Kino


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Tobias Nagl
 
Rassismus, Kolonialismus und die Macht der Bilder

Die Erfahrung der Sichtbarkeit, die Welt der Blicke und des von anderen Angesehenwerdens ist eines der zentralen Felder, auf denen Rassismus im Alltag gelebt und erlebt wird. Denn nur selten war das Recht zu schauen auf alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich verteilt, sondern blieb meist Ausdruck von weißen und männlichen Privilegien: Während die einen schauten und dabei selbst unsichtbar blieben, wurden andere als Objekte des Blicks fixiert.

Zur Person
Tobias Nagl, Filmhistoriker. Studierte Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaften an der "Indiana University" und promoviert derzeit über das Thema "Rasse" und Rassismus im deutschsprachigen Kino vor 1960. Darüber hinaus ist er Mitarbeiter in antirassistischen Initiativen. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen: "'Afrika spricht!': Modernismus, Jazz und 'Rasse' im Kino der Weimarer Republik".

Die Blickverhältnisse und die Bilder, die eine Gesellschaft produziert, sind nicht neutral und unschuldig, sondern von Machtstrukturen durchzogen. Stereotypen nehmen meist die Form von Bildern an und über Bilder werden rassistische Vorurteile "spontan" und unmittelbar reproduziert und "verstanden".

Die Bedeutung des Visuellen hat in der Geschichte des Rassismus eine lange Tradition. Bereits die europäische Antike besaß einen Farbsymbolismus, der "schwarz" negativ besetzte, doch erst als die Anatomen des 18. Jahrhunderts begannen, Menschen afrikanischer Herkunft nach deren verschiedenen körperlichen Merkmalen wie Schädel oder Gesichtsprofil zu vermessen, wurden ästhetische Kriterien zur Legitimation der Idee "höherer" oder "niederer Rassen" eingesetzt.

Stummfilm "Die Jagd nach dem Tode" 1920
Grossansicht des Bildes
Stummfilm "Die Jagd nach dem Tode" 1920 © Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin

Die Markierung und Repräsentation visueller Differenz wurde mit dem "wissenschaftlich" argumentierenden Rassismus und der Ethnologie des 19. Jahrhunderts schließlich systematisiert. Neue Reproduktionsmedien wie Fotografie, illustrierter Buchdruck, Panoramen und Dioramen, aber auch die Zurschaustellung der Kolonisierten in "Völkerschauen" lösten einen "Taumel der Sichtbarkeit" aus, der die Wahrnehmung des Restes der Welt durch den Westen nachhaltig prägte: "Durch Reisen, Entdeckungen und Kolonisation wurde die ganze Welt in dem Maße sichtbar, wie sie sich auch tatsächlich aneignen ließ." (Jean-Louis Comolli) Von daher ist es mehr als ein reiner Zufall, dass die Erfindung des Kinos und die Blütezeit des modernen europäischen Kolonialismus historisch in dieselbe Epoche fallen.


10. August 2004

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