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Nach 1989
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Wandel der Sozialstruktur |
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Nachholende Modernisierung |
| Rainer Geißler |
Vier Jahrzehnte lang existierten die zwei deutschen Staaten nebeneinander. Die unterschiedlichen Systeme in Wirtschaft, Politik, Recht und Ideologie führten dazu, dass sich auch die Sozialstrukturen in Ost und West in wichtigen Bereichen auseinanderentwickelten. Seit der Wiedervereinigung 1990 nähern sie sich wieder einander an.
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| Oktober 1990, in einem Ostberliner Schaufenster ist "Elektronik aus Japan" zu sehen. Foto: cc_by_Dietmar Bührer_nc_nd |
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 |  | Am besten erfassen lassen sich die wesentliche Trends dieser Entwicklung mit dem – durchaus nicht unumstrittenen – Konzept der Modernisierungstheorie. Im Folgenden soll am Beispiel von vier wichtigen Bereichen der Sozialstruktur – den materiellen Lebensbedingungen, der Erwerbs- und Schichtstruktur, der Bevölkerungsstruktur und den Macht-Eliten – gezeigt werden, dass sich die Situation um 1989 als Modernisierungsrückstand der DDR kennzeichnen lässt. Wesentliche Trends des sozialstrukturellen Wandels in Ostdeutschland nach der Vereinigung lassen sich dann als "nachholende Modernisierung" charakterisieren. Diese ist mit erheblichen Problemen verbunden und noch nicht abgeschlossen.
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Zur Person |
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Rainer Geißler ist Professor für Soziologie an der Universität Siegen.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Sozialstrukturanalyse, Migration und Integration sowie Sozialisationsforschung. Er war Autor der Informationen zur politischen Bildung zum Thema Sozialer Wandel in Deutschland.
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 |  | 1. Materielle Lebensbedingungen: Nachholende Wohlstandsexplosion
Das westdeutsche "Wirtschaftswunder" in der Nachkriegszeit hatte eine "Wohlstandsexplosion" zur Folge: Die Wirtschaftsleistung schnellte in die Höhe – und mit ihr die Einkommen und der Lebensstandard. So stiegen die inflationsbereinigten Nettojahresverdienste der Arbeitnehmer zwischen 1950 und 1980 auf das 3.2-fache – von 7. 730 DM (3.952 Euro) auf 24.622 DM (12.589 Euro). (Berechnet nach der Kaufkraft von 1985). Die DDR konnte mit diesem Tempo nicht Schritt halten. Die Folge: das West-Ost-Wohlstandsgefälle wurde kontinuierlich größer. 1988 erzielten ostdeutsche Arbeitnehmer nur 31 Prozent der westdeutschen Bruttoverdienste. Das entsprach in etwa dem Leistungsniveau der DDR-Wirtschaft; die ostdeutsche Produktivität wird in den 80er Jahren auf nur etwa ein Drittel der westdeutschen geschätzt. Da in der DDR sehr viel mehr Frauen berufstätig waren, fiel der Rückstand bei den Nettohaushaltseinkommen nicht ganz so drastisch aus. Diese lagen 1988 bei 47 Prozent (Kaufkraft) des Westniveaus. Entsprechend niedrig war der Lebensstandard: DDR-Bürger wohnten enger, einfacher und in älteren Häusern. Und nur jeder zweite ostdeutsche Haushalt verfügte über ein eigenes Auto. Meist handelte es sich dabei um den in der DDR gefertigten Trabant mit Plastik-Karosserie oder Modelle der russischen Firma Lada – beide standen schon damals für einfache Technik und minimalen Komfort. Im Westen konnten sich hingegen mehr als zwei Drittel der Haushalte einen im Westen produzierten Pkw auf dem aktuellen Stand der Technik leisten. Auch bei Haushaltsgeräten hinkte die DDR um mindestens 15 Jahre hinterher, bei der Ausstattung mit Telefonen um drei Jahrzehnte: 1988 besaßen in der DDR nur 16 Prozent der Haushalte ein eigenes Telefon, im Westen waren es 93 Prozent.
Dieser gravierende Rückstand im Lebensstandard war neben den Defiziten an Freiheit, politischer Teilnahme und Arbeitsqualität eine wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Ursache für die wachsende Unzufriedenheit in den 80er Jahren, die Massenflucht im Jahr 1989 und schließlich den Zusammenbruch der DDR, nachdem auch außenpolitischer Druck das System nicht mehr erhalten konnte.
In der ersten Hälfte der 90er Jahre erlebten die Ostdeutschen eine historisch einmalige "nachholende Wohlstandsexplosion". Das rapide Tempo, mit dem der Lebensstandard anstieg, stellte das der westdeutschen Nachkriegsgeschichte bei weitem in den Schatten. Die Annäherung an die Westeinkommen stagnierte allerdings im letzten Jahrzehnt. 2006 lagen die Nettohaushaltseinkommen der ostdeutschen Arbeitnehmerhaushalte bei 81 bis 83 Prozent des Westniveaus, die Ost-West-Lücke wurde also im Vergleich zu 1988 um etwa zwei Drittel geschlossen. Das fortbestehende West-Ost-Gefälle ist zum Teil strukturell bedingt: gut zahlende Branchen sowie Fach- und Führungskräfte mit hohen Verdiensten sind im früheren Bundesgebiet häufiger.
Der enorme Anstieg des Lebensstandards lässt sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens wie etwa den Wohnverhältnissen erkennen. Die Wohnungen sind heute neuer, größer und moderner. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Ostdeutsche heute fast genau so zufrieden mit ihrer Wohnsituation sind wie Westdeutsche. Und auch von den Annehmlichkeiten der technischen Konsumgüter profitieren Ostdeutsche inzwischen fast
im gleichen Maße wie Westdeutsche (siehe Tabelle 1).
Tabelle 1: Haushaltsausstattung mit Konsumgütern 2007 (in Prozent)
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West |
Ost |
| mindestens 1 PKW |
78 |
72 |
| fabrikneu gekauft* |
36 |
34 |
| Festnetztelefon |
96 |
94 |
| Mobiltelefon (Handy) |
82 |
82 |
| PC |
73 |
70 |
| Mikrowellengerät |
69 |
68 |
| digitaler Fotoapparat* |
43 |
37 |
Zusammengestellt nach: Institut der deutschen Wirtschaft, Deutschland in Zahlen 2009. Köln 2009, S. 65 (2007); *Angaben für das Jahr 2006: Datenreport 2008. Bonn 2008, S. 155, 158.
Das Tempo der Annäherung wäre ohne enorme Leistungstransfers von West nach Ost nicht möglich gewesen. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle schätzt die Nettotransfers (abzüglich zurückfließender Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge) für die Jahre 1991 bis 2003 auf knapp 950 Milliarden Euro – d. h. pro Einwohner der alten Länder auf etwa 1.100 Euro jährlich. Da sich die Wirtschaftleistung (Bruttoinlandsprodukt) je Einwohner in den neuen Ländern nur langsam dem westdeutschen Niveau annähert – 2008 liegt sie bei 68,5 Prozent – werden auch in absehbarer Zeit weitere Transfers nötig sein.
Mit dem Wohlstandschub ist aber auch eine Zunahme der sozialen Ungleichheit verbunden. Auf insgesamt höheren Niveau gehen die sozialen Abstände zwischen Oben und Unten weiter auseinander.
Nicht alle Gruppen der ostdeutschen Bevölkerung haben in gleichem Ausmaß von der Wohlstandsexplosion profitiert. Zu den Gewinnern gehören insbesondere die Rentner. Sie wurden aus der extremen Randlage befreit, in die sie die sozialistische Sozialpolitik gedrängt hatte. Fast die Hälfte von ihnen musste 1988 unter Bedingungen leben, die am Rande oder unterhalb des "sozialen Minimums" lagen. Heute liegen die Renten der ostdeutschen Männer bei 97 Prozent des Westniveaus. Ostdeutschen Frauen beziehen um gut ein Drittel höhere Renten als Frauen in Westdeutschland, weil sie häufiger und länger berufstätig waren. Zu den relativen Verlierern gehören die vielen Ostdeutschen, die nach der Vereinigung für längere Zeit ihren Arbeitsplatz verloren haben. Die Arbeitslosenraten liegen in den neuen Ländern nach wie vor doppelt so hoch wie im Westen – 2007 bei 16,8 Prozent (West 8,4 Prozent). Sie sind eine der Ursachen dafür, dass auch die Anteile der Empfänger von Arbeitslosengeld II – im Volksmund "Hartz IV" genannt – sowie die Anteile der "Armen" – gemessen nach der Armutsdefinition der EU-Statistiken – in den neuen Ländern erheblich höher sind als im früheren Bundesgebiet.
2. Erwerbs- und Schichtstruktur:
Nachholender Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft
und Wiederaufbau des selbstständigen Mittelstandes
Die Erwerbsstruktur der DDR wies zwei Modernisierungsdefizite auf – einen erheblichen Dienstleistungsrückstand sowie einen quasi vernichteten selbstständigen Mittelstand.
In der Erwerbsstruktur lässt sich der Modernisierungsprozess unter anderem an der Verteilung der Erwerbstätigen ablesen. Diese kann man in drei wichtige Produktionssektoren unterteilen – den primären (insbesonders Landwirtschaft), sekundären (Industrie und Handwerk) und tertiären (Dienstleistungen) Sektor. Während sich die Bundesrepublik in den 70er Jahren zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt hatte, war die DDR noch 1989 eine Industriegesellschaft mit überdimensionierten Arbeiter- und Bauernschaften. Daneben existierten unterentwickelte Dienstleistungsbereiche, die zudem noch durch "bürokratische Wasserköpfe" deformiert waren: wo es Dienstleister gab, gab es ihrer zu viele. Die Verteilung auf die Sektoren entsprach der westdeutschen Situation in den 60er Jahren. Im Zuge der schmerzlichen Krisen der ostdeutschen Industrie und Landwirtschaft wurde die Dienstleistungslücke nach der Vereinigung abrupt geschlossen. Eine Entwicklung, die in Westdeutschland 25 Jahre gedauert hatte, wurde innerhalb von drei Jahren nachgeholt (Einzelheiten s. Tabelle 2).
Tabelle 2: Erwerbstätige nach Produktionssektoren 1989 bis 2007 (in Prozent)
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West |
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Ost |
| primär |
sekundär |
tertiär |
|
primär |
sekundär |
tertiär |
| 1989 |
3.7 |
41 |
55 |
11 |
50 |
40 |
| 1993 |
3.3 |
40 |
56 |
4.2 |
38 |
58 |
| 2007* |
2.1 |
26 |
72 |
2.9 |
25 |
72 |
*ohne Berlin Quellen: R.Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. 5.Aufl. Wiesbaden 2008, S.165 (1989, 1993); Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2008. Für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2008, S. 82
Selbstständige sind eine ausgesprochen leistungsorientierte, flexibel agierende, experimentier- und risikofreudige Gruppe mit wichtigen sozioökonomischen Funktionen. In Westdeutschland ist ihr Anteil an den Erwerbstätigen seit zwei Jahrzehnten mit 11 Prozent stabil. In der DDR war der selbstständige Mittelstand durch die Kollektivierungs- und Sozialisierungspolitik fast vernichtet worden. Der kleine Rest von ca. 180.000 Selbstständigen (ca. 2 Prozent der Erwerbstätigen), die in den 80er Jahren insbesondere im Handwerk noch überlebt hatten, war zu einem Kümmerdasein verurteilt. Seiner wirtschaftlichen Aktivität waren durch Planvorgaben und hohe Steuern enge und leistungshemmende Fesseln angelegt worden. Der Neuaufbau eines Mittelstandes bereitet erhebliche Schwierigkeiten. Vom Umfang (Anteil an den Erwerbtätigen) her ist zwar inzwischen das Westniveau von 11 Prozent erreicht worden. Qualitativ gibt es aber zahlreiche Besonderheiten: eine buntere Zusammensetzung nach Herkunft und Soziallage; mehr Klein- und Kleinstbetriebe; mehr "Notgründungen" aus der tatsächlichen oder drohenden Arbeitslosigkeit heraus; eine extreme Polarisierung der Einkommen, wobei viele lediglich unterdurchschnittliche Verdienste erzielen.
Fragt man die Menschen mit einem einfachen Drei-Schichten-Modell danach, welcher Schicht sie sich zugehörig fühlen, dann ist Westdeutschland seit mindestens drei Jahrzehnten eine "Mittelschicht-Gesellschaft". Die DDR war dagegen auch im Selbstverständnis ihrer Bevölkerung eine "Arbeitergesellschaft" geblieben. Die Selbsteinstufung hat sich nach der Vereinigung etwas in Richtung Mittelschichtengesellschaft verschoben, aber auch 2006 sieht sich eine knappe Mehrheit der Ostdeutschen der Arbeiterschicht zugehörig.
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Zum Vergrößern auf die Grafik klicken.
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Diese weiterhin unterschiedliche soziale Selbstwahrnehmung dürfte sowohl reale als auch ideologische Gründe haben. Sie rührt vermutlich von dem weiterhin bestehenden West-Ost-Wohlstandsgefälle her, aber sie hängt vermutlich auch mit den Nachwirkungen der sozialistischen Arbeiterideologie zusammen. Immerhin ordnet sich fast ein Drittel der leitenden Angestellten und höheren Beamten in den neuen Bundesländern der Arbeiterschicht zu. In Westdeutschland macht sich eine gegenläufige Entwicklung bemerkbar – eine etwas schrumpfende Mittelschicht bzw. eine gewisse Umschichtung nach unten.
16. Juni 2009 |
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Wettbewerb |
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Der "Bürgerpreis zur Deutschen Einheit" zeichnet Menschen und Initiativen aus, die das Zusammenwachsen von Ost und West vorangebracht haben. Mehr Infos finden Sie unter einheitspreis.de |
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Dossier |
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Geschichte und Erinnerung
Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum. |
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DVD-ROM |
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Wohin treibt die DDR-Erinnerung?
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DDR
Das Beste an der DDR war ihr Ende. Geschichten aus den Zeiten vor dem
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Schriftenreihe (Bd. 482) |
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Teilung und Integration
Für die politische Bildung ist die deutsch-deutsche Thematik nach wie vor aktuell. Anhand von Fallstudien werden aus fachwissenschaftlicher und didaktischer Sicht Themen wie Herrschaft und Legitimation, Umgang mit der NS-Vergangenheit und Jugend bearbeitet. |
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