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Geschichte, Religion und Gesellschaft

"Alles, was wir besitzen, ist unser Land"


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Adivasi wehren sich zunehmend gegen Marginalisierung und Ausbeutung
Rainer Hörig
"Wem gehört der Wald? Er gehört uns, gehört uns!" Trommeln dröhnen, Transparente und Fahnen wehen, Fäuste fliegen.
Junge Adivasi vom Volk der Bhil
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Junge Adivasi vom Volk der Bhil im Tal des Narmada-Flusses
Foto: Rainer Hörig

Im November 2006 zieht eine außergewöhnliche Demo durch die Straßen der indischen Hauptstadt. Leuchtend bunte Saris, extravagante Frisuren, mächtige Turbane und kurze Lendentücher verraten Eingeweihten: Hier zeigen Indiens Ureinwohner, in Hindi Adivasi (erste Bewohner) genannt, ihre neu gewonnene Stärke. "Wir haben es satt, als Kriminelle und Eindringlinge auf eigenem Grund und Boden diskriminiert zu werden", schimpft ein Teilnehmer.

Zur Person
Rainer Hörig, geboren 1956, studierte Publizistik, Ethnologie, Indologie und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Nach der Hochzeit mit einer indischen Deutschlehrerin ließ sich Hörig 1989 in Pune bei Mumbai (Bombay) nieder und arbeitet seitdem als freier Korrespondent für die Hörfunkprogramme der ARD, für Tageszeitungen und Magazine. Dokumentarische Fotografien sowie mehrere Buchveröffentlichungen runden sein Portfolio ab. 1992 erhielt Hörig den vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ausgeschriebenen "Journalistenpreis Entwicklungspolitik" .

"Es ist Zeit, dass die Regierung unsere Rechte anerkennt!" Nicht nur in Neu Delhi, auch in Mumbai (früher Bombay), Bhubaneshwar (Unionsstaat Orissa) und Ranchi (Unionsstaat Jharkhand) fordern Ende des Jahres 2006 Tausende die Regierung auf, ein jahrelang debattiertes Gesetz zur Festschreibung der Landrechte von Waldbewohnern dem Parlament zur Abstimmung vorzulegen. Nur wenige erwarten offenbar, dass die Mächtigen sich für sie ins Zeug legen.

Nachfahren der indischen Ureinwohner

In Indien leben 698 Volksgruppen, die amtlich als Scheduled Tribes registriert sind. Sie selbst bezeichnen sich als Adivasi,
Junge Frauen holen Trinkwasser vom Brunnen
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Junge Frauen holen Trinkwasser vom Brunnen in einem Adivasi-Dorf
Foto: Rainer Hörig

um ihren Anspruch als erste Bewohner zu unterstreichen. Mit einem Bevölkerungsanteil von 8,2 Prozent zählen sie rund 90 Millionen Menschen – mehr als die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland. Die größten Völker wie Bhil, Gond, und Santal sind mehrere Millionen Menschen stark. Wildbeuter wie die Jarawa und Onge auf den Andamanen-Inseln umfassen dagegen nur wenige hundert Individuen und sind vom Aussterben bedroht.

Adivasi sind die Nachfahren der indischen Ureinwohner, die schon vor der Invasion indogermanischer Hirtenvölker, den Subkontinent besiedelten. Im Zeitraum von 1500 bis 1000 v. Chr. fielen Nomadenstämme aus Zentralasien über den Khaiberpass von Afghanistan in die nordindische Flussebene ein. Von Pferdewagen gezogene Streitwagen verschafften ihnen militärische Überlegenheit. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte drangen sie ostwärts bis zum Golf von Bengalen vor, rodeten den Wald und ließen sich als Bauern auf den fruchtbaren Böden nieder. (Vergleiche "Epochen der indischen Geschichte bis 1947")

Ihre Priester schrieben das bislang nur mündlich überlieferte Wissen in der Sanskrit-Sprache nieder: die Veden entstanden, die ältesten heiligen Schriften der Hindus. Sie berichten von zahlreichen Kämpfen der arischen Eroberer mit dunkelhäutigen Waldbewohnern. Viele von ihnen wurden versklavt und als Arbeitskräfte zur Rodung der Wälder eingesetzt. Sie mussten in Ghettos am Rande der Dörfer wohnen und wurden durch rituelle Tabus aus der Kastengesellschaft ausgeschlossen. Ihre Nachfahren, die so genannten Unberührbaren nennen sich heute Dalits – die Gebrochenen oder Unterdrückten. Anderen indigenen Gruppen gelang der Rückzug in unwegsame Wälder und Gebirge, wo sie bis in jüngste Zeit ein autarkes Leben führten. Bis heute betrachten orthodoxe Hindus beide Gruppen, Dalits und Adivasi, als unberührbar, also rituell unrein und unzivilisiert. In Indien galt und gilt eine helle Hautfarbe als Schönheitsideal, als Merkmal der oberen Kasten.

Britische Eroberer durchbrachen im 18. und 19. Jahrhundert die Isolation der Adivasi. Sie rodeten Wälder im großen Stil und legten Eisenbahnlinien in bisher unerschlossene Regionen, um Bodenschätze zu erschließen. Nach offiziellen Angaben wurden bis 1990 mehr als 8,5 Millionen Adivasi durch Staudämme, Bergwerke und Industrieanlagen sowie die Einrichtung von Nationalparks aus dem Wald vertrieben. Heute sind alle Adivasi-Gemeinschaften mehr oder weniger stark vom so genannten Mainstream geprägt. Armut und Hoffnungslosigkeit treibt Millionen von ihnen bis in die Städte, wo sie auf Baustellen oder als Hausmädchen Arbeit finden.


18. Januar 2007

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