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Konfliktporträts

Somalia


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Markus Virgil Höhne
Geschichte des Konflikts

Nach zehn Jahren parlamentarischer Demokratie (1960-1969), die in Korruption und Nepotismus endete, etablierte General Siyad Barre nach einem Militärputsch eine sozialistische Fortschrittsdiktatur. Somalia griff 1977 Äthiopien an, um die somalisch besiedelten Gebiete zu "befreien". Die Sowjetunion entzog Mogadishu daraufhin die Unterstützung. Dies führte direkt zu der schweren militärischen Niederlage Somalias im Ogaden-Krieg 1978. Barre sah sich ab 1979 mit bewaffneten Oppositionsbewegungen wie der Somali Salvation Democratic Front (SSDF) und dem Somali National Movement (SNM) konfrontiert. Beide wurden von Klans getragen und hatten die Unterstützung Äthiopiens. Barre sicherte seine Macht mittels einer Allianz aus verschiedenen Darood-Klans und der Hilfe vornehmlich westlicher Partner (z.B. der USA).

Der Guerillakrieg eskalierte 1988, als die SNM wichtige Städte in Nordwestsomalia eroberte und Barre mit der Bombardierung dieser Städte reagierte. Ab 1989 revoltierten auch andere Klangruppen in Zentral- und Südsomalia, bis die Regierung schließlich im Januar 1991 fiel.

Der Nordwesten, der von der SNM übernommen worden war, erklärte daraufhin seine Unabhängigkeit als Republik von Somaliland. Lokale Konferenzen unter der Leitung von "Klanältesten" ebneten den Weg zum Frieden. Der Wiederaufbau der Infrastruktur wurde weitgehend mit Hilfe der somalischen Diaspora erreicht. Ab 2001 wurde eine Mehrparteiendemokratie eingeführt, und bis 2011 fanden vier freie Wahlen statt. Die Ältesten wurden als Mitglieder des Oberhauses in die staatlichen Strukturen integriert. Trotz beachtlicher politischer Erfolge genießt Somaliland bisher keine internationale Anerkennung.

In Süd- und Zentralsomalia zerfielen die Milizen nach ihrem Sieg über Barre in zahlreiche sich gegenseitig bekämpfende Splittergruppen. Dürre, Krieg und Staatszerfall kosteten 1991-92 schätzungsweise 300.000 Menschen das Leben. Die humanitäre Intervention konnte zwar die Verteilung der Hilfsgüter sichern und zur Beendigung der Hungersnot beitragen. Die Intervention geriet aber aufgrund einer völlig verfehlten Politik ab Juni 1993 zum Debakel. Im März 1995 zogen die letzten "Blauhelme" ab.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war Somalia de facto staatslos und international kaum beachtet. Das Ausmaß der Gewalt nahm allmählich ab. Auf der Arta-Konferenz in Djibouti 1999-2000 wurde eine erste "Nationale Übergangsregierung" (TNG) unter Abdiqassim Salad Hassan, einem Hawiye, etabliert. Diese blieb jedoch machtlos.

Eine weitere "Friedenskonferenz" für Somalia, die 2002-2004 in Kenia stattfand, brachte die erste "Föderale Übergangsregierung" (TFG) unter Abdullahi Yusuf hervor. Die TFG war von Anfang an gespalten. Sie galt als von Mitgliedern der Darood-Klanfamilie dominiert und von Äthiopien gesteuert. Einflussreiche Mitglieder der Hawiye-Klanfamilie sowie die Islamisten lehnten sie ab. Die TFG konnte sich nicht durchsetzen und musste deshalb von außerhalb der Hauptstadt aus regieren.

Erst die äthiopische Militärintervention gegen die "Islamischen Gerichtshöfe" (UIC) Ende 2006 brachte Präsident Abdullahi Yusuf und seine TFG in die somalische Hauptstadt. Hawiye-Klanmilizen und islamistische Zellen reagierten mit einem bewaffneten Aufstand. Mogadischu versank für zwei Jahre in einem blutigen Konflikt, in dem sich Al Shabaab als mächtigste islamistische Miliz etablierte. Die Internationale Gemeinschaft versuchte, ab 2008 im "Djibouti-Prozess" die islamistische Opposition zu spalten. Dies gelang mit Hilfe gemäßigter Islamisten und verhandlungsbereiter Teile der TFG. Präsident Abdullahi Yusuf trat im Dezember 2008 zurück. Äthiopien zog im Januar 2009 ab, ohne Al Shabaab besiegt zu haben. Im djibutischen Exil wurde Sheikh Sharif Ahmed zum neuen Präsidenten der TFG gewählt.

Literatur

Bakonyi, Jutta (2011): Land ohne Staat, Wirtschaft und Gesellschaft im Krieg am Beispiel Somalias, Frankfurt: Campus Verlag.

Bradbury, Mark (2008): Becoming Somaliland, Oxford: James Currey.

Brons, Maria (2001): Society, security, sovereignty, and the state in Somalia: From statelessness to statelessness? Utrecht: International Books.

Feichtinger, Walter und Heinzl, Gerald (Hrsg.) (2011): Somalia: Optionen – Chancen – Stolpersteine, Wien: Böhlau Verlag.

Herrmann, Ron H. (1997): Der kriegerische Konflikt in Somalia und die internationale Intervention 1992 bis 1995: Eine entwicklungsgenetische und multidimensionale Analyse, Frankfurt am Main; New York: P. Lang.

Höhne, Markus Virgil (2002): Somalia zwischen Krieg und Frieden: Strategien der friedlichen Konfliktaustragung auf internationaler und lokaler Ebene, Hamburg: Institut für Afrika-Kunde.

Lewis, Ioan (2008): Understanding Somalia and Somaliland. Culture, History, Society, London: Hurst & Co.

Marchal, Roland (2009): A tentative assessment of the Somali Harakat Al-Shabaab, in: Journal of Eastern African Studies 3/2009, S. 381-404.

Menkhaus, Ken (2007): The crisis in Somalia: Tragedy in five acts, in: African Affairs, 106(204)/2007, S. 357-390.

Links

Harneit-Sievers, Axel und Spilker, Dirk (2008): Somalia – Alte Konflikte und neue Chancen zur Staatsbildung. Band 6 der Reihe Demokratie: "Demokratieförderung unter Bedingungen fragiler Staatlichkeit". Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung. http://www.boell.de/downloads/internationalepolitik/Somalia-i.pdf

Bakonyi, Jutta (2001): Instabile Staatlichkeit. Zur Transformation politischer Herrschaft, in: Somalia. Arbeitspapier – Universität Hamburg IPW (PDF-Version). www.sozialwiss.uni-hamburg.de/

Höhne, Markus V. (2006): Traditional Authorities in Northern Somalia: Transformation of powers and positions. Working Paper Nr. 82, Halle/Saale: Max Planck Institute for Social Anthropology. http://www.eth.mpg.de/pubs/wps/pdf/mpi-eth-working-paper-0082.pdf

Grosse-Kettler, Sabrina (2004): External Actors in Stateless Somalia - A War Economy and its Promoters. BICC paper 39. Bonn: Bonn International Center for Conversion, 2004 (PDF-Version). http://www.bicc.de/index.php/publications/papers/paper-39

Berichte und Informationen der International Crisis Group zu Somalia. http://www.crisisgroup.org/en/regions/africa/horn-of-africa/somalia.aspx

Human Rights Watch (2010): Harsh war, harsh peace: Abuses by al-Shabaab, the Transitional Federal Government, and AMISOM in Somalia 2010. http://www.hrw.org/de/reports/2010/04/13/harsh-war-harsh-peace

Marchal, Roland (2008): Somalia: A New Front against Terrorism. http://hornofafrica.ssrc.org/marchal/printable.html

Fischer Weltalmanach http://www.bpb.de/wissen/VTJ6HE,0,0,Somalia.html

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04. Oktober 2011

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