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Geschichte, Religion und Gesellschaft

Der vergessene Freiheitsheld


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Subhas Chandra Boses umstrittenes Engagement für die Unabhängigkeit
Jochen Reinert
Wer hätte erwartet, ausgerechnet in Khajuraho, dem legendären Pilgerort der Freunde erotischer Kunst, Subhas Chandra Bose zu begegnen?
Subhas Chandra Bose
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Subhas Chandra Bose, undatierte Aufnahme
Als uns die Inhaberin eines kleinen Ladens erlesener indischer Handwerkskunst einen Blick in ihre gute Stube gewährt, stehen wir plötzlich vor drei großen Postern: der Hindu-Göttin Lakshmi, der verhalten lächelnden Powerfrau Indira Gandhi und eines entschlossenen Uniformierten – Bose. In Bengalen, seiner Heimat, wäre das kein Wunder gewesen; aber hier im zentralen Indien? Unserer Verwunderung begegnet die Gastgeberin mit den Worten: "Netaji hat uns die Freiheit gebracht."

Diese Begegnung war umso erstaunlicher, als Bose noch Ende der 80er Jahre im offiziellen Indien ein ausgesprochenes Schattendasein führte. Im Delhier Nationalmuseum für Indiens ersten Premier Jawaharlal Nehru war Bose – obwohl ein Mitstreiter Nehrus auf dem linken Flügel des Indischen Nationalkongresses (Indian National Congress, INC) – in eine Ecke verbannt.

Zur Person
Jochen Reinert (* 1941 - † 2009), hat Journalistik an der Universität Leipzig studiert, wo er zum Dr. rer. pol. promovierte. Er war unter anderem Auslandskorrespondent in Skandinavien und Südasien und hat in Zeitungen und Zeitschriften zahlreiche Beiträge zu Indien veröffentlicht.

Überhaupt tat sich Indien mit dem Erbe des Freiheitshelden lange Zeit schwer – bis ihn die Regierung an seinem 100. Geburtstag am 23. Januar 1997 in einem Festakt in Delhi in den Pantheon der bedeutendsten Führer des indischen Freiheitskampfes aufnahm.[1]

Bose wurde in Cuttak (Orissa) als Sohn eines Rechtsanwaltes geboren. Während seiner Studien an der Universität Kalkutta (heute Kolkata) unternahm er – beeinflusst von den hinduistischen Reformern Vivekananda und Aurobindo – eine Pilgerfahrt durch Indien, auf der er die koloniale Unterdrückung und die große Armut der Bevölkerung hautnah erlebte. 1919 schickten ihn die Eltern nach Cambridge, wo er die Prüfung für den Indian Civil Service bestand. Doch eine Karriere im Dienste der Kolonialmacht schlug er aus und schloss sich – nachdem er Mahatma Gandhi 1921 zum ersten Mal begegnet war – dem INC an. Dort machte er schnell politische Karriere. 1927 wurde er zum Vorsitzenden des bengalischen INC-Provinzkomitees und 1930 zum Oberbürgermeister von Kalkutta gewählt.

In den 30er Jahren reiste Bose zur Rekonvaleszenz nach längeren Haftzeiten in britischen Gefängnissen mehrmals nach Europa. Dabei lernte er 1934 in Wien die Österreicherin Emilie Schenkl kennen, die ihm als Sekretärin beim Schreiben seines Werkes "The Indian Struggle" (sinngemäß: Indiens Kampf) assistierte. In den folgenden Jahren pflegten beide eine intensive Korrespondenz. Von Bose sind nicht weniger als 162 Briefe an die Frau überliefert, die er am 26. Dezember 1937 in Bad Gastein heiratete.

In jenen Jahren stiegen Bose und Nehru als Sprecher der jungen Radikalen in die Führungsriege des INC auf. Am 18. Januar 1938 wurde Bose – er war zu dieser Zeit noch in Europa, wo er in London mit Lord Halifax und Clement Attlee, in Prag mit Präsident Benes und in Rom mit Vertrauten Mussolinis zusammentraf – auf Vorschlag Gandhis zum INC-Präsidenten gewählt. Am 11. Februar hielt Bose vor den Delegierten in Haripura (Gujarat) die bedeutendste Rede seiner politischen Laufbahn, in der er sein Konzept für ein freies Indien umriss. Die wichtigsten nationalen Probleme, die Abschaffung von Armut und Analphabetentum, könnten nur nach sozialistischen Grundsätzen gelöst werden, proklamierte er. Dazu bedürfe es einer starken Zentralregierung und einer radikalen Landreform. Als unentbehrlich bezeichnete er die industrielle Entwicklung des Landes unter staatlicher Kontrolle, geleitet von einer staatlichen Plankommission. Diese wurde bereits im Dezember 1938 auf seine Initiative hin mit Nehru als Vorsitzendem gebildet.

Bei der Wahl zum Präsidenten des Nationalkongresses für das Jahr 1939 kam es zu einer Machtprobe zwischen Gandhi und Bose. Entgegen den Vorstellungen des INC-Übervaters setzte sich Bose mit einer Mehrheit von über 200 Stimmen durch. Doch der persönliche Triumph verwandelte sich in eine politische Niederlage, da die INC-Führungsgremien Gandhi nicht brüskieren mochten. Am 29. April 1939 musste er von seinem Amt zurücktreten. Bose versuchte nun, innerhalb des INC einen Forward Bloc progressiver Kräfte zu etablieren.[2]

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs organisierte Bose Massenproteste gegen die Kriegsteilnahme indischer Soldaten. Von den Briten wurde er dafür zum zwölften Mal ins Gefängnis geworfen und anschließend unter Hausarrest gestellt. Doch der tatendurstige Bengale wollte sich damit nicht abfinden. Am 17. Januar 1941 entwich er aus Kalkutta und gelangte auf abenteuerlichen Wegen durch das nördliche Indien nach Kabul.

Suche nach Bündnispartnern: Bose in Berlin

In der weltpolitisch neuen Situation suchte Bose intensiv nach Bündnispartnern für die rasche Befreiung Indiens vom Kolonialjoch.
Gedenkstäte für Subhas Chandra Bose
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Gedenkstätte für Subhas Chandra Bose und die Indische Nationalarmee in Moirang im nordostindischen Unionsstaat Manipur
Foto: Stefan Mentschel

Dabei dachte er zunächst an die Sowjetunion. Doch Moskau fürchtete eine britische Provokation und lehnte die Avancen des indischen Linksnationalisten ab. Daraufhin suchte er Kontakte zu den Kabuler Botschaften Italiens und Hitlerdeutschlands.

Bose hatte schon in seiner Haripura-Rede dafür plädiert, im Befreiungskampf gegen die Briten Unterstützung in allen Ländern, ungeachtet deren innerer Entwicklung, zu suchen; selbst die kommunistische Sowjetunion schließe ja Allianzen mit nicht-sozialistischen Staaten. Bose hatte durchaus Kenntnis von den Menschenrechtsverletzungen in Deutschland und Italien, wollte diese aber ignorieren, "wenn Hitler und Mussolini ihm helfen würden, die britische Herrschaft zu besiegen", meint Bose-Biograph Leonard A. Gordon. [3]

Schließlich gelangte Bose nach langen Verhandlungen mit der deutschen Botschaft in Kabul mit einem italienischen Pass via Moskau am 3. April 1941 nach Berlin – die Briten hatten vergeblich geplant, diese Reise zu verhindern und den unbequemen Inder zu liquidieren. [4] Kaum in Berlin angekommen, unterbreitete Bose dem Auswärtigen Amt Memoranden über eine Kooperation der Achsenmächte mit den indischen Nationalisten zur Vertreibung der Kolonialmacht aus Indien.

Warum der linksnationalistische Politiker ausgerechnet das nationalsozialistische Deutschland als Bundesgenossen wählte, ist bis heute nicht vollends geklärt. Der indische Regisseur Shyam Benegal, der nach eindrucksvollen Filmen über Gandhi und Nehru 2003/04 ein großes Epos über Bose ("Netaji: The Forgotten Hero"/ "Netaji: Der vergessene Held") drehte, sagte in einem Gespräch während der Dreharbeiten in Berlin, Bose sei nach Hitlerdeutschland gegangen, weil er glaubte, beim Feind seines Feindes eine Exilregierung bilden zu können, um auf gleicher Augenhöhe mit ihm verhandeln zu können.

Doch das war wohl nicht das einzige Motiv. Bose war offensichtlich von den wirtschaftlichen und technischen Potenzen Nazideutschlands und der "Effektivität" seiner autoritären Führung beeindruckt. Das bedeutete freilich nicht, dass Bose – er wurde 1933 bei einem Besuch in München als "Neger" beschimpft – die rassistische Ideologie der Nazis ablehnte. Neben solchen Motiven für Boses Gang nach Berlin wurde seine Liaison mit Emilie Schenkl in der Vergangenheit oft nur am Rande erwähnt. Aber nach Ansicht der Publizistin Sarmila Bose war die mögliche "Wiedervereinigung" mit der geliebten Frau ein sehr starkes Motiv.[5]

Bose warb in Berlin mit großem Geschick für seine Pläne, erreichte aber schließlich nur Teilerfolge. Die Naziführung hatte, unter anderem basierend auf den abwertenden Indien-Passagen von Hitlers "Mein Kampf", große Vorbehalte gegenüber den indischen Freiheitskämpfern. Statt einer Provisorischen Regierung erlaubte man ihnen nur die Einrichtung einer "Zentrale Freies Indien". Boses Vize wurde A.C.N. Nambiar, später der erste indische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland. Entgegen dem Wunsch Boses verweigerten die Naziregierung eine offizielle Erklärung zur Unabhängigkeit Indiens. Lediglich die Etablierung der Radiostation Azad Hind (Sender Freies Indien) und die Bildung einer Indischen Legion kamen seinen Vorstellungen nahe.

Die Indische Legion war von Bose – er wurde von seinen Anhängern jetzt achtungsvoll Netaji (Führer) genannt – als Keimzelle künftiger indischer Befreiungsstreitkräfte gedacht. Ihre Wiege stand im sachsen-anhaltischen Annaburg, wo ab Sommer 1941 indische Kriegsgefangene konzentriert wurden, um Bose die Werbung für die Legion zu erleichtern. Schließlich schlossen sich 3500 der insgesamt 15.000 indischen Kriegsgefangenen der Achsenmächte der Legion an. Sie wurden fortan in Königsbrück bei Dresden ausgebildet.


18. Januar 2007

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