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Dossier - Lateinamerika

Kirche und Religion im laizistischen Staat


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Veit Straßner
In Montevideo steht das 30 Meter hohe Kreuz, das 1987 aus Anlass des Papstbesuches errichtet worden war. (Bild: Veit Straßner)
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In Montevideo steht das 30 Meter hohe Kreuz, das 1987 aus Anlass des Papstbesuches errichtet worden war. (Bild: Veit Straßner)
Christliche Feiertage wie Weihnachten, Heilige-Drei-Könige oder Ostern sucht man in den offiziellen Kalendern Uruguays vergebens. Stattdessen finden sich dort Bezeichnungen wie "Familientag" für den 24. Dezember, "Tag der Kinder" für das Drei-Königsfest, und die Karwoche vor Ostern heißt Semana de Turismo – "Reisewoche". Umbenannt wurden diese Feiertage im Zusammenhang mit den intensiv geführten Debatten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über die Rolle und den Ort der Religion im öffentlichen Leben Uruguays. Hier zeigt sich eine der Besonderheiten im Vergleich zu anderen Staaten Lateinamerikas: Die ausgeprägte Laizität der Gesellschaft, d.h. die strikte Trennung von Kirche und Staat sowie die Verlagerung der Religion in den Privatbereich.

Zur Person

Veit Straßner, geboren 1975 in Landau/Pfalz, hat Politikwissenschaft, katholische Theologie und Soziologie in Mainz und Santiago/Chile studiert. Im Jahr 2007 promovierte er in Mainz mit einer politikwissenschaftlichen Arbeit über Menschenrechtspolitik und Vergangenheitsbewältigung in Südamerika. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der katholisch-theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität.

Verteilung der Religionsgruppen in Montivideo.
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Verteilung der Religionsgruppen in Montivideo.
Uruguay ist mit Abstand das am wenigsten katholisch geprägte Land des oft als "katholischen Kontinent" bezeichneten Lateinamerikas. Bei einer Erhebung zur Religiosität in der Hauptstadt Montevideo aus dem Jahr 2001 gaben nur 54 Prozent der Befragten an, katholisch zu sein. Das Statistische Jahrbuch der katholischen Kirche ging für dieselbe Zeit hingegen von einem Katholikenanteil von rund 87 Prozent in ganz Südamerika aus. Unabhängig von der formalen Religionszugehörigkeit fragten Meinungsforscher des Latinobarómetro 2004 nach der religiösen Praxis der Bevölkerung – und das Ergebnis war eindeutig: Nur 26 Prozent der Uruguayer gaben an, eine Religion zu praktizieren (obwohl 81 Prozent an die Existenz Gottes glaubten). In den 17 Staaten, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde, lag der Anteil der religiös Aktiven bei rund 50 Prozent; Spitzenreiter waren Brasilien (53 Prozent); Panama (56 Prozent) oder El Salvador (60 Prozent). Worin liegen die Ursachen und historischen Hintergründe?

Historische Hintergründe

Nachdem 1616 Franziskaner und Jesuiten als erste Missionare in die Region des heutigen Uruguay gekommen waren, vollzog sich der Aufbau kirchlicher Strukturen nur sehr langsam. So wurde beispielsweise die erste katholische Diözese in Uruguay erst 1878 und somit mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Kolonialzeit eingerichtet. Prägend für die ausgesprochene Laizität Uruguays aber waren zum einen die von den Ideen der Aufklärung geleitete Unabhängigkeitsbewegung und zum anderen die starken liberalen und antiklerikalen Kräfte, welche die Entwicklung der noch jungen Republik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten. Der größtenteils staatlich gesteuerte Säkularisierungsprozess zog sich dabei über mehrere Jahrzehnte. Zu den Höhepunkten gehörten die Ausweisung des Jesuitenordens (1859), die Verstaatlichung der Friedhöfe (1861), die zuvor unter kirchlicher Obhut standen, und die Einführung der verpflichtenden standesamtlichen Trauung (1885) und der Ehescheidung (1907). Immer wieder kam es zur öffentlichen Konfrontation zwischen Befürwortern und Gegnern der Säkularisierung: So organisierten etwa antikatholisch-liberale Gruppen regelmäßig am Karfreitag, dem katholischen Fast- und Abstinenz-Tag schlechthin, vor den Kirchen provokante Gratis-Grillfeste, zu denen sie die Bevölkerung einluden. Die Debatten darüber, welche Rolle die Religion in der Gesellschaft spielt, fanden schließlich ihr vorläufiges Ende mit der Verfassungsreform von 1917, mit der die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben wurde. Um alles Religiöse aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, wurden schließlich auch die christlichen Feiertage umbenannt.

Die katholische Kirche zog sich in eine Parallelwelt zurück. Die Bischöfe sahen in der liberal und laizistisch geprägten Lebenswelt eine Gefahr für das "Seelenheil der Gläubigen" und versuchten "ihre Herde" vor diesen Gefahren zu bewahren. Ausdrücklich warnten sie in Hirtenbriefen immer wieder vor den modernen Übeln wie den laikalen Schulen, dem Kino und der an "Sodom und Gomorra erinnernden zügellosen Badekultur". Bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts spielten Religion und Kirche in Uruguay keine öffentliche Rolle.

Im Umfeld des II. Vatikanischen Konzils (1961–1965) wuchs die soziale Sensibilisierung der katholischen Kirche. Die Bischöfe begannen, gesellschaftliche und politische Missstände anzuprangern; die Sorge um die Armen und Ausgegrenzten rückte immer mehr ins Zentrum der kirchlichen Aktivitäten. Mit dem Militärputsch von 1973 wurde die Kirche in ihrem gesellschaftlichen Engagement wieder stark eingeschränkt. Dennoch war es ihr gelungen, sich aus der nach innen gewandten und selbstbezogenen Haltung zu befreien, in der sie seit 1917 verharrt hatte. Die Kirche nahm fortan am gesellschaftlichen Leben teil, ohne aber den laizistischen Grundkonsens in Frage zu stellen und ohne ihrerseits eine aktive Rolle in der Politik einzufordern oder anzustreben.


29. September 2007

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