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Dossier - Lateinamerika

Fidel Castro und die Geschichte Kubas


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Michael Zeuske
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Fidel Castro 1957 in den kubanischen Sierra Maestra Bergen. (Bild: ap)
Kuba ist das einzige Land der Welt, das einen Regierungschef hat, der obwohl krank, von 1959 bis heute an der Macht ist – Anfang 2008 werden das 49 Jahre sein! Kubas Politik wird seit 1959 weitgehend durch zwei Persönlichkeiten bestimmt: Fidel Castro (geb. offiziell 13. August 1926 oder 1927 in Birán, Oriente), 1959 bis 1976 als Ministerpräsident, 1976 bis 2006 als Staatspräsident, und seinem jüngeren Bruder Raúl Castro Ruz (geb. 3. Juni 1931 in Birán, Oriente).

Zur Person

Prof. Dr. Michael Zeuske, geb. 1952 in Halle/Saale. Historiker. Professor für Iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität zu Kön. Zu seinen Publikationen zählen "Insel der Extreme. Kuba im 20. Jahrhundert", Zürich 2004; "Schwarze Karibik. Sklaven, Sklavereikulturen und Emanzipation", Zürich 2004; "Kleine Geschichte Kubas", München 2007.

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Am 24. Februar 2008 wurde Raúl Castro (hier auf einem Foto aus dem Jahr 2007) vom Parlament zum Staatsoberhaupt und Regierungschef gewählt, er löste damit seinen Brudel Fidel ab. (Bild: ap)
Die Biografie von Fidel Castro ist durch unzählige Bücher bekannt. Weniger bekannt ist das politische Leben von Raúl Castro: zeitig Mitglied des Partido Socialista Popular (PSP, die alte kommunistische Partei), wurde der jüngere Castro nach dem Sieg der Guerilla Anfang 1959 zunächst Armeeminister (seit 16. Oktober 1959: Ministerio de las Fuerzas Armadas Revolucionarias - Minfar), seit 1962 stellvertretender Ministerpräsident (und seit dem Rückzug Ernesto Che Guevaras (1960) 1965 Zweiter Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas, PCC - Partido Comunista Cubano), seit 1976 erster Vizepräsident des Staatsrates und des Ministerrates. Raúl Castro ist heute Vier-Sterne-Armeegeneral; er kontrolliert seit 1989 neben dem Armeeministerium (Minfar) auch das Innenministerium (Ministerio del Interior – Minint, seit 1961, der gegenwärtig agierende Innenminister Abelardo Colomé Ibarra ist General der Armee und Mitglied des Politbüros) und ist seit August 2006 Interims-Präsident des Staats- und Ministerrates in Vertretung seines Bruders.

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Der kranke Fidel Castro im Oktober 2006. Mittlerweile hat er die Macht auf der Karibikinsel an seinen Bruder Raul übergeben. (Bild: ap)
Diese "lange Dauer" des harten Kerns der kubanischen Regierung, dessen Umfeld allerdings in den letzten zehn Jahren verjüngt worden ist, war sicherlich zunächst Verdienst der Brüder Fidel und Raúl Castros selbst. Fidel Castro zählt zu den bedeutendsten Politikern des 20. Jahrhunderts; Raúl Castro wirkte bis 2006 eher im Hintergrund. Vor allem aber ist diese Struktur der kubanischen Regierung das Ergebnis der von der US-Administration Eisenhower 1960 verhängten Blockade über Kuba (und ihrer Verschärfung im Helms-Burton-Gesetz von 1996 sowie weiterer Aktivitäten der US-Administration) und das historische Ergebnis des Zusammenspiels unterschiedlicher Elemente der Globalisierung seit etwa 1800, ihren Auswirkungen auf die Menschen, die im Zuge dieser Globalisierung nach Kuba verschleppt wurden oder als Migranten kamen, der starken sozialen Hierarchisierung durch das zeitige Eindringen eines erbarmungslosen Freihandelskapitalismus sowie der Kämpfe von kubanischen Mittelklassen, Intellektuellen, Bauern, freien Farbigen und ehemaligen Sklaven gegen spanische, US-amerikanische oder andere ausländische Dominanz. Geschichte ist nie tot, sie ist meist nicht einmal vergangen. Die traditionellen Eliten Kubas, vor allem die Oberschichten der größten Städte Havanna und Matanzas, trieben seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Entwicklung einer hochmodernen und stark technologisierten Zuckerproduktion mit Massensklaverei voran, die fast zu einer eigenständigen Industrialisierung "ohne Fabrikindustrie" auf Kuba geführt hätte, wenn Kuba nicht Kolonie Spaniens und damit die "melkende Kuh" eines alten und ziemlich unmodernen Imperiums gewesen wäre. Zugleich sicherte dieses Imperium die militärisch-politischen Grundvoraussetzungen eines kolonialen Unterdrückungssystems, in dem einzig und allein die Sklavereiwirtschaft funktionieren konnte. Die in ihrer Zeit hochmoderne Zuckerwirtschaft führte zwar zu hohen Profiten sowie zu Luxus der relativ kleinen Oberklassen und zu hohen Pro-Kopf-Verdiensten für die freien Angestellten der Zuckerproduktion. Aber sie konnte nur mit der massiven Verschleppung unfreier Arbeitskräfte aus Afrika und der massiven Elendsmigration armer Landarbeiter aus Spanien, vor allem aus Galicien und den Kanaren sowie aus der Karibik, aufrecht erhalten werden. Seit 1820 geschah diese Versorgung durch atlantischen Sklavenschmuggel, mit dem wegen des internationalen Sklavenhandelverbots gigantische Gewinne erzielt werden konnten. Havanna wurde zur Welthauptstadt des Zuckers. Der kubanische Zucker, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts in einem effizienten Fabrikkomplex mit Kapital aus dem Sklavenschmuggel finanziert und für den offenen Weltmarkt produziert sowie verkauft wurde, war ein weltweit gefragtes Qualitätsprodukt (raffinierter Weißzucker). Die Eliten des Zuckers und der Sklaverei sowie des Sklavenhandels bildeten eine kosmopolitische Gruppe, die die Kolonialherrschaft zwischen Madrid in Spanien und Havanna auf Kuba organisierte, nachdem Spanien in den langwierigen Unabhängigkeitskriegen zwischen 1810 und 1830 seine kontinentalen Festlandskolonien wie Mexiko, Venezuela, Neu-Granada, Argentinien und Peru verloren hatte. Allerdings hatte die Krone in Spanien nur während der Zeit der Kriege den kreolischen Oligarchien Kubas (vor allem Havannas) weitgehende Freiheit in wirtschaftlichen Dingen gewährt, über die sich selbst ein Alexander von Humboldt in seinem berühmten "Essay über die Insel Kuba" (1826) getäuscht hatte.

Nach 1837 kam es zu einer Allianz zwischen spanischen Liberalen und spanischen Kaufleuten vor allem aus dem Sklavenschmuggel (negreros), was zur Bildung einer extrem konservativen, aber freihändlerisch (also im Grunde liberal) eingestellten, zugleich ultramontanen, imperialen und rassistischen Kolonialoligarchie führte, in der Kubaner (das bedeutete in diesem Falle auf Kuba geborene Eliten) nur noch die Rolle von Juniorpartnern spielten. Die nunmehr ausgebooteten traditionellen urbanen Oligarchien Kubas wiederum - und das ist ein Grundzug kubanischer Geschichte bis heute, überschätzten ihre einmal erlangten strategischen Positionen im Zucker und ihre Stärke auf Basis von Zuckerreichtum und Sklaverei sowie deren Modernität. Sie nahmen – unter kolonialen Bedingungen – das Konzept der Nation auf und versuchten es gegen konservative "neue" spanisch-kubanische Kaufleuteoligarchien, darunter viele extrem reiche Negreros, aber zugleich gegen die Masse der auf die Insel verschleppten Menschen aus Afrika und gegen die armen spanischen Migranten, von denen sie zugleich als billigen Arbeitskräften abhingen, durchzusetzen. Die spanischen Kaufleute, Finanziers und Negreros übernahmen wegen Verschuldung die Zuckerproduktion und verdrängten die alten kubanischen Oligarchien mehr und mehr aus dem Zentrum dieser Gesellschaft. Dieses zusammen bildete schon Mitte des 19. Jahrhunderts ein solch explosives Gemisch, dass Spanien nicht ein Jahr zwischen 1825 und 1898 davon ablassen konnte, die Insel durch Generalkapitäne, im Grunde Militärdiktatoren mit Sondervollmachten, regieren zu lassen, zumal sich die Sklaven auf eigene Weise (Aufstände, Streiks, Cimarronaje, eigene kulturelle Formen wie synkretistische Religionen) wehrten. Seit den 1860er-Jahren kam es zu einer generellen Krise dieser Gesellschaft. Diese Kolonialkrise kulminierte zwischen 1868 und 1898 in einer Reihe langanhaltender Kolonial-, Befreiungs- und Bürgerkriege unter Anführern aus den kubanischen Mittelklassen an der Spitze regelrechter Armeen aus ehemaligen Sklaven und kubanischen Bauern (guajiros). Die verwickelten Kämpfe endeten schließlich 1898 darin, dass die USA in den Konflikt zwischen Kubanern und Spaniern eingriffen und die Staats- und Nationsbildung auf Kuba insofern kanalisierten, als die alten Eliten, denen es gelungen war, die Zuckerwirtschaft kontinuierlich zu modernisieren, zu erhalten, ebenso wie die Strukturen des großen Landeigentums (Latifundien). Die Bildung einer modernen, transrassialen Nation auf Kuba hatte zwar im Befreiungsheer erstaunliche Fortschritte gemacht, konnte aber nur auf den unteren Ebenen des politischen Systems unter Kontrolle der USA (die Kuba von 1899 bis 1902 und von 1906 bis 1909 okkupiert hatten) zum Zuge kommen, in Verbindung mit den ebenfalls im Kriege formierten Klientelbeziehungen. Damit trat Kuba als verspätete Nation, zugleich mit einer extrem effizienten wirtschaftlichen (agrarischen) sowie globalisierten Basis und einer konservativen, aber sehr kosmopolitischen und auf Modernisierung orientierten Oberklasse in die Existenz als eigenständige Nation, die freilich unter der Kontrolle des Platt-Amendments und US-amerikanischer Prokonsuln stand und eine Bauernschaft sowie arme Stadtbevölkerung hatte, die sich über die ersten 57 Jahre der Existenz Kuba als Republik um einen Sieg und gerechte Agrarreformen betrogen sehen musste.


08. Januar 2008

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