kulturelle Bildung
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Was ist politische Bildung?


29.9.2009
Wie hat sich die politische Bildung in Deutschland entwickelt? Welche Ziele verfolgt sie? Und welcher Methoden bedient sie sich? Eines steht fest: Politische Bildung ist im schulischen und außerschulischen Bereich längst etabliert. Dennoch gibt es Tendenzen, die aktuell kontrovers diskutiert werden.

Menschen, die sich für ihr Parlament begeistern: Ein Traum politischer Bildner.
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Zum Begriff der "politischen Bildung"



Politische Bildung ist die im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Bezeichnung für Lernangebote, die in pädagogischer Absicht Fähigkeiten und Wissen von Menschen im Umgang mit Politik entwickeln wollen. In jüngerer Zeit bezieht sich politische Bildung hierfür auf Erkenntnisse und Methoden der Sozialwissenschaften. Allerdings ist politische Bildung als Aufgabe des Bildungssystems älter als die sozialwissenschaftlichen Disziplinen im Wissenschaftssystem. So gehörte politische Bildung schon seit Beginn des neuzeitlichen Schulsystems im 16. Jahrhundert zu den Aufgaben der Schule – zunächst im Rahmen der religiösen Erziehung, später als Element des Geschichts-, Geografie- oder Deutschunterrichts.[1] Eine eigenständige Fachdiskussion über politische Bildung, auf die im Folgenden Bezug genommen wird, begann erst im späten 19. Jahrhundert.

Im Englischen entsprechen dem deutschen Begriff der politischen Bildung in erster Linie die Bezeichnungen Civic Education oder Citizenship Education. Der Begriff Political Education findet sich ebenfalls in der Literatur, ist aber bislang weniger gebräuchlich, weil sich mit ihm in manchen Ländern die Assoziation einer im politischen Sinn einseitigen, manipulativen Erziehung verbindet. So schreibt beispielsweise Ingrid Halbritter über eine Reihe von südosteuropäischen Staaten, dass angesichts einer verbreiteten Politikverdrossenheit "politische Bildung" dort "ein schwieriger Begriff ist, denn ihr Gegenstand ist ja die ungeliebte Politik. Außerdem wird mit ihm noch immer die Indoktrinierung verbunden, die den Bürgern in dieser Region unter der kommunistischen Herrschaft aufgezwungen wurde."[2] Auch deshalb lautete der Titel eines Förderprogramms des Europarats für politische Bildung vorsichtiger "Education for Democratic Citizenship".

In den Schulen ist politische Bildung in vielen Ländern Teil eines weiter gefassten integrativen Faches oder Lernbereichs (in Verbindung insbesondere mit Geschichte, Geografie, Wirtschaft und Ethik), für den in Anlehnung an das Modell der USA die Bezeichnung Social Studies (bzw. entsprechende Übersetzungen) häufig verwendet wird.[3]

Entwicklungsphasen der politischen Bildung in Deutschland



Eine eigenständige Fachdiskussion zur politischen Bildung begann in Deutschland wie auch in anderen Ländern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hintergrund war die Entstehung der modernen (National-)Staaten, mit der sich die Frage nach einer angemessenen Vorbereitung der (jungen) Menschen auf die neue Rolle als Staatsbürger – an Stelle der Rolle des fürstlichen Untertanen – stellte. Staatsbürgerliche Erziehung oder Staatsbürgerkunde waren denn auch die in Deutschland im Wilhelminischen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und kurioserweise auch wieder in der DDR die dominierenden Bezeichnungen für die entsprechenden, nach und nach entstandenen Schulfächer.

Die Bezeichnung politische Bildung für diese neue Bildungsaufgabe wurde wohl zuerst im Jahr 1891 von dem damals neu gewählten Rektor der Universität Wien, Adolf Exner, geprägt [4]. In Deutschland erschien erstmals 1908 eine Monografie, die "politische Bildung" im Titel führte. [5] Trotz solcher frühen Ansätze kam es in Deutschland bis 1945 (bzw. im Osten bis 1989) nicht zur breiten Durchsetzung einer demokratischen orientierten politischen Bildung. In den deutschen Diktaturen wurden frühere Ansätze durch eine massive Indoktrinationspolitik in Schule und außerschulischer Bildung ersetzt.

Ein demokratischer Neubeginn wurde in der politischen Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in Westdeutschland von den Alliierten zwischen 1945 und etwa 1950 mit einer Politik der Re-education, der demokratischen Neuerziehung, angestoßen. In den 1950er-Jahren standen zunächst Rückbezüge auf die staatsbürgerliche Erziehung von vor 1933 und Versuche eines Neubeginns mit einer sozialerzieherisch ausgerichteten "Partnerschaftserziehung" im Wettstreit miteinander.[6] In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren geriet die politische Bildung dann in die Konflikte im Umfeld der Studentenbewegung und wurde zeitweise selbst zu einem politischen Kampffeld. So standen z.B. in Hessen und Nordrhein-Westfalen neue Schulbücher und Lehrpläne für das Fach im Zentrum von Landtagswahlkämpfen. Innerhalb der Fachdiskussion der politischen Bildung wurde die damalige politische Polarisierung 1976 mit dem "Beutelsbacher Konsens" beendet, der in drei Prinzipien klarstellte, dass politische Bildung strikt von jeder Indoktrination unterschieden werden muss und nicht die Aufgabe haben darf, für bestimmte politische Positionen zu werben:


Fußnoten

1.
Vgl. Sander 2004.
2.
Halbritter 2004, S. 57.
3.
»Vgl. zur internationalen Situation der politischen Bildung die Themenhefte 4/2004 und 4/2007 der Zeitschrift kursiv – Journal für politische Bildung:«
4.
Vgl. Exner 1892 sowie dazu Sander 2009.
5.
Rühlmann 1908.
6.
Vgl. zur Geschichte der politischen Bildung nach 1945 Sander 2004, 113 ff., sowie Gagel 2005.
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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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