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Konzepte, Strategien und Tätigkeitsfelder
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Versöhnung |  |
| Marcel Baumann |
Wie soll man in der Zukunft zusammenleben, wenn man durch die Vergangenheit getrennt wird? Die Schrecken der Vergangenheit können die Gegenwart stets einholen und neue Zerwürfnisse auslösen, die den politischen Neuaufbau gefährden können.
Haben Nachbürgerkriegsgesellschaften ihre Vergangenheit nicht verarbeitet, bilden erneute Gewaltereignisse stets die Gelegenheit zu Provokationen mit der "allzu gegenwärtigen Vergangenheit" (Desmond Tutu). Dadurch können zerbrechliche Friedensprozesse von extremistischen Gruppen bewusst untergraben werden. Unter "Versöhnung" wird jener Prozess verstanden, der die Zukunft gegen die Vergangenheit resistent zu machen vermag. Versöhnung ist zugleich Kern und Ziel jeglicher konstruktiven Friedenskonsolidierung und Vergangenheitsarbeit.
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Zur Person |
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Marcel M. Baumann Marcel M. Baumann, M.A., geb. 1975, studierte Politikwissenschaft, Psychologie und Geschichte in Freiburg und Basel, Abschluss Master of Arts in Peace and Conflict Studies an der University of Ulster. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung in Freiburg und promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Fragilität von Friedensprozessen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind zivile Konfliktbearbeitung, Friedenstheorien, Gewaltsoziologie sowie die regionalen Schwerpunkte Nordirland, Südafrika, Mazedonien.
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 |  | Das deutsche Wort Versöhnung leitet sich von Sühne, sühnen ab. Dem Begriff liegt die Idee zugrunde, dass Täter für die von ihnen verschuldeten Schäden und Verletzungen eine Wiedergutmachung leisten, also Sühne tun. Als Sühne (vom althochdeutschen suona = Gericht, Urteil, Gerichtsverhandlung, Friedensschluss) wird ein Akt bezeichnet, durch den ein Mensch, der durch ein Verbrechen anderen Menschen geschadet hat, mit diesem wieder Frieden schließt. Oft über Gott vermittelt, wird die zerstörte Beziehung zwischen Täter und Opfer und deren sozialen Gruppen wieder hergestellt. Wenn direkte Wiedergutmachung nicht möglich ist, wird die Schuld durch Strafe gesühnt und damit abgetragen. Dadurch erleben die vom Unrecht betroffenen Personen Genugtuung. Sühne kann auch von den Tätern ausgehen, indem sie sich durch Sonderleistungen oder Verzichte selbst bestrafen und/oder gegenüber den Opfern um Vergebung bitten.
Dieses Verständnis von Versöhnung ist stark in einer christlichen Vorstellungswelt verhaftet. Das ist längst nicht in allen Sprachen und Kulturen so. Zum Beispiel kommt das griechische Wort für Versöhnung katallage (ver-ändern, ver-tauschen) aus der antiken Diplomatensprache und bezeichnet den Vorgang des Friedensschlusses. Ähnlich verhält es sich mit dem lateinischen Begriff reconciliare, der von conciliare (vereinen, zusammenbringen) abgeleitet ist. Dabei geht es primär um die Wiederherstellung einer Vereinigung/Beziehung nach der Anwendung von Gewalt. Diese Bedeutung ist mit dem Begriff reconciliation auch ins Englische und Französische und mit leichten Abwandlungen in die anderen romanischen Sprachen übernommen worden. Der unterschiedliche Entstehungs- und Bedeutungshintergrund deutet auf die starke Kultur- und Religionsabhängigkeit des Verständnisses von Versöhnung in verschiedenen ethnischen Gruppen, Nationen und Zivilisationen hin. Das ist sicher ein Grund dafür, warum sich auch die Friedens- und Konfliktforschung mit der Definition so schwer tut. Die Konzepte von John Paul Lederach und Johan Galtung gehören zweifellos zu den repräsentativsten und einflussreichsten Ansätzen.
Versöhnung nach John Paul Lederach: ein Ansatz in der christlichen Tradition
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  |  | Das stark an christlichen Vorstellungen ausgerichtete Versöhnungskonzept des US-amerikanischen Mennoniten, Friedensaktivisten und Friedensforschers John Paul Lederach stützt sich auf drei zentrale Prämissen. Erstens stellt Lederach fest, dass es bei Versöhnungsprozessen nicht darum gehen dürfe, die Beziehungen zwischen den ehemals verfeindeten Parteien zu verringern. Vielmehr müssten "Mechanismen aufgebaut werden, die die Konfliktseiten miteinander zu einer mitmenschlichen Beziehungen verpflichten".
Daraus ergebe sich zweitens die Forderung, Versöhnung pro-aktiv als ein Prozess der Begegnung und des Austausches zu gestalten. Damit ist nicht bloß der Kontakt zwischen Konfliktgruppen bzw. verfeindeten Individuen gemeint, sondern eine Reihe sich gegenseitig bedingender Aktivitäten, welche die Dynamik der Versöhnung in Gang bringen sollen. Die Beteiligten an Versöhnungsprozessen müssen sich der Vergangenheit stellen, indem sie ihre eigene Schuld anerkennen und die Darstellung der jeweils anderen Seite ernst nehmen. So könne ein Weg gefunden werden, getrenntes Leid in geteiltes Leid zu verwandeln, d.h. eine gemeinsame Bewältigung der Vergangenheit zu erreichen.
Drittens benennt Lederach die Elemente, die zusammenwirken müssen, damit Versöhnung überhaupt erreicht werden kann. An dem "Versöhnung genannten Ort" müssten sich "Wahrheit", "Vergebung", "Gerechtigkeit" und "Frieden" treffen und möglichst in eine ausgewogenen Balance gebracht werden:
"Truth is longing for acknowledgement of wrong and the validation of painful loss and experiences, but it is coupled with Mercy, which articulates the need for acceptance, letting go, and a new beginning. Justice represents the search for individual and group rights, for social restructuring, and for restitution, but it is linked with Peace, which underscores the need for interdependence, well-being, and security".
Ein Versöhnungsprozess besteht also darin, Orte bzw. Institutionen zu schaffen, in dem sich die Konfliktparteien begegnen können, um miteinander die verletzten und zerstörten sozialen Beziehungen zu heilen und neue soziale Beziehungen herzustellen.
Versöhnung nach Johan Galtung: der Ho’o ponopono-Ansatz
Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung nähert sich dem Versöhnungsbegriff von einer dezidiert rational-analytischen Warte. Ähnlich wie Lederach betont er den unauflöslichen Zusammenhang der drei wichtigsten Elemente der Konfliktnachbereitung – der Lösung des Konflikts, des Wiederaufbaus und der Versöhnung. Alle drei Teilprozesse müssen eng verwoben und zeitgleich in Angriff genommen werden. So sollten z.B. die ersten Versöhnungsanstrengungen bereits nach den ersten Gewalthandlungen unternommen werden.
Nach einem Überblick über alle gebräuchlichen Versöhnungsansätze (Entschuldigen/Verzeihen, Reue, Strafe, Wiedergutmachung, Vergangenheitsbewältigung, Traumabearbeitung, Karma, gemeinsame Trauer, gemeinsamer Wiederaufbau, gemeinsame Konfliktlösung) favorisiert Galtung den aus dem polynesischen Kulturkreis stammenden Ho’o ponopono-Ansatz. Dahinter steckt die Idee, auf der Grundlage einer für alle Beteiligten akzeptablen Darstellung des Konflikts zu einer Art Schlusspunkt zu gelangen, indem alle Beteiligten ihren Anteil an der Schuld und Verantwortung öffentlich einräumen und dann ebenso öffentlich ihre Bereitschaft erklären, ihren Beitrag zur Beilegung des Konflikts, zur Überwindung der Konfliktursachen und zur Wiedergutmachung des Schadens zu leisten.
Der Ansatz verlangt vom Vermittler/Moderator ein tiefes Verständnis der gesamten Situation, um die Konfliktparteien in einem Ho'o ponopono zusammenzuführen zu können. Für das traditionelle westliche Kulturverständnis stellt diese Form der Versöhnung eine große Herausforderung dar, da die westliche Kultur – so Galtung – hauptsächlich den "Bestrafungsansatz" gewählt hat, der sich primär gegen die einzelnen Täter richtet. Mit dem ganzheitlichen Ansatz der polynesischen Kultur werden dagegen immer auch die Folgen für die gesamte Gemeinschaft, aber vor allem die Verantwortung der Gemeinschaft für den Ausbruch von Gewalt und ihr möglicher Beitrag für die Überwindung der Folgen in den Blick genommen.
Literatur
Johan Galtung (1997): Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen, in: Wilfried Graf/Dieter Kinkelbur (Hrsg.): Der Preis der Modernisierung. Struktur und Kultur im Weltsystem, Wien, S. 170-211.
Johan Galtung (1998): Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur, Opladen: Leske+Budrich.
John Paul Lederach (1997): Building Peace: Sustainable Reconciliation in Divided Societies, Herndon, VA: USIP Press, December 1997.
John Paul Lederach (1999): A Journey towards Reconciliation, Scottdale, PA: Herald Press.
Hans-Richard Reuter (2002): Ethik und Politik der Versöhnung, in: Gerhard Beestermöller/Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Politik der Versöhnung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 15-36.
30. März 2007 |  |
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