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Konzepte, Strategien und Tätigkeitsfelder

Nicht nur Worte – Identität und Konflikt

Lutz Schrader
Post-Konfliktgesellschaften bleiben solange fragil, wie es nicht gelingt, den Friedensprozess in den lokalen Gegebenheiten zu verankern. Doch wurden die kulturellen Ressourcen meist missbraucht, um Gewalt gegen Andere zu rechtfertigen. Identitätsarbeit will diese Ressourcen wieder zu einer Stütze des Friedensprozesses machen.

Die Umbenennung des Flughafens in Skopie in Flughafen "Alexander der Große" ist Teil der Identitätspolitik der mazedonischen Regierung. Foto: AP
Die Umbenennung des Flughafens in Skopie in Flughafen "Alexander der Große" ist Teil der Identitätspolitik der mazedonischen Regierung. Foto: AP

Kollektive Identitäten sind der Schlüssel zu den kulturellen Ressourcen einer Gemeinschaft bzw. Gesellschaft. Die Dynamik von Konflikten bzw. Friedensprozessen ist in hohem Maße davon abhängig, welche politischen, religiösen, intellektuellen und kulturellen Eliten den Zugang zu diesen Ressourcen kontrollieren und inwieweit sie diese Machtstellung nutzen, um die Konflikte anzuheizen oder den Friedensprozess zu unterstützen.

Zur Person
Lutz Schrader
Lutz Schrader, geb. 1953, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Frieden und Demokratie der FernUniversität in Hagen. Dort koordiniert er zwei friedenswissenschaftliche Studiengänge. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Konfliktentwicklung im westlichen Balkan, Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Akteure in bewaffneten Konflikten sowie Friedens- und Konflikttheorien.

Ein Beispiel für einen konfrontativen Umgang mit kollektiven Identitäten ist die Politik der gegenwärtigen Regierung Mazedoniens. Unter dem Stichwort der "Antikisierung" scheut sie nicht Mittel und Kosten, um die über Jahrhunderte unumstrittene slawische Identität der Bevölkerungsmehrheit in eine "antike makedonische Identität" umzuwandeln. In vielen Städten werden Denkmäler für Alexander den Großen oder dessen Vater, Philip den Makedonier, errichtet. Auch der hauptstädtische Flughafen trägt inzwischen den Namen des großen makedonischen Eroberers und populärsten griechischen Volkshelden. Von der Regierung großzügig finanziert, werden zahlreiche Ausgrabungsstätten unterhalten, um zu beweisen, dass das heutige Mazedonien die Wiege der antiken Kultur darstellt. Das neue Geschichtsbild wird in TV-Sendungen und Geschichtsbüchern offensiv verbreitet.

Die Identitätspolitik der mazedonischen Regierung richtet sich nicht nur gegen Griechenland, das alles versucht, eine Vereinnahmung seines antiken Erbes durch den nördlichen Nachbarn zu verhindern. So blockiert Athen seit Jahren die internationale Anerkennung des Namens "Republik Mazedonien".[1] Der Hauptstoß richtet sich jedoch gegen die politische Konkurrenz im Innern. Die oppositionellen Sozialdemokraten, die an der slawischen Identität festhalten, sollen dauerhaft in die Defensive gedrängt werden. Die größte Minderheit der Albaner (rd. 25%), die gestützt auf ihre vorgeblich illyrischen Wurzeln bislang für sich in Anspruch nehmen konnte, vor der slawischen Besiedlung in der Region präsent gewesen zu sein, soll mit dem bis in die Antike zurückreichenden Ursprungsmythos überboten werden.

Anstatt nach einer nationalen Identität für das 21. Jahrhundert Ausschau zu halten, die das multiethnische Land auf der Grundlage einer gemeinsamen politischen Identität integrieren und fest im westlichen Balkan verankern kann, beschreitet die mazedonische Regierung den Weg der Spaltung und Konfrontation. Sie riskiert damit, wie der Menschenrechtler und Politologe Zarko Trajanovski mahnt, "eine neue Nation zu errichten und dafür den [bestehenden] Staat zu zerstören".[2]

Identitätsarbeit als wichtiger Bereich der Friedensförderung

Wie das Beispiel Mazedonien zeigt, hängt die nachhaltige Befriedung innerstaatlicher Konflikte mindestens ebenso stark vom Aufbau effizienter Institutionen und einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung wie von der (Wieder-)Herstellung intakter sozialer Beziehungen zwischen den Konfliktparteien ab. Voraussetzung dafür ist sowohl die vorbehaltlose Aufarbeitung der wechselseitigen Gewalterfahrungen in der Vergangenheit als auch die Verständigung auf einen gemeinsamen Zukunftsentwurf, in dem sich alle politischen und ethnischen Gruppen wiedererkennen können.

Die kollektive Identität gibt den Rahmen allgemein anerkannter Werte und Prinzipien vor, innerhalb dessen die Individuen und Gruppen für ihre Interessen und Ziele, ihre Organisationsformen und normativen Ideen, ihre kulturellen Traditionen und religiösen Überzeugungen Geltung und Akzeptanz beanspruchen können. Was diese "Symbolordnung des Politischen" nicht integriert, wird von der "In-Group"[3] als andersartig und fremd, letztlich als nicht legitim betrachtet. Die Möglichkeit der Identifikation macht die verschiedenen Mitglieder einer Gesellschaft erst zu einem "Wir"; sie schafft eine Nation. Auch gibt sie für das Verhältnis zu anderen Nationen und Gemeinschaften den Spielraum für Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor.

Um die Mauern in den Köpfen und die gegenseitige Schließung ehemaliger Konfliktparteien entlang ethnischer und/oder religiöser Trennlinien zu überwinden, empfiehlt sich ein abgestimmtes Vorgehen zwischen der internationalen Staatengemeinschaft und der Zivilgesellschaft, das politisch-institutionelle und sozio-kulturelle Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Die Herausforderung besteht darin, ethno-politischen Scharfmachern den Zugriff auf relevante kulturell-symbolische Ressourcen (z.B. nationale Symbole, kollektive Mythen und Traumata) zu entziehen und einen Beitrag dazu zu leisten, dass diese zu einem Rückhalt für die Friedensförderung werden können.

Handlungsmöglichkeiten der internationalen Gemeinschaft

Funktionierende Staaten verfügen nicht nur über das Monopol auf physische Gewalt, sondern auch auf "symbolische Gewalt". Sie haben also die Macht zu kategorisieren und zu identifizieren, "was was und wer wer ist" (Brubaker 2007: 68). Damit diese Macht nicht in falsche Hände gerät, ist die internationale Präsenz in Post-Konfliktregionen darauf gerichtet, die politischen Verantwortlichen dazu anzuhalten, jede Form von Ausgrenzungs- und Hasspropaganda zu unterlassen.

Wie schwierig es für externe Akteure ist, Fehlentwicklungen zu vermeiden und den Entwurf friedensfördernder Identitäten zu unterstützen, zeigt das Beispiel zahlreicher Friedensprozesse (Bosnien, Ruanda, Kosovo, Libanon, Mazedonien usw.). Die Vertreter von Drittstaaten und internationalen Organisationen können zwar durch mehr oder weniger öffentliche Einflussnahme einen Rahmen setzen und problematische Einzelmaßnahmen blockieren. In der Regel scheinen sie jedoch auf die Gewährleistung von Stabilität und das Wohlverhalten der nationalen Eliten zu setzen. Langfristige Veränderungsprozesse erhoffen sie sich v.a. von der Förderung der politischen Demokratisierung und wirtschaftlichen Liberalisierung sowie von Ansätzen der regionalen Zusammenarbeit.

Handlungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft

Durch eine enge Kooperation mit lokalen zivilgesellschaftlichen Akteuren können internationale NGOs, Städtepartnerschaften, Bildungseinrichtungen, Institute u.a. die Erarbeitung friedensfördernder, inklusiver Identitäten in Post-Konfliktgesellschaften unterstützen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten und Wege, um Post-Konfliktgesellschaften über die Gefahren fortgesetzter ethnisch-religiöser Verfeindung aufzuklären und eine Kultur der Verständigung und des Friedens zu fördern:
  • Kritik ausgrenzender und diskriminierender ethnischer, religiöser und anderer Gruppen-Identitäten (z.B. Eliten, Gender);
  • Erforschung traditioneller Identitätsbezüge (Geschichte, Mythen, Rituale usw.) im Hinblick auf ihr Frieden und Verständigung förderndes Potenzial;
  • Entwicklung von Vorschlägen zur Neugestaltung interethnischer und -religiöser Beziehungen (z.B. Schulbuchreform, gemeinsame Rundfunkstationen oder Zeitungen);
  • Monitoring der Umsetzung von Gesetzen gegen die Diskriminierung benachteiligter Gruppen;
  • Beratung und Training von Multiplikatoren zu Grundlagen und Methoden der Identitätsforschung, der Identitätspolitik und Identitätsarbeit;
  • Errichtung bzw. Umgestaltung von Gedenkstätten und Museen zu zentralen Ereignissen und Orten der gemeinsamen Geschichte;
  • Wiederbelebung oder Neueinführung von Feiertagen, Ritualen und Festen zur Wiederentdeckung bzw. Begründung gemeinsamer konstruktiver Mythen.
Überwindung traditioneller Bilder von Männlichkeit

Wie erfolgreiche Identitätsarbeit auf der individuellen Ebene aussehen kann, zeigt ein Projekt mehrerer internationaler und lokaler NGOs zum Thema "Erkundung der Dimensionen von Männlichkeit und Gewalt". In einem fünftägigen Workshop mit männlichen Jugendlichen aus Bosnien, Kroatien, Montenegro und Serbien nach der Methode "Partizipatives Lernen und Handeln" (PLA) setzten sich die Teilnehmer kreativ mit ihren eigenen Rollenbildern und ihrem kulturell geprägten Verhältnis zu Gewalt auseinander. Dabei wurden sowohl Ansatzpunkt für Veränderungen (z.B. das Zeigen von Gefühlen, häusliche Arbeitsteilung, Anerkennung der Folgen von Gewalt) identifiziert als auch mögliche Folgeaktivitäten (z.B. Achtsamkeits- und Toleranzschulung, Umgang mit Ärger und Wut) besprochen (Eckman 2007).

Literatur

Keupp, Heiner (Hrsg.) (1997): Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Dannenbeck, Clemens (2002): Selbst- und Fremdzuschreibungen als Aspekte kultureller Identitätsarbeit. Ein Beitrag zur Dekonstruktion kultureller Identität, Opladen: Leske+Budrich.

Riedel, Sabine (2005): Die Erfindung der Balkanvölker. Identitätspolitik zwischen Konflikt und Integration, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schwan, Gesine/ Holzer, Jerzy/ Lavabre, Marie-Claire/ Schwelling, Birgit (Hrsg.) (2006): Demokratische Politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaft, 2006.

Schrader, Lutz (2008): Zivilgesellschaftliche Identitätsarbeit in Friedensprozessen. Konzeptionelle Grundlegung für ein neues Handlungsfeld des Zivilen Friedensdienstes im westlichen Balkan, Forum Ziviler Friedensdienst (ZFD), Bonn.
www.forumzfd.de/

Volkan, Vamik D. (2004): Blindes Vertrauen. Großgruppen und ihre Führer in Krisenzeiten, Gießen: Psychosozial-Verlag.

Links

Cerutti, Furio (2003): Politische und kulturelle Identität Europas, Online-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung.
http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50360.pdf

Eckman, Anne u.a. (2007): Exploring Dimensions of Masculinity and Violence. "Western Balkans Gender-Based Violence Prevention Initiative: Exploring dimensions of masculinity and violence".
http://www.carenwb.org/sasa/Exploring%20dimensions%20of%20masculinity %20and%20violence.pdf

Georgievski, Boris (2009): Ghosts of the Past Endanger Macedonia's Future.
http://www.balkaninsight.com/en/main/news/23207/

Wiki zum Thema "Identität". Theorien der Identität.
http://elearning.hawk-hhg.de/wikis/fields/Identitaet/field.php


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23. Dezember 2009


 
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