Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Zur Debatte: Flucht, Vertreibung, Versöhnung


12.11.2008
Im März 2008 beschloss die Bundesregierung, unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums eine unselbstständige Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" zu errichten. Wolfgang Benz verfolgt die Pläne für das Zentrum für Vertreibungen bereits seit mehreren Jahren. In diesem Artikel zeichnet er die Debatte nach.

Das Vertriebenenzentrum der Stiftung “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” wird in zwei Stockwerken des Deutschlandhauses in Berlin nahe dem Anhalter Bahnhof errichtet.Das Vertriebenenzentrum der Stiftung “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” wird in zwei Stockwerken des Deutschlandhauses in Berlin nahe dem Anhalter Bahnhof errichtet. (© AP)

Im März 2008 beschloss die Bundesregierung, unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums eine unselbständige Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" zu errichten. Vorangegangen war der jahrelange Streit um ein Projekt "Zentrum gegen Vertreibungen", für das die CDU-Politikerin Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die Werbetrommel gerührt hatte. Ihr Projekt, das gleichzeitig als Gedenkstätte zur Erinnerung an das Leid der deutschen Heimatvertriebenen, als Dokumentationsstelle, als Denkmal, Museum, zentraler Veranstaltungsort fungieren sollte, bot viele Angriffsflächen. Die Idee des "Vertreibungszentrums", in den 1990er Jahren ganz offensichtlich als erinnerungspolitischer Reflex auf die "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas" propagiert, spaltete die Öffentlichkeit.

Das Projekt trübte auch die politischen Beziehungen zu den Nachbarn, weil es mindestens in Polen und Tschechien irritierte, weil die Initiatoren darauf beharrten, dass es in Berlin und nirgendwo anders seinen Sitz haben sollte. Der Versuch, im Gegenzug eine Erinnerungs- und Dokumentationsstätte in internationaler Trägerschaft im europäischen Geist etwa in Breslau/Wroclaw oder in Görlitz/Zgorzelec, vielleicht auch in Prag, jedenfalls nicht in Berlin zu etablieren, wurde zwar prominent unterstützt, war aber nicht erfolgreich. Polen und die tschechische Republik übten sich, ob der schrillen Begleitmusik des Bund der Vertriebenen-Projekts misstrauisch geworden, in Zurückhaltung.

Nationaler Anspruch und Interessen der Trägerschaft



Ungewöhnlich war auch die Diskrepanz zwischen dem nationalen Anspruch des Zentrums gegen Vertreibungen und seiner Trägerschaft, nämlich einer Stiftung des Vertriebenenverbandes. Problematisch war schließlich die politische Argumentation, die Emotionen stimulierte, aber intellektuellen – d.h. wissenschaftlichen und formalen – Ansprüchen nicht genügte. Denn Anlass und Ursache der Vertreibung waren so wenig thematisiert wie die Integrationsleistungen der beiden Nachkriegsstaaten BRD und DDR, stattdessen arbeitete man mit Schuldzuweisungen, suchte Analogien zu Völkermorden des 20. Jahrhunderts und gründete Forderungen auf die Behauptung, das Leid der zwölf Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren, sei bislang zu wenig gewürdigt, ja sogar tabuisiert worden.

Seine inhaltlichen Positionen hatte der Bund der Vertriebenen in einer Ausstellung "Erzwungene Wege" im Sommer 2006 dargelegt. Trotz des Bemühens um eine differenziertere Sicht, als sie in den ursprünglich ganz auf Emotionen zielenden und den "Vertreiberstaaten" Polen und Tschechoslowakei die Schuld zumessenden Konzepten erkennbar war, blieb die politische Absicht unübersehbar. Dies umso mehr, als zu gleicher Zeit, in der die Ausstellung des Vertriebenenbunds im Kronprinzenpalais in Berlin gezeigt wurde, in unmittelbarer Nachbarschaft im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung zum gleichen Thema zu sehen war, die vom Bonner "Haus der Geschichte" (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) erarbeitet worden war. Diese, als ausgewogen und umfassend gerühmte Darstellung deutscher Geschichte, soll die Grundlage der Präsentation im künftigen Dokumentations-Zentrum der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" am Anhalter Bahnhof bilden.



 

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