Dossier Frauenbewegung

13.1.2009 | Von:
Dr. Mechthilde Vahsen

Louise Dittmar

Louise Dittmar (1807 - 1884) galt und gilt als eine der radikalen Frauenrechtlerinnen des Vormärz, der Zeit vor den Revolutionen von 1848/49. In ihren Büchern setzte sie sich konsequent für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein.

Skizze von Louise DittmarSkizze von Louise Dittmar (© AddF)
"Ein Hauptaugenmerk für uns Frauen muß aber gegenwärtig auf das Bestreben gerichtet sein, uns die Mittel zur Unabhängigkeit zu erwerben. Erwerb! (...) Es heißt die Frau der menschlichen Würde berauben, wenn man ihr das Recht der Selbstthätigkeit entzieht oder sie in der Geltendmachung desselben hemmt. Dies geschieht aber durch unsere ganze politische und soziale Einrichtung."Gabriele Käfer-Dittmar: Louise Dittmar (1807-1884). Un-erhörte Zeugnisse. Justus von Liebig Verlag Darmstadt 1992, S. 250f.

Johanna Friederike Louise Dittmar wurde am 7. September 1807 in Darmstadt geboren. Insgesamt bekommen die Eltern, Oberfinanzrat Heinrich Karl und Friederike Caroline, zehn Kinder. Doch das Geld reichte trotz der Zugehörigkeit zum angesehenen Bürgertum nur für das Studium der acht Söhne und die Heirat der ältesten Tochter. Louise hingegen war für die Rolle ausersehen, die Eltern im Alter zu pflegen und zu versorgen. Sie besuchte die Mädchenschule und erarbeitete sich autodidaktisch die Schriften von Philosophen, Sozialreformern, Religionskritikern und Staatstheoretikern.


Beides – die Erziehung von bürgerlichen Frauen zur Ehe und die Verweigerung einer fundierten Ausbildung – empfand die junge Frau schon früh als Diskriminierung. Und obwohl die Familie politisch aktiv war und demokratische und republikanische Standpunkte vertrat, herrschte ein rigoroses Frauenbild. Trotzdem wurde viel über die so genannte soziale Frage gesprochen. Dies war schließlich auch das Thema, dem sich die junge Frau – nachdem die Eltern 1839 bzw. 1840 gestorben waren – widmete. Allerdings verknüpfte sie die wesentlichen Aspekte mit der Gleichberechtigung und der Freiheit von Frauen und Männern.

Besonders interessierte sie sich für die Schriften des Philosophen Ludwig Feuerbach, mit dem sie in Briefwechsel stand. Schließlich veröffentlichte sie in den politisch unruhigen 1840er Jahren ihr erstes Buch, "Skizzen und Briefe aus der Gegenwart". In diesem Essay stellte sie ihre religiöse Auffassung vor, sie plädierte für Religions- und Glaubensfreiheit und verband diese Kritik mit einem politischen Statement. Sie sah im Streben des einzelnen Menschen nach Vervollkommnung das wichtigste Ziel und positionierte somit den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Vorstellung. Aus dieser Weltsicht leitete sie zwei Forderungen ab: Grundlegende Veränderungen innerhalb der ökonomischen Gegebenheiten, um die soziale Frage, die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, wie sie gerade in den 1840er Jahren rasant passierte, zu lösen, und ein anderes politisches System, und zwar den Sozialismus.

Dittmar hatte frühsozialistische Bücher aus Frankreich gelesen und sich mit diesen gesellschaftlichen Entwürfen vertraut gemacht. Doch dabei blieb sie in ihrem ersten anonym veröffentlichten Werk nicht. Denn ihrer Meinung nach konnte eine solche neue Ordnung nur dann funktionieren, wenn das Verhältnis der Geschlechter anders gestaltet würde, weg von der Herrschaft der Männer über die Frauen und hin zu Freiheit für alle Geschlechter.

"Nennen wir das Kind bei seinem Namen. Der Mann erkennt die Frau niemals als um ihretwillen geschaffen, und gestattet ihr darum keine freie Entwicklung, keine Besonderheit, kein freies Ziel ihrer eigenen Natur. Wenn er sie lieben kann, hat sie alle Bedingungen erfüllt, wenn er sie nicht liebt, verliert sie alle Rechte und somit alle Anerkennung."Louise Dittmar: Skizzen und Briefe aus der Gegenwart, Darmstadt 1845, S. 61.

Religion und Philosophie setzte sie als sich ähnelnde wichtige Ideengebiete zueinander in Beziehung. Beide wurden auf Gerechtigkeit und Brauchbarkeit im Hinblick auf die Geschlechterfrage überprüft und für nicht tauglich befunden. Bereits hier kristallisierte sich der für Dittmar grundlegende Begriff der Freiheit heraus, nur er ermöglichte ihrer Meinung nach eine notwendige Unabhängigkeit des Denkens und Lebens.

"Nur in freien Verhältnissen kann das Gefühl der Unabhängigkeit Wurzel fassen, und nur aus diesem Gefühl kann das Selbstbewußtsein wachsen, wodurch man zu einem unbefangenen Urtheil über sich selbst gelangt. (...) Ich kann nicht umhin, bei denjenigen, welche die Möglichkeit ihrer Freiheit bezweifeln, das Erkennen derselben wie das Erfassen der weiblichen Natur zu bezweifeln. Sie forschen im ganzen Dasein eine unbedingt freie Stellung des Menschen zu finden, aber sie begreifen im eigentlichsten Sinn nur den Mann darunter; es bleibt immer noch ein Fäserchen Unfreiheit, an welchem die Frau hängt."Ebd., S. 59.

Mit diesem radikal-feministische Ansatz war Louise Dittmar ihrer Zeit weit voraus. Obwohl sich in diesen Jahren mehrere Frauen für die Gleichstellung von Frauen einsetzten, führte die Niederschlagung der Revolutionen von 1848 zunächst in eine politische Restaurationszeit. Erst der radikale Flügel der ersten deutschen Frauenbewegung griff zu Beginn des 20. Jahrhunderts solche Forderungen, wie sie Louise Dittmar bereits 1845 öffentlich vertrat, wieder auf.

1845 erschien auch ihre Satire "Bekannte Geheimnisse", in der sie mit dem liberalen Bürgertum hart ins Gericht ging und dessen Bemühen um gesellschaftliche Anerkennung vorführte.

Bereits ein Jahr später gab es eine weitere intensive kritische Auseinandersetzung, diesmal mit den christlichen Religionen: "Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christentum". Darin und in "Lessing und Feuerbach" plädierte die Autorin gegen Dogmatismus und für Religionsfreiheit: "Religionsfreiheit besteht darin, daß Jeder ohne Vorschrift glauben darf, was er will und kann, und wissen darf was er weiß; daß er mit eigenen Sinnen wahrnimmt und mit eigener Ueberzeugung bekennt."Ebd., S. 93.


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