Fachtagung Politische Gewalt

Ist politische Gewalt männlich?


16.9.2016
Beim Gedanken an Terror und Gewalt haben die meisten Menschen männliche Täter vor Augen. In der Tat stellen Männer die große Mehrheit derjenigen, die Gewalt ausüben. Das ist bei politischer Gewalt nicht anders, als bei anderen Formen von Gewalt. Der Workshop ergründete Geschlechterfragen im Kontext politischer Gewalt.

Anders, als die Workshopteilnehmer vermuteten, gehen "an die 50 Prozent" der rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Gewalt von Frauen aus, referierte Silke Baer vom Verein cultures interactives.Anders, als die Workshopteilnehmer vermuteten, geht "an die 50 Prozent" der rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Gewalt von Frauen aus, referierte Silke Baer vom Verein cultures interactives. (© bpb/Nils Pajenkamp)

München, Würzburg, Ansbach und ebenso 9/11: Die Täter waren stets Männer. Frauen hingegen scheinen an Taten der politischen Gewalt nicht beteiligt zu sein. Doch der Schein trügt. Frauen setzen durchaus politisch motivierte Gewalt ein und haben auch Beteiligungen an Gewalttaten der Männer.

Der Anteil von Frauen an Gewalttaten



Die Meinungen der Teilnehmer des Workshops war eindeutig: Körperliche Gewalt wird nur zu einem Bruchteil von Frauen angewendet. Silke Baer, pädagogische Leiterin von cultures interactives e.V., führte aus, dass allerdings an die 50 Prozent der rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Gewalt von Frauen ausgehe. Wie groß der Anteil von Frauen hingegen in rechtsextremen Gruppierungen ist, sei weitaus schwieriger einzuschätzen, da es dafür zu wenig Daten gebe.

Frauen gebe es in jeder extremistischen und gewalttätigen Gruppierung, so Dr. Michaela Köttig, Professorin für Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktberatung an der Frankfurt University of Applied Sciences. RAF, NSU oder auch der "Islamische Staat": Überall seien Frauen vertreten.

Die Beteiligung der Frauen



Ihre Aufgaben weichten gleichwohl stark voneinander ab. So seien Frauen im "Islamischen Staat" vor allem für die Erziehung der Kinder zuständig, während Beate Zschäpe im NSU direkter am Terror beteiligt war. Meist brächten Frauen sich organisatorisch bei Gewalttaten ein. So könnten sie Wohnungen anmieten, Konten eröffnen oder auch Waffen verstecken. Gleichwohl könnten sie auch Männer anstacheln und dazu motivieren Gewalt auszuüben. Daher sei ein weiter Gewaltbegriff vonnöten, so Michaela Köttig. Das bedeute aber nicht, dass Frauen, nur weil sie weniger direkte Gewalt ausübten, weniger ideologisiert seien. Doch wie geraten Frauen in eine gewaltbereite und extreme Gruppierung hinein? Oft würden sie durch Freundinnen oder den Lebenspartner hineingetragen. Die familiäre Haltung könne in dieser Hinsicht ein großer Faktor sein, ebenso traumatische Erfahrungen im früheren Leben wie Missbrauch oder Schläge durch Eltern oder Partner. "Gewalt hat kein Geschlecht", so Köttig.

Mittels eines Fallbeispiels wurde der Werdegang einer sehr gewaltbereiten und extremistischen Frau aufgezeigt: Der Großvater war früher NSDAP-Mitglied, sie selbst in schwierigen familiären Verhältnisse aufgewachsen, schließlich von den Großeltern erzogen worden. Die eigene Zwillingsschwester wurde durch den Vater getötet. Nachdem sie einen rechtsextremen Mann kennenlernte, eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Büro der NPD absolvierte und mehrere Körperverletzungen beging, trat sie der NPD bei und wurde Landessprecherin. Das Beispiel mache erstens anschaulich, dass die Biografien von Frauen oft die Gewaltbereitschaft- oder akzeptanz fördere bzw. gänzlich erschaffen könne und zweitens, dass Ideologisierung bereits in der Familie stattfinden könne.

Zur Prävention



Silke Baer, Expertin für Präventionsarbeit von Frauen im Rechtsextremismus, nannte einige Empfehlungen zur Präventions- und Distanzierungsarbeit. Man solle sich insgesamt breit aufstellen und sich nicht auf einen Anspracheort versteifen. Explizit müsse man auch die Geschlechterrollen thematisieren. Dies gelte jedoch nicht nur für die Präventionsarbeit mit Frauen, sondern genauso für die mit Männern. Für die Arbeit mit Frauen böten sich dafür u.a. Frauenhäuser an, gleichwohl wäre diese Möglichkeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Zudem könne in der Jugendprävention mit Männlichkeitsentwürfen und tradierten Geschlechterkonstellationen gearbeitet werden.

Festgehalten wurde schließlich, dass politische Gewalt in keinem Fall per se männlich sei. Frauen setzten jedoch weitaus weniger körperliche Gewalt ein und übernähmen dafür häufig organisatorische Funktionen. Präventionsarbeit gezielt für gefährdete Frauen sei zudem eine große Aufgabe für die Gesellschaft.
Referenten:
Prof. Dr. Michaela Köttig, Frankfurt University of Applied Sciences
Silke Baer, Cultures Interactive, Berlin

Moderation: Anna Hoff, Bundeszentrale für politische Bildung


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